Fast kommt im Frankenhandel Langweile auf. Das Risiko eines Staatsbankrotts Griechenlands rückt zwar immer näher, und im Finanzsystem der Europäischen Union kracht es immer lauter. Gegenüber dem Franken aber dümpelt der Euro seelenruhig über 1.20. «Derzeit wagt niemand ernsthaft, gegen den Franken zu spekulieren», beobachtet Felix Adam, Chef des Zürcher Devisenspezialisten ACT Currency Partner. Mit der Einführung der Euro-Untergrenze bei 1.20 hat nämlich die Schweizerische Nationalbank (SNB) die meisten Händler komplett überrumpelt.

Seit 1992 die britische Notenbank ­unter den Attacken von George Soros und anderen Hedgefonds-Investoren das Europäische Währungssystem verlassen musste, galt es unter Devisenhändlern als undenkbar, dass eine westliche Zentralbank nochmals einen Wechselkurs zu fixieren wagt. «Aber das Umfeld hat sich geändert», so Adam. «Die Nationalbank hat heute die uneingeschränkte Unterstützung des gesamten politischen Spektrums. Und inflationäre Gefahren von milliardenschweren Devisenmarktinterventionen sind bei Teuerungsraten nahe null vernachlässigbar.»

Am Devisenmarkt verfängt daher die Drohung der Währungshüter, dass sie den Mindestkurs «mit aller Konsequenz» durchsetze und notfalls unbeschränkt ­Devisen kaufe.

Langfristige Absicherungsstrategien

Doch während Devisenhändler beeindruckt scheinen, zweifeln Pensionskassen­experten. «Die Intervention der Nationalbank ist kurzfristiger Natur. Wir glauben nicht, dass sie die Stützung des Eurokurses gegen den Markt langfristig durchziehen kann und will, weil sie so ihre geldpolitische Flexibilität massiv beschränkt», erklärt Alfred Bühler, Partner bei der Pen­sionskassenberatungsfirma PPC Metrics. «Die Vorsorgeeinrichtungen sollten daher ihre langfristig aufgegleiste Absicherungsstrategie nicht ändern.»

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Eine Vorsorgeeinrichtung hat im Schnitt 70 bis 80 Prozent ihrer Anlagen gegen Währungsschwankungen abgesichert. ­Typischerweise werden Fremdwährungs­obligationen, Hedgefonds und Rohstoffanlagen voll geschützt, teilweise auch ausländische Aktien. Die Hedging-Kosten mindern die Performance des Gesamt­depots um etwa 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte, rechnet Bühler vor. Der Wegfall dieser Kosten wäre zwar nicht zu vernachlässigen im derzeitigen Umfeld mit sehr mageren Finanzerträgen. Aber es sei falsch, mehr Risiko einzugehen, wenn die Risiko­fähigkeit der Kasse nicht gestiegen sei.

Auch Beat Hügli von der Avadis Anlage­stiftung meint: «Die meisten Vorsorgeeinrichtungen haben schon vor Jahren den Grundsatzentscheid gefasst, Fremdwährungen zu hedgen. Wir gehen davon aus, dass die Kassen weiter abgesichert bleiben, weil sich ihre Risikofähigkeit in den jüngsten Marktverwerfungen sicher nicht verbessert, sondern im Gegenteil tendenziell eher verschlechtert hat.»

Hedging wie bisher

Publica, eine der grössten Schweizer Pensionskassen, ist vergleichsweise gut durch die Krise gekommen – im August waren ihre Verpflichtungen zu knapp 102 Prozent durch Anlagen gedeckt, während es im Mittel der privaten und öffentlich-rechtlichen Pensionskassen nur 91 Prozent waren. «Wir überprüfen laufend unsere Absicherungsstrategie. Aber momentan sehen wir keine Notwendigkeit, sie aufgrund der SNB-Entscheidung zu ändern. Wir fahren mit unserem Hedging vorerst fort wie bisher», erklärt Publica-Sprecher Stefan Bosshardt. Keinen Handlungsbedarf ortet auch die Pensionskasse der Stadt Zürich, die seit 2008 rund 80 ­Prozent ihrer Fremdwährungspositionen absichert und diese Strategie fortführt.

Dasselbe Bild zeigt sich bei Kollektivversicherern der beruflichen Vorsorge. So heisst es bei Axa Winterthur, der Nummer eins der Branche: «Unsere langfristige Hedging-Strategie hat sich nicht verändert, und wir werden unser Währungsri­siko weiterhin zum grossen Teil absichern.»

Nicht nur langfristige Überlegungen halten Pensionskassen davon ab, auf Ab­sicherungsstrategien zu verzichten, sondern auch das Restrisiko, dass die Marke von 1.20 doch nicht hält. So hat zum Beispiel der Versicherer Nationale Suisse zwar das Euro-Hedging aufgrund des ­Nationalbank-Entscheides teilweise reduziert. «Absicherungsgeschäfte mit Forward-Kontrakten wurden teilweise auf­gelöst», heisst es. Aber ganz ohne Netz operiert auch Nationale Suisse nicht: Um gegen den Fall vorzukehren, dass es der SNB nicht gelingen sollte, das proklamierte Niveau zu verteidigen, wurden Euro-Verkäufe mit Stop-Loss-Limiten platziert.

Ein Befreiungsschlag

«Eine offene Frage ist allerdings, ob Stop-Loss-Limiten, die nahe bei 1.20 gesetzt sind, im Extremfall auch tatsächlich funktionieren», wendet Victor Ruoss ein, Chef der Devisenmanagerin Ozelot in Lachen SZ. Beim Worst-Case-Szenario sei nicht an den griechischen Staatsbankrott zu denken – der sei als unausweichlich längst eingepreist und könnte beim Eintreten sogar positiv als Befreiungsschlag für den Euro wirken, schätzt André Keller, Leiter Sales Trading bei der Saxo Bank. Sollte dagegen die Euro-Schuldenkrise bei einem anderen Land eskalieren, dürften die panikartigen Umschichtungen von privaten und institutionellen Anlegern aus dem Euro in den Franken hinein derartige Dimensionen annehmen, dass sie die Nationalbank nicht mehr mit Devisenmarktinterventionen auffangen kann.

«Bei einem solchen Szenario sprechen wir nicht bloss von einem Fall auf 1.15 oder 1.10, sondern es könnte gut wieder in Richtung Parität oder sogar darunter gehen», warnt Thomas Suter, Chef des Währungsspezialisten Quaesta Capital aus Pfäffikon SZ. Und dieser Sturz könnte so rasch erfolgen, dass bei einem knapp unter 1.20 eingezogenen Stop-Loss gar kein Handelsabschluss mehr erfolgt.

Auch Peter Bänziger, Anlagechef der Vorsorgemanagerin Swisscanto, weist auf das Restrisiko hin, dass die 1.20 womöglich nicht halten. Dass die Nationalbank diese Marke bis auf weiteres verteidigt, nennt er «eine zweite Chance» für all jene Investoren, die bisher keine ausreichende Währungsabsicherung vorgenommen haben. Diese sollten nun hohe Fremdwährungsquoten mindestens teilweise absichern – oder gar abbauen. Sicher ist sicher.