Das Bild von der Tristesse des Alters wirkt wie ein billiges Klischee. Mit dem Ruhestand fängt für so manchen Schweizer das Leben erst richtig an. Heerscharen rüstiger Rentner stürmen Kreuzfahrtschiffe, belagern Hörsäle und tummeln sich bis ins hohe Alter auf Golfplätzen. Das Wort Verzicht kennen viele nur aus Erzählungen.

Doch die steigende Lebenserwartung stellt die Pensionskassen vor immer grössere Probleme. Alle fünf Jahre müssen ihre Mathematiker die zentrale Stellschraube in ihren Modellen anpassen. Dies hat weitreichende Folgen. Nun ist es wieder so weit. Seit kurzem liegen unter der Abkürzung BVG 2010 die neuen Sterbetafeln vor. Sie basieren auf Beobachtungen bei privatrechtlichen Pensionskassen.

Tausende von Franken weniger

Gemäss der kürzlich neu eingeführten BVG-Sterbetafel 2010 lebt eine 65-jährige Frau im Durchschnitt noch 21,9 Jahre. Vor fünf Jahren lag der Wert 0,9 Jahre tiefer. Bei den Männern liegt die statistische Lebenserwartung nach der Pensionierung neuerdings bei 19,6 Jahren – das sind gar 1,7 Jahre mehr gemäss der letzten Sterbetafel.
Der Preis für das längere Leben ist hoch. Das angesparte Geld der Versicherten muss für immer mehr Jahre reichen. Wer heute noch arbeitet, muss daher mit einer deutlich tieferen Rente rechnen. Eine Erhöhung der Lebenserwartung um ein Jahr senkt den sogenannten Umwandlungssatz um 0,15 bis 0,2 Prozentpunkte.

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Wie viel das ausmacht, zeigt ein einfaches Rechenbeispiel. Mit einem Umwandlungssatz von 6,4 Prozent erhält ein männlicher Versicherter bei Eintritt ins Pensionsalter aus seinem Altersguthaben von 500 000 Franken eine jährliche Rente von 32000 Franken. Wenn das Geld künftig 1,7 Jahre länger reichen soll, sinkt der zentrale Umwandlungssatz auf rund 6,0 Prozent. In der Folge erhält der Pensionär nur noch 30 000 Franken Altersrente. Unter dem Strich fehlen also pro Jahr plötzlich 2000 Franken. Das können die Kassen durch höhere Anlageerträge nicht wettmachen. Denn ihre Risikopolster sind für riskantere Investments zu gering.

Schon die nächste Anpassung

Die schweizerischen Vorsorgeeinrichtungen führen die neuen Grundlagen BVG 2010 derzeit schrittweise ein. Im Herbst folgt dann unter der Bezeichnung VZ 2010 das Pendant für die öffentlich-rechtlichen Kassen. Doch bereits laufen die Vorbereitungsarbeiten für die nächsten Sterbetafeln 2015. Die Lebenserwartung bei Männern und Frauen steigt nämlich weiter, wobei die Männer gegenüber den Frauen aufholen.

Die Zunahme der Lebenserwartung dürfte sich zwar in der Zukunft bei beiden Geschlechtern abschwächen. Trotzdem warnen Pensionskassen-Experten wie Olivier Deprez vor neuen Überraschungen: «Bislang wurde die Langlebigkeit tendenziell eher unterschätzt.»

Wer heute schon Rente bezieht, ist immerhin fein raus. Die Schweizer Pensionskassen nehmen nämlich zulasten der Vermögenserträge jährlich 0,3 bis 0,5 Prozent Rückstellungen vor. Damit tragen sie bei laufenden Renten der steigenden Lebenserwartung Rechnung.