Was hat eine Kunstgalerie mit der Milchverarbeitung zu tun?

Fritz Wyss: Direkt steht das in keinem Zusammenhang. Beides hat aber mit mir persönlich zu tun. Ich habe immer geplant, dass ich mit 60 Jahren aus dem operativen Geschäft austrete und mich mit 65 aus dem Verwaltungsrat zurückziehe. Danach wollte ich aber weiterhin beruflich tätig sein. Ursprünglich plante ich ein Weingut zu führen, dann entschloss ich mich, eine Galerie zu leiten. Seit drei Jahren entwickle ich in Ascona eine Galerie und schaffe mir damit für die nächsten zehn Jahre einen Horizont.

Treten Sie mit Wehmut als Emmi-VR- Präsident ab?

Wyss: Wehmut ist die falsche Bezeichnung. Ich will kein alter VR sein. Ich habe dreimal in meinem Leben eine Firma geführt und konnte Einfluss nehmen, bei Alfa Laval, Migros Chocolat Frey und zuletzt bei Emmi.

Ihr Einfluss war in der Tat gross. Sie haben die Gründung der Emmi AG initiert und das Unternehmen an die Börse gebracht. Hat sich der Börsengang gelohnt?

Wyss: Sicher. Das grosse Wachstum von Emmi hätten wir ohne Börsengang nicht finanzieren können. Wir haben Firmen wie Baer, Gerber und Hirzel gekauft, indem wir mit Aktien bezahlt haben.

Besteht die Gefahr, dass Emmi übernommen wird?

Wyss: Nein. Denn unser Hauptaktionär mit 53%, die Zentralschweizer Milchproduzenten ZMP, haben in ihren Statuten festgelegt, dass sie 50% an Emmi behalten müssen. Um diese Statuten zu ändern, müssten zwei Drittel ihrer Delegierten dafür stimmen.

Hat Emmi die kritische Grösse erreicht?

Wyss: Ja, aber wir wollen weiter wachsen. Heute setzen wir 2,7 Mrd Fr. um, und in sechs bis acht Jahren wollen wir einen Umsatz in der Grössenordnung von über 4 Mrd Fr. erzielen. In der Schweiz werden wir unseren Umsatz nicht stark steigern können. Aber im Ausland gibt es Möglichkeiten.

Durch Akquisitionen?

Wyss: Der grösste Teil des Wachstums muss über Käufe erfolgen. Wir haben unsere Strategie etwas geändert. Wir wollen in unseren Schlüsselmärkten Deutschland, Österreich, Italien, Grossbritannien sowie in den USA eine stärkere Position erreichen. Das haben wir nun anfangs Jahr mit der Übernahme von Roth Käse in den USA gemacht, die USA sind durch diese Akquisition der grösste Auslandmarkt von Emmi. In Italien haben wir vor rund drei Jahren Trentinalatte übernommen.

Was wollen Sie demnächst kaufen?

Wyss: Das ist ein laufender, systematisch geführter Prozess und es gibt interessante Möglichkeiten. Wir haben uns noch nicht festgelegt und stehen zeitlich nicht unter Druck. Es ist vor allem wichtig, dass eine Firma strategisch gut zu Emmi passt.

Haben Sie eine bestimmte Firma im Auge?

Wyss: Nein, aber wir sind laufend im Prozess. In all unseren Schlüsselmärkten bieten sich Möglichkeiten. Deutschland ist ein schwieriger, aber grosser Markt, den Umsatz von 120 Mio Fr. haben wir selber aufgebaut und nie etwas zugekauft. Grossbritannien ist für den Lebensmittelhandel als Hochpreisland sehr interessant. Auch Nordamerika ist für Lebensmittel ein ausgezeichneter und riesiger Markt, und Italien ist für Milchprodukte ideal, weil es in diesem Land zu wenig Milch gibt. Italien muss Milch importieren.

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Gerade ihre Zielländer leiden stark unter der Krise. Birgt das ein grosses Risiko?

Wyss: Die Weltwirtschaftskrise wird nicht sechs Jahre lang dauern. Wir exportieren weltweit, aber wir wollen in unseren Schlüsselmärkten stark präsent sein.

Und in der Schweiz? Sie haben vor kurzem die Genfer Nutrifrais gekauft. Wollen Sie auch noch Cremo oder Hochdorf kaufen?

Wyss: Das würde die Wettbewerbskommission in den geschützten Bereichen nie erlauben. Wir produzieren rund 50% des Butters und Cremo die andere Hälfte. Sobald der Freihandel mit der EU kommt, braucht es aber keine Weko mehr auf unserem Sektor.

Wann wird das sein?

