Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. «Klar, ABN Amro will den Schweizer Ast verkaufen», sagt der altgediente Investmentbanker. Der Verkaufsprozess dauere nun schon so lange, dass ein Deal vor der Tür stehen dürfte, so der Insider, der namentlich nicht erwähnt werden möchte.

Zuschlagen könnte Vontobel, sagt eine andere Quelle, die mit den internen Vorgängen bei der Zürcher Privat- und Investmentbank bestens vertraut ist. «Das Top-Management hat eine Vertraulichkeitserklärung unterzeichnet, jetzt ist das Objekt unter der Lupe.» Ob es sich dabei aber um ABN handelt, will er nicht bestätigen. Beide Banken nehmen zu Übernahmegerüch­ten wie immer keine Stellung.

Offensichtlich ist jedoch, dass Vontobel in der Vermögensverwaltung einen Gang hochschalten will. «Es ist ein offenes Geheimnis, dass wir Akquisitionen prüfen, sofern sie für uns Sinn machen», sagt Reto Giudicetti. Doch die Grösse stimmt. «Wir wollen uns nicht übernehmen», so der Vontobel-Sprecher.

Risiko Schwarzgeld

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Der schweizerische Arm von ABN Amro, der das weltweite Geschäft mit den Privatkunden des holländischen Finanzkonzerns umfasst, wäre ein grosser Brocken für die Zürcher Privatbank. Ende 2010 verwalteten die Holländer Kundenvermögen über 14 Milliarden Franken, knapp 2 Milliarden Franken weniger als im Jahr zuvor. Vontobel bringt mit Vermögen von 40 Milliarden fast drei Mal mehr auf die Waage.

Das Geschäft der ABN-Amro-Tochter lief zuletzt harzig, mit einem Gewinn, der auf 1,6 Millionen Franken absackte. Stellen fielen weg, trotzdem stiegen die Personalkosten um 7 Prozent. Kenner der Zürcher Bankenszene schätzen den Preis für ABN Amro Schweiz auf 100 bis 150 Millionen Franken. Eine Grössenordnung, die für Vontobel kein Problem darstellen sollte. Letztes Jahr erzielte das Institut einen Gewinn von 147 Millionen.

Der Preis wäre also nicht zu hoch, was in den derzeitigen Trend passt: In letzter Zeit habe es Deals gegeben, bei denen praktisch nichts mehr für die erworbenen Kundenvermögen bezahlt worden sei, sagt ZKB-Bankenanalyst Andreas Venditti. Es komme «stark auf die Herkunft und die Qualität der Gelder an», sagt er. Tatsächlich könnten unversteuerte Kundengelder aus dem Ausland, sogenanntes Schwarzgeld, kurzfristig mehr kosten als rentieren. Je nach Abkommen, welche die Schweiz mit Deutschland, England und später mit weiteren EU-Ländern abschliessen will, müssen die Banken hohe Abgeltungen auf nicht deklarierte Vermögen zahlen.

Vontobel müsste sich demnach auch noch mit solchen Risiken herumschlagen. Dabei sähe sich das ABN-Amro-Schweiz-Team am liebsten an Julius Bär verkauft. Doch die Zürcher Privatbank sei nicht bereit, gleich tief in die Tasche zu greifen wie Vontobel, berichten Insider. Das Bär-Management erachte einen Kauf als weniger dringlich. Nach mehreren Übernahmen in jüngerer Vergangenheit, darunter dem Kauf des Schweizer Private Banking der holländischen ING, verwaltete Julius Bär Ende 2010 rund 170 Milliarden Franken an Kundenvermögen. Das sind gut viermal so viel wie Vontobel.

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Kleiner als die Konkurrenz

Auch die Basler Sarasin, deren Spitze in letzter Zeit laut über eine Abspaltung von der holländischen Mutter Rabobank nachdachte, ist mit über 100 Milliarden ein schwereres Kaliber als Vontobel. «Das Private Banking von Vontobel ist im Vergleich zu Julius Bär oder Sarasin klein, da würde ein Zukauf Sinn machen», sagt ZKB-Analyst Venditti.

Zu dieser Einschätzung sei das Vontobel-Topmanagement längst selbst gekommen, sagt eine andere Quelle. «Jeder Zukauf im Private Banking wäre erwünscht.» Die heutige Vermögensbasis sei gefährlich tief und würde dieses Jahr durch die Fremdwährungsverluste der Kunden zusätzlich gedrückt, was sich direkt auf die Verwaltungsgebühren auswirken wird.

Vontobel versuche deshalb heute beinahe verzweifelt, an Kundenvermögen zu kommen. Dabei spielten auch Risikoüberlegungen mit, meint der Insider. Die einseitige Abhängigkeit vom Investmentbanking könne dadurch reduziert werden. Von Vontobels Vorsteuergewinn entfielen letztes Jahr zwei Drittel auf die Sparte Investmentbanking. Besonders gefährlich erachtet die Vontobel-Quelle diesen Geschäftsmix, weil es sich beim Investmentbanking im Kern um eine Produktefabrik mit Fokus auf Derivate-Instrumente handle. Für Vontobel mit einem Eigenkapital von 1,5 Milliarden Franken sei dieses Geschäft viel zu gross geworden. Umso wichtiger sei eine relative Verlagerung zum Private Banking.

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Offensive geht weiter

Mit einer Übernahme des schweizerischen Teils von ABN Amro würde Vontobel jedoch den Sprung auf über 50 Milliarden Franken an verwalteten Privatkundenvermögen schaffen. So könnte die Bank laut ZKB-Analyst Venditti die steigenden Kosten in der Vermögensverwaltung durch höhere Gebühreneinnahmen abfedern.

Schon vor knapp zwei Jahren zeigte Vontobel, dass die Bank durchaus über Ambitionen im Private Banking verfügt. Sie erwarb den Schweizer Teil der deutschen Commerzbank mit 4,5 Milliarden Franken an Kundengeldern. Der Deal von damals könnte nun als Start einer Offen­sive in die Geschichte eingehen. «Der Kauf der Commerzbank Schweiz war ein Anfang», sagt Vontobel-Sprecher Giudicetti. «Weitere Akquisitionen schliessen wir keineswegs aus.»