Claude Frey gibt sich wortkarg. Der Präsident der Schweizer BVG-Kommission, welche den Bundesrat bei der beruflichen Vorsorge berät, will lediglich verraten, wann sein Gremium das nächste Mal tagt: Am 1. September. «Die Agenda wird kurzfristig festgelegt, um der Aktualität möglichst Rechnung zu tragen», so Frey.

Doch angesichts der heftigen Turbulenzen an den Finanzmärkten und den immensen Verlusten ist jetzt schon klar, was im Herbst besprochen wird. Die Arbeitgeber-, Arbeitnehmer- und Branchenvertreter werden über die Höhe des BVG-Mindestzinses für 2012 debattieren. Es geht um viel – nämlich um die Frage, wie die rund 600 Milliarden Franken Rentenvermögen in der 2. Säule künftig verteilt werden.

Tiefroter August

Die Pensionskassen müssen derzeit die angesparten Vorsorgegelder der Arbeitnehmer im Obligatorium mit mindestens 2 Prozent verzinsen. Auf den ersten Blick ist eine möglichst hohe Verzinsung aus Sicht einer berufstätigen Person erfreulich. Denn mit der Pensionierung steht so mehr Alterskapital zur Verfügung. Doch das Kapital muss erst mal erarbeitet werden. Im gegenwärtigen Marktumfeld ­seien 2 Prozent zu hoch, sagt Peter Bänziger, Anlagechef der Fonds- und Vorsorgemanagerin Swisscanto. «Vor dem Hintergrund der schlechten Börsenperformance und angesichts der mageren Rendite zehnjähriger Bundesobligationen, die nur etwa 1,2 Prozent abwerfen, erwarte ich eine Senkung des BVG-Mindestzinses von 2 auf 1,75 bis 1,5 Prozent», so Bänziger.

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Von einem noch deutlicheren Schnitt geht Graziano Lusenti aus. Der Geschäftsführer der Pensionskassenberatungsfirma Lusenti Partners in Nyon prognostiziert eine Rücknahme des Satzes auf 1,0 bis 1,25 Prozent.

Ein tieferer Mindestzins verschafft den Pensionskassen in ihrer angespannten ­Finanzlage etwas Luft. Bei der Mehrzahl der Vorsorgeeinrichtungen dürften nämlich die Verpflichtungen nicht mehr durch die Anlagen gedeckt sein – das zeigt sich am sogenannten Deckungsgrad. Die Mi­gros-Pensionskasse etwa, eine der grössten Schweizer Firmen-Pensionkassen, startete mit 105,1 Prozent Deckungsgrad ins Anlagejahr 2011. Derzeit schwanke diese Kennziffer «um 100 Prozent», heisst es bei der Migros.

Damit bewegt sich die Kasse an der oberen Bandbreite der Branche. Ende 2010 betrug der durchschnittliche Deckungsgrad bei privatrechtlichen Pen­sionskassen 104,6 Prozent, wie eine Umfrage der Swisscanto zeigt. Durch die massiven Kursverluste an den Börsen dürfte sich der Deckungsgrad bis in die ersten Augusttage hinein im Mittel um rund 5,5 Prozentpunkte auf etwa 99 Prozent verschlechtert haben, schätzt Lusenti.

Diese Meinung teilt auch Swisscanto-Experte Bänziger. «Die Resultate streuen sehr stark», gibt er zu bedenken. Je höher die Aktienquote, desto grösser fallen die Verluste aus, und umso stärker hat sich der Deckungsgrad verringert. Vergleichsweise glimpflich durch die Börsenturbulenzen kamen die Lebensversicherer, die bei ihren Pensionskassenlösungen nur minimale Aktienquoten fahren und die Fremdwährungen zum grössten Teil absichern.

Anders bei versicherungsunabhängigen Vorsorgeeinrichtungen. Dass dort umfassende Absicherungsmassnahmen ergriffen worden seien, dürfte eher die Ausnahme gewesen sein, so Bänziger von Swisscanto. Denn die Reaktionszeit von normalen Pensionskassen sei erfahrungsgemäss zu lang, als dass sie auf den abrupten Kurssturz hätten reagieren können.

«Wir verlieren nicht den Kopf»

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Praktisch vollständig auf Absicherung verzichtet die Vorsorgeeinrichtung Profond. Während bei den Börsianern in den Finanzzentren rund um die Welt die Nerven blank liegen, gibt sich Profond-Geschäftsführer Christoph Strohm gelassen. Dabei ist auch seine Kasse nicht ungeschoren durch die Börsenkrise gekommen. Profond versichert über 1600 KMU-Betriebe mit insgesamt mehr als 30 000 Arbeitnehmern – die Verpflichtungen ihnen gegenüber sind aktuell nur noch zu 90 Prozent gedeckt. Zu Jahresbeginn lag der Deckungsgrad immerhin noch bei knapp 100 Prozent.

«Wir verlieren deswegen aber nicht den Kopf und reagieren nicht mit Hektik und Panikverkäufen», erklärt Strohm. Als Vorsorgeeinrichtung habe Profond einen extrem langen Anlagehorizont von 60 Jahren – in der 2. Säule blieben die Pensionskassengelder schliesslich 40 Jahre lang während der Berufstätigkeit und danach nochmals 20 Jahre während der Pensionierung investiert.

