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Ausblick
Vor dem Brexit-Votum: Die Brandherde an den Märkten

Finanzplatz London: Die Himmel hängt derzeit tief. Keystone

Eine Woche vor dem Brexit-Votum steigt die Nervosität an den Börsen. Welchen Schatten wirft die Abstimmung auf den Franken, das Pfund und die wichtigsten Aktienindizes?

Von Andrea Marthaler und Caroline Freigang
am 15.06.2016

In einer Woche stimmt Grossbritannien über die Zukunft Europas ab. Verlassen die Briten den Staatenbund oder nicht? In zwei neuen Umfragen liegen die Befürworter eines Brexits mit bis zu 7 Prozentpunkten vorn. Die Nervosität vor dem Votum lastet schon längst vor der Abstimmung auf den Märkten. Anleger haben ihre Investments wegen der Ungewisstheit heruntergefahren.

Viele Unternehmen befürchten, dass sich ein Brexit nachteilig auf ihr Geschäft auswirken könnte. Während die Aktienmärkte Verluste verzeichnen, legen Anlagen in Gold und Währungen, die als «sichere Häfen» gelten, zu. In den USA bremst weniger die Angst vor dem Brexit und mehr die Unsicherheit vor einer möglichen Zinserhöhung. Die Fed-Sitzung am Mittwoch liess kaum neue Schlüsse über den Zeitpunkt dieser Erhöhung zu. Ein Überblick, wie es auf den Devisen- und Anlagemärkten derzeit aussieht.

Britisches Pfund schwächer

Die Angst vor dem Brexit schwächt das britische Pfund, es. In Mitleidenschaft gezogen wird auch der Euro. Er fiel diese Woche zwischenzeitlich zum Dollar unter die Marke von 1,12 und markierte zum Franken unter 1,08  ein neues Jahrestief,  konnte sich Mitte Woche allerdings etwas stabilisieren. Sichere Währungen wie der Franken, der US-Dollar, aber auch der japanische Yen sind vor der Referendums-Abstimmung sehr gefragt. Der japanische Yen war heute Donnerstag so stark wie zuletzt im August 2014.
 
Stimmen die Briten für den Austritt aus der EU, dürfte es am Devisenmarkt noch deutlich turbulenter werden. Experten halten einen Fall des Pfunds auf den tiefsten Stand seit 30 Jahren für möglich. Weil dann Anleger erst recht in den Franken als «sicheren Hafen» flüchten, geriete die Schweizer Währung massiv unter Aufwertungsdruck. Experten des Analysehauses Roubini rechnen gar damit, dass der Euro bei einem Brexit unter die Parität zum Franken sinken könnte. Dem wird die Schweizer Nationalbank (SNB) – wie nach Aufhebung des Euro-Mindestkurses – allerdings gegensteuern. SNB-Präsident Thomas Jordan betonte bei der heutigen geldpolitischen Lagebeurteilung, man werde die Situation genau beobachten und bei Bedarf Massnahmen ergreifen.
 
Nervosität an den Börsen

Dass inzwischen ein Brexit nicht mehr als unmöglich gilt, zeigte sich diese Woche auch an den Europäischen Börsen. Eurostoxx, Dax und auch die Schweizer Börse zeigten zu Wochenbeginn tiefrote Kurse. Derart hohe Kursverluste gab es zuletzt nach den heftigen Turbulenzen an den chinesischen Finanzmärkten. Trotz der zwischenzeitlichen Erholung zur Wochenmitte bleibt die Nervosität an den Börsen vor der Abstimmung am 23. Juni hoch. Der Schweizer Leitindex SMI steht auch am Donnerstag unter Druck und notiert aktuell bei rund 7'600 nur noch wenig über dem Jahrestief von 7'425 Punkten. Alles wartet auf den Befreiungsschlag in Form eines Neins der Briten zum EU-Austritt.
 
Ein Brexit dagegen würde die Aktienmärkten belasten – und das nicht nur an der Londoner Börse. Markus Herrmann, Chef-Analyst der Landesbank Baden-Württemberg, hält dort ein Minus von bis 40 Prozent für möglich. Wie lange der Schock anhält, ist allerdings fraglich. Denn der Austritt würde nicht unmittelbar erfolgen, sondern frühestens nach einer Übergangszeit von zwei Jahren. Die Unsicherheit könnte die Börsen darum länger bremsen und für weitere Volatilität sorgen.

Flucht in Staatsanleihen

Sagen die Briten der EU «Bye Bye», werden wohl weitere Anleger zu den als sicher geltenden Staatsanleihen greifen. Die nervöse Stimmung vor dem Brexit-Votum führt bereits jetzt zu einer starken Nachfrage nach deutschen Bundesanleihen. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik fiel die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen am Dienstag unter null, nämlich auf minus 0,004 Prozent. Das bedeutet, Anleger sind mittlerweile bereit, Gebühren zu zahlen statt Zinsen zu kassieren.

Der Europäischen Zentralbank (EZB) könnten Experten zufolge derweil in wenigen Monaten deutsche Staatsanleihen für ihr umstrittenes Wertpapier-Kaufprogramm ausgehen. Da die Renditen der Bundesanleihen aktuell immer weiter sinken, dürften bald nur noch wenige deutsche Schuldtitel die EZB-Kriterien erfüllen. Nur solche Anleihen mit Laufzeiten von zwei bis 30 Jahren, deren Rendite nicht unter dem aktuellen Einlagensatz liegt, erfüllen die Voraussetzungen für das EZB-Programm.

Spekulationen mit «Gilts»

Weitere Kursgewinne sagen Ökonomen auch den «Gilts» genannten britischen Staatsanleihen voraus. Anleger, die auf eine Zinssenkung der britischen Notenbank zur Linderung der Folgen eines Brexit spekulieren, sichern sich damit die aktuelle höhere Verzinsung. Vor allem die Kurse der Papiere mit einer Laufzeit von bis zu fünf Jahren könnten nach oben schiessen und die Renditen im Gegenzug fallen.

Goldpreis-Rallye

Die Sorge vor den Folgen eines Brexit gibt auch dem Goldpreis Auftrieb. In den vergangenen zwei Wochen stieg dieser um etwa 80 Dollar je Feinunze. Nach Einschätzung des Analysten David Lennox vom australischen Handelshaus Fat Prophets deutet derzeit einiges darauf hin, dass der Goldpreis die Rally der vergangenen Handelstage fortsetzen könnte. Bereits heute Donnerstag stieg der Goldpreis über die Marke von 1300 US-Dollar je Feinunze.

Ebenfalls eine Rolle spielt dabei die Geldpolitik der USA: Mittlerweile rechnet der Markt nicht mehr mit einer baldigen Zinserhöhung durch die US-Notenbank Fed.

Ölpreis ist wieder unter Druck

Die Erholung beim Ölpreis verpufft derzeit in einem erneuten Abwärtstrend. Die Angst vor den Folgen eines Brexit für die Weltwirtschaft belastet auch hier und drückte den Ölpreis unter die 50-Dollar-Marke. «Schwächere Konjunkturdaten aus China und das näherrückende Brexit-Referendum haben zu einem merklichen Anstieg der Risikoaversion geführt», schrieb Eugen Weinberg, Rohstoffexperte bei der Commerzbank. «Die Ölpreise können sich dieser negativen Marktstimmung nicht entziehen.»

Für zusätzlichen Preisdruck am Ölmarkt sorgt die Aussicht auf eine wieder höhere Fördermenge in den USA. Analyst Angus Nicholson vom britischen Handelshaus IG Group sagte, es sei ein Preisniveau erreicht worden, bei dem amerikanische Förderfirmen begännen, ihre zuletzt stillgelegten Bohrlöcher wieder zu reaktivieren, .

(Mit Material von awp, reuters und sda)

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