Zu den vielen Problemen des Euro kommt ein weiteres hinzu: Er wird immer beliebter als Finanzierungswährung von sogenannten Carry Trades. Analysten der Royal Bank of Scotland (RBS) und von BNP Paribas erwarten, dass diese riskante Währungsmarktstrategie den Euro weiter schwächen könnte. Bei Carry Trades wird Geld in Ländern, in denen die Zinsen niedrig sind, aufgenommen und dort angelegt, wo es höhere Zinsen gibt. Die Differenz ist der Gewinn.

Normalerweise erhöht das den Druck und pusht die Notierungen der gekauften Währung. Investoren könnten also den Euro, der zum Dollar in diesem Jahr ohnehin schon 14% verloren hat, weiter abstrafen, auch wenn Europas Probleme mit den Staatsschulden allmählich nachlassen. «Der Euro ist als Finanzierungswährung ganz klar erste Wahl», schreibt RBS-Analyst Alan Ruskin. «Die Marktteilnehmer sehen, dass die Währungsunion in der Klemme steckt.» Ruskin rechnet damit, dass der Euro bis Jahresende auf 1.165 Dollar fallen wird.

Wette gegen die Erholung

Carry Trades laufen heute nicht mehr so ab wie vor der Krise. Damals konnten Hedge-Fonds dank der ruhigen Märkte mit geliehenem Geld grosse Wetten auf relativ kleine Währungsdifferenzen abschliessen. Heute wird dagegen auf die wirtschaftliche Erholung gesetzt: Man investiert etwa in Australien oder Brasilien, rohstoffreichen Ländern, denen es gut geht, wenn die Wirtschaft läuft, und finanziert das so günstig wie möglich, meist durch Yen oder Dollar.

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Es ist nicht leicht nachzuweisen, dass Investoren tatsächlich Carry Trades machen oder spezielle Währungen nutzen. Doch die Wechselkursschwankungen der Vorwoche zwischen Euro und australischem Dollar, einer Währung, die aufgrund der Verbindung zum schnell wachsenden China durch Rohstoffverkäufe aufwertete, liefern Indizien, dass mithilfe des Euro Wetten eingegangen werden.

Im Vergleich zu den USA und Japan sind die Kreditkosten für den Euro nicht die niedrigsten. Zum einen hält die EZB die Leitzinsen bei 1%, die Bank of England bei 0,5% und die Fed bei null bis 0,25%. Doch einige Investoren sehen den Euro durchaus als geeignete Finanzierungswährung. «Beim Kauf von Währungen herrscht derzeit ein reger Wettbewerb», sagt Ken Dickson, Devisenmanager bei Standard Life Investment.

Zinssätze dürften tief bleiben

Für diese Veränderung gibt es diverse Gründe. Europas Wachstum schwächelt und wird nach Ansicht der Analysten im kommenden Jahr hinter dem von Grossbritannien und den USA liegen. Die Kreditkrise in Europa wird zusammen mit den angekündigten Sparmassnahmen in Griechenland, Irland, Spanien und Deutschland das Wachstum weiter hemmen. Das wiederum lässt erwarten, dass die EZB die Zinssätze noch länger niedrig halten wird.

Da auch die Inflation in Europa niedrig bleibt, ist die EZB nicht gezwungen, die Zinsen zu erhöhen.

Was die Lage noch verschlimmert, ist der Entschluss der EZB, Staatsanleihen von schwachen Euro-Ländern zu kaufen. Denn dies schürt Zweifel an der Zukunft der Euro-Zone an sich. Daher sind viele Analysten jetzt bearish, was den Euro betrifft.

Die BNP wettet gar darauf, der Euro werde Anfang 2011 die Parität zum Dollar erreichen. Gleichzeitig steigen die Kurse von Dollar und Yen, den beliebtesten Währungen der Carry Trader, weil Anleger in sichere Häfen flüchten, was die Kreditaufnahme dort weiter erschwert.