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Strohm ist sich bewusst, dass sich diese Strategie nicht jede Kasse leisten kann. Profond ist eine Sammelstiftung, die firmenübergreifend organisiert ist und über den Anschluss neuer KMU-Betriebe die Versichertenbasis laufend ausbaut. «Wir nehmen fünfmal mehr Prämien ein, als wir Leistungen auszahlen», erklärt er. Das sei natürlich anders bei der Pensionskasse einer Firma, deren Belegschaft stagniert oder überwiegend aus Rentnern besteht. Bei einer solchen Vorsorgeeinrichtung fliesst laufend Geld ab – und sie kann daher unmöglich eine Anlagestrategie mit 50 Prozent Aktien wie Profond fahren.

Eine veränderte Welt

Aber auch bei Profond sind nachdenkliche Töne zu hören. Sollte das in den letzten Jahren gehäufte Auftreten von Crashs auf eine dauerhafte, strukturelle Veränderung des Wirtschaftssystems hindeuten, müsste man die Anlagestrategie überdenken, heisst es.

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Bei der Sammelstiftung Asga, einer Mitbewerberin der Profond, ist man bereits überzeugt, dass sich die Welt grundsätzlich geändert hat. Dank allgemein tiefer Aktienquote, Währungs- und Aktienabsicherungen konnte die Asga den Schaden für ihre über 70 000 Versicherten bisher in Grenzen halten. So verschlechterte sich der Deckungsgrad seit Jahresbeginn nur relativ moderat von 108,5 auf rund 105 Prozent.

Jürg Althaus, Leiter Kapitalanlagen bei Asga, spricht weiterhin einer Strategie mit vorsichtig formulierten Renditezielen das Wort und befürwortet daher eine Senkung des Mindestzinses. «Er ist ein Überbleibsel aus dem letzten Aktienbullenmarkt. Im Umfeld der künftigen weltweiten Entschuldung dürften die Anlagerenditen sinken, was gegen die Beibehaltung eines Mindestzinses von 2 Prozent spricht.»

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Auf der Achterbahn

Auch für die Lebensversicherer sei der Satz historisch gesehen zu hoch, erklärt Selma Frasa-Odok, Mediensprecherin des Schweizerischen Versicherungsverbands (SVV). «Der BVG-Mindestzins bedeutet eine Garantieverpflichtung», so Frasa-Odok. «Er muss deshalb so festgelegt werden, dass er für die Vorsorgeeinrichtungen realistischerweise erreichbar ist. Dies war in den letzten zehn Jahren nicht der Fall.» So betrug die BVG-Mindestverzinsung seit Anfang 2000 durchschnittlich 2,85 Prozent pro Jahr; effektiv erzielten die Pensionskassen im Mittel aber lediglich 1,95 Prozent Rendite (siehe Grafik).

Es sei verantwortungslos, so der Verband, dass die Garantie so hoch angesetzt werde. Dies führe dazu, dass grosse Aktienmarktrisiken eingegangen würden, die zu Kursschwankungen führten und das Erreichen der Garantie verunmöglichten. «Der SVV stellt sich auf den Standpunkt, dass eine Senkung des Mindestzinses auf höchstens 1,5 Prozent richtig wäre.»

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Dem widersprechen die Arbeitnehmervertreter, die in der BVG-Kommission Einsitz haben. «Die Gewerkschaft Unia wehrt sich vehement dagegen, dass die Arbeitnehmenden erneut für die Achterbahn der Spekulation zur Kasse gebeten werden sollen. Panikreaktionen in Unternehmen und Pensionskassen wären jetzt völlig verfehlt», erklärt Hans Hartmann vom Unia-Zentralsekretariat.

Pensionskassen erreichen die Mindestverzinsung nicht
Wertentwicklung der Pensionskassenanlagen und BVG-Mindestzins

Ausser in kurzen Phasen haben Pensionskassen seit 2000 an den Finanzmärkten stets zu wenig erwirtschaftet, um den BVG-Mindestzins zu erzielen (Basis: Pensionskassen mit Vermögenswerten bei Credit Suisse).

Vorsorge: Bei weiteren Verlusten drohen Sanierungen

Zielrendite
«Um ihre Verpflichtungen stemmen zu können, muss eine Pen­sionskasse typischerweise eine Rendite von 4 Prozent erzielen», so Patrik Frieden, Leiter Global Custody Solutions bei Credit Suisse. Bis Anfang August wären also 2,3 Prozent Performance nötig gewesen. Stattdessen fuhren die Vorsorgeeinrichtungen deutliche Verluste ein.

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Happige Verluste
Der Index «BVG-25 plus», den die Privatbank Pictet tagesaktuell errechnet, widerspiegelt relativ gut eine typische Pensionskasse – mit 20 Prozent Aktien, 65 Prozent Obligationen, 10 Prozent Immobilien und 5 Prozent alternativen Anlagen. Seit ­Anfang Jahr hat eine solche Kasse rund 3,5 Prozent verloren. Die Differenz von 5,8 Prozentpunkten zur angepeilten Zielrendite verschlechtert den Deckungsgrad der Pensionskasse.

Unterdeckung
Gemäss Statistiken von Swisscanto waren Ende 2010 die Verpflichtungen einer privatrechtlichen Pensionskasse im Mittel zu 104,6 ­Prozent gedeckt. Die erwähnte Verschlechterung um 5,8 Prozentpunkte drückt den Deckungsgrad auf knapp 99 Prozent. «Sollte sich die Situation auf der Anlageseite nicht beruhigen respektive verbessern, dürften vermehrt Sanierungsmassnahmen diskutiert werden», so Frieden. Typische Instrumente seien Einmaleinlagen durch den Arbeitgeber, Beitragserhöhungen für Arbeitgeber und -nehmer oder, last but not least, Leistungskürzungen.

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