Wyss: Ich gehe davon aus, dass das in den nächsten vier bis fünf Jahren passieren wird.

Die Liberalisierung des Käsemarktes hat für Schweizer Produzenten nicht viel gebracht, es wird nicht mehr exportiert, sondern mehr importiert.

Wyss: Vielleicht würde ohne Liberalisierung noch weniger exportiert. Der Preis für Käse und Milch ist im Ausland halb so hoch.

Der Milchpreis wird nun aber mit der Aufhebung der Kontingente sinken.

Wyss: Der Milchpreis wird sinken. In der Schweiz ist er zu hoch, und in Europa ist er viel zu tief. Und wir haben heute zu viel Milch in der Schweiz.

Weshalb produzieren Sie nicht im Ausland, wo die Milch billiger ist?

Wyss: Die Herkunft Schweiz, die «Swissness» ist für Emmi-Produkte im Ausland sehr wichtig. Eine Ausnahme stellen die USA dar: Hier ist es nahezu unmöglich, Frischprodukte zu importieren.

Emmi fehlt nach wie vor ein zweites Produkt, das einschlägt wie «Caffè Latte».

Wyss: Wir haben viele Produkte, auch wenn noch kein zweites «Caffè Latte» dabei ist. «Swiss Müesli» läuft in Deutschland sehr gut.

Nach dem Flop mit «Lacto Tab» läuft es auch mit «Emminent» nicht wie erhofft.

Wyss: Ja und nein. «Lacto Tab» war ein Flop. Das muss ein Unternehmen verkraften können, «Emminent» werden wir diesen Monat in Portugal aus den Regalen nehmen. In der Schweiz liegt das Produkt zwar nicht ganz bei den Erwartungen, aber wir müssen diesem Produkt noch etwas Zeit geben. Der Nachteil solcher Produkte ist, dass man immer sehr viel Werbung machen muss, um die Verkäufe hoch zu halten. Und das ist teuer.

Haben Sie etwas Neues in der Pipeline?

Wyss: Wir haben in der Entwicklung eine breite und solide Produktepalette mit Potenzial sowohl beim Käse wie auch bei den Frischprodukten. Wir verzeichnen ein spannendes Wachstum bei Soja-Produkten, da das gerade sehr im Trend liegt. Auch bei Eiscreme wachsen wir gut.

Wie stark leidet Emmi unter der Konzentration im Schweizer Detailhandel?

Wyss: Als Hersteller hätten wir es lieber, wenn es mehr Firmen gäbe im Detailhandel. Beispielsweise ist Denner ja ein sehr guter Kunde von Emmi. Als Migros Denner gekauft hat, wussten wir, dass Migros über eigene Produktionsstätten verfügt und kontinuierlich unsere Produkte durch selbst produzierte ersetzt. Allerdings kommen auch neue Anbieter wie Aldi oder Lidl dazu.

Ist das nicht eine Bedrohung für Emmi? Die Disounter drücken derzeit in Deutschland die Milchpreise.

Wyss: Der Druck im Handel ist da und wird immer bleiben. Er wird tendenziell zunehmen. Deshalb müssen wir konkurrenzfähig bleiben, auch durch Kosteneinsparungen.

Die Profitabilität von Emmi liegt deutlich unter dem internationalen Vergleich. Wie sieht hier Ihre Strategie aus?

Wyss: Mit einer Profitabilität von 2% nach Steuern liegen wir international tief, das ist so. Unsere strategische Zielsetzung ist, dass wir in sechs bis acht Jahren bei 3% liegen, was grundsätzlich für die Kontinuität des Unternehmens ausreicht.

Emmi-CEO Urs Riedener rechnet für 2009 mit einem Umsatzrückgang von 5% in der Schweiz. Ist er zu pessimistisch?

Wyss: Das ist keine pessimistische Prognose. Der Milchpreis ist gesunken und wird weiter sinken. Also werden unsere Verkaufspreise tiefer liegen.

Auf welche Punkte muss Ihr Nachfolger, der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber, künftig speziell achten?

Wyss: Urs Riedener ist ein sehr marktorientierter Mann. Konrad Graber kann als Politiker wichtige Türen öffnen. Das Wichtigste ist: Das Unternehmen darf argarpolitisch nicht zu stark beeinflusst werden. Für einen Politiker ist hier die Gefahr etwas grösser, muss er doch wiedergewählt werden.

Wenn Sie zurückblicken auf die 17 Jahre bei Emmi: Was hätten Sie besser gemacht im Nachhinein?

Wyss: Ich finde es nach wie vor schade, dass die Vermarktung von Schweizer Käse im Ausland nicht so gelaufen ist, wie ich mir das vorgestellt habe.