Am Anlagemarkt werden im heutigen Umfeld risikoarme Renditen in der Höhe von 1,8 bis 2,3 Prozent erzielt. Natürlich kann die Pensionskasse mit höherem Risiko – also Aktieninvesti­tionen – diese Rendite verbessern. Mit ­einem höheren Risiko steigt aber immer auch die Wahrscheinlichkeit, tiefere beziehungsweise kurzfristig sogar negative Renditen zu erzielen und damit auch das Risiko einer Unterdeckung und schlimmstenfalls einer Sanierung einzugehen.

Der richtige technische Zinssatz

Jede Pensionskasse muss die momentanen und künftigen Verpflichtungen gegenüber den Versicherten genau kennen. Der technische Zinssatz ist dabei der zentrale Parameter für die Berechnung dieser versicherungstechnischen Verpflichtungen. Mit dem technischen Zins werden die künftigen Leistungen und Beiträge auf den Berechnungszeitpunkt bewertet (diskontiert). Ganz wichtig: Der Zins ist unter Berücksichtigung der Erwartungen der langfristigen Vermögensrendite festzulegen. Diese Rendite schwankt jedoch mit dem jeweiligen Marktpreis der Aktien und Obligationen. Der technische Zins ist somit ein durchschnittlicher Wert, der für ­einen längeren Zeitraum gelten muss und aus diesem Grund auf der Zeitachse geglättet wird. Heute beträgt der technische Zinssatz im Durchschnitt 3,4 Prozent.

Werden die Verpflichtungen mit einem tieferen – möglichst risikoarmen und damit dem Wunsch der Versicherten nach Sicherheit entsprechenden – Zinssatz bewertet, sind wenig bis keine Anlagerisiken in die Bewertung der Verpflichtungen eingerechnet. Es wäre damit von einem technischen Zinssatz von 1,4 bis 1,7 Prozent auszugehen. Diese Absenkung hat zur Konsequenz, dass sich die Verpflichtungen erhöhen: Je tiefer der Zinssatz ist, desto höher muss das Anfangskapital sein. Ebenfalls wäre der Umwandlungssatz von heute 6,8 auf etwa 5,0 ­Prozent zu reduzieren. Die Folgen der Einführung des risiko­adjustierten und damit «richtigen technischen Zinssatzes» liegen somit auf der Hand: Die Verpflichtungen der Renten­bezüger erhöhen sich um mehr als 20 Prozent, was zu einer Reduktion der zukünftigen Renten um mehr als ein Viertel und einer möglichen Sanierung der Pensionskasse führt.

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Beitragserhöhungen wären notwendig

Damit ist aber klar: Ausgehend von den heutigen Renditeerwartungen für sichere Anlagen sind Renten in bisher vorgesehener Höhe nicht realistisch, und als Kompensation sind Beitragserhöhungen bei Arbeitgeber und Versicherten notwendig.

Die genaue Kenntnis aller relevanten Zahlen und Begriffe ermöglicht es dem Stiftungsrat, das Risiko, das sich seine Pensionskasse mit der Wahl des technischen Zinssatzes im Vergleich zum Anlage­markt leisten kann, zu definieren.

Das Vermögen einer Pensionskasse wird nach Marktwert festgelegt. Der Wert von Aktien, Obligationen und Immobilien ist von der Marktentwicklung abhängig und das Vermögen verändert sich damit grundsätzlich täglich. Zum Ausgleich dieser Vermögensschwankungen ist in der Schweiz für Pensionskassen die Bildung von Reserven vorgesehen. Ist diese Schwankungsreserve zu 100 Prozent angespart, so ist das Anlagerisiko beziehungsweise das Marktrisiko abgedeckt. Technisch ausgedrückt: Die Pensionskasse hat die volle Risikofähigkeit erreicht.

Der Deckungsgrad entspricht dem Verhältnis des Vermögens der Pensionskasse zu ihren Verpflichtungen. Ein Deckungsgrad unter 100 Prozent bedeutet, dass das Vermögen zu klein ist, um zum Berechnungszeitpunkt alle Verpflichtungen zu decken. Das Gesetz vergleicht ­damit aber einen durchschnittlichen Wert (die Verpflichtungen berechnet mit dem technischen Zins) mit einem sich täglich verändernden Wert (dem Vermögen zum Marktwert). Mit anderen Worten: Der gesetzliche Deckungsgrad lässt keine Aussagen zum Marktrisiko der Pensionskasse zu.

Auswirkungen auf Schwankungen

Die Bewertung der Verpflichtungen erfolgt heute nicht mit einem risikoarmen Zinssatz. Der verwendete höhere technische Zinssatz beinhaltet ein Anlagerisiko. Deshalb kann auch für die Verpflichtungsseite das Risiko-­Modell der Vermögensanlage angewendet werden. Je höher der effektive technische Zinssatz im Vergleich zum risikoarmen technischen Zinssatz ist, umso grösser wirken sich die Schwankungen im Anlagebereich aus. Die Bildung einer Schwankungsreserve reduziert dieses Risiko. Analog zur Vermögensseite wird damit das Marktrisiko des technischen Zinssatzes transparent und die Pensionskasse wird zu jedem Zeitpunkt mit dem Marktrisiko verglichen. Denn: Die Risikofähigkeit der Pensionskasse wird am risikoarmen technischen Zinssatz gemessen. Bei vollständiger Schwankungsreserve beziehungsweise klarer Strategie, wie diese gebildet wird, ist ein höherer technischer Zinssatz verantwortbar. Der Stiftungsrat geht damit zwar bewusst Risiken ein, stellt aber gleichzeitig zur Sicherung die notwendigen Mittel zur Verfügung. Somit müssen zukünftige Leistungen nicht reduziert und die Beiträge nicht erhöht werden.

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Heute haben diverse Aufsichtsbehörden die Bildung von Schwankungsreserven für Verpflichtungen formaljuristisch unterbunden. Sie übernehmen damit de facto die Verantwortung für das nicht ­abgedeckte Marktrisiko eines zu hohen technischen Zinssatzes. Es ist aber an­zumerken, dass Risiken nicht einfach ­aufgrund formaljuristischer Begründungen verschwinden. Eine Anpassung der schweizerischen Buchhaltungsvorschriften für Pensionskassen (FER 26) an die Erkenntnisse der Risiken auf der Verpflichtungsseite und die Zulassung von Schwankungsreserven für Verpflichtungen werden im heutigen Zinsumfeld immer wichtiger.

Gestaltung und Führung

Die wichtigste Aufgabe des obersten Führungsorgans ist die Gestaltung und unternehmerische Führung der Vorsorgeeinrichtung, wozu auch die umfassende Risikobeurteilung gehört. Die Wahl des richtigen technischen Zinssatzes ist nichts anderes als die Risikobeurteilung der heutigen und der zukünftigen finanziellen Lage der Pensionskasse.

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* Roland Schmid, Pensionskassenexperte, Aktuar SAV und Geschäftsführer, Swiss Life Pension Services, Zürich.