Die Chefs von Grossbanken wie UBS oder Deutsche Bank halten die Finanzkrise noch längst nicht für überwunden. Wie besorgt ist der CEO der Zürcher Kantonalbank (ZKB)?

Martin Scholl: Der ZKB fehlt die globale Vernetzung im Markt, um die aktuelle Finanzkrise zuverlässig beurteilen zu können. Wir stellen innerhalb des Finanzsystems jedoch eine tiefgreifende Verunsicherung fest. Wir sind noch weit vom Business as usual entfernt.

Wo sehen Sie die grössten Risiken?

Scholl: Nach wie vor sind wir bei der Ausleihung von Geldern im Interbankenmarkt sehr vorsichtig. Die ZKB ist gegenwärtig für Geldanlagen von sehr vermögenden Privatkunden, institutionellen Investoren und eben auch Banken eine bevorzugte Adresse. In teilweise illiquiden Märkten kann die Preisbildung grossen Verzerrungen unterliegen, was nicht selten zu grossen Bewertungskorrekturen führt.

Sitzt die ZKB denn auf Risikopositionen, die sie abschreiben muss?

Scholl: Nein, wir haben keinen entsprechenden Wertberichtigungs- oder Rückstellungsbedarf.

Was bedeutet das für Ihre Erfolgsrechnung im 1. Halbjahr 2008?

Scholl: Es darf nicht überraschen, dass die Abschlüsse in der Finanzbranche in einem solch schwierigen Umfeld rückläufig sind. Die besten Jahre liegen hinter uns.

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Also ist das 1. Halbjahr bei der ZKB rückläufig?

Scholl: Über das Ergebnis des 1. Semesters orientieren wir am 29. August 2008. Es ist sicher kein Geheimnis, dass die letzten sechs Monate mit stark sinkenden Börsenkursen, hohen Volatilitäten und einer sich abflachenden Konjunktur ihren Niederschlag im Ergebnis der ZKB gefunden haben. Je nach Geschäftsbe- reich ist die Entwicklung aber sehr unterschiedlich ...

? Sie sprechen damit wohl das Handelsgeschäft an? Dort mussten sie schon im 2. Semester 2007 einen Einbruch von 25% beim Ergebnis hinnehmen.

Scholl: Das Handelsgeschäft ist breit gefächert. Im Aktienhandel hat sich der seit dem 2. Halbjahr 2007 abzeichnende Trend zu deutlich tieferen Erträgen aufgrund der Korrekturen an den Finanzmärkten im 1. Semester 2008 fortgesetzt.

Ist Besserung in Sicht?

Scholl: Nein, wir erwarten keine rasche Besserung. Dazu ist die Lage an den Märk-ten zu unsicher.

Das wichtigste Standbein der ZKB ist nach wie vor das Zinsgeschäft. Ist auch dieser Bereich unter Druck?

Scholl: Im Firmenkundengeschäft und im Interbankenmarkt haben die Risikoprämien zugenommen. Davon konnten wir profitieren. Im Hypothekengeschäft sind die Margen auf tiefem Niveau stabil geblieben.

Müssen Sie die Hypozinsen künftig anheben, um die tiefe Marge und den illiquiden Interbankenmarkt zu kompensieren?

Scholl: Die Bindung des Mietzinsindexes an die variablen Hypozinsen fällt im September 2008. Bis zu diesem Zeitpunkt wird es zu keinen Zinsanpassungen kommen.

Also erhöhen Sie die variablen Zinsen, sobald die «Schonzeit» Anfang September vorbei ist?

Scholl: Nein. Doch mit der Bindung der Mietzinse an den neuen Referenzsatz werden die variablen Hypotheken ein Produkt wie jedes andere am Markt und gehorchen damit auch strikt den Marktgesetzen. Über kurz oder lang wird damit auch die politische Dimension beim variablen Hypothekarsatz verschwinden.

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Liegt denn im Gegenzug eine Erhöhung bei den Sparzinsen drin?

Scholl: Wir gehen von einem Seitwärtstrend bei den Zinsen aus. Deshalb und auch wegen des guten Mittelzuflusses in diesem Jahr ist eine Erhöhung der Sparzinsen unwahrscheinlich.

Über dieses Jahr hinaus haben Sie grosse Pläne: Die ZKB und die Banque Cantonale Vaudoise (BCV) wollen ihre IT und Abwicklung bis 2011 zusammenlegen. Nur: Selbst intern gilt diese Frist als unrealistisch.

Scholl: Es ist ein langfristig angelegtes Projekt, und wie immer bei solchen Projekten gibt es Phasen der Unsicherheiten. Ich kann aber sagen, dass wir die erste Etappe, die Business-Impact-Analyse, in den nächsten Wochen wie geplant abschliessen. Damit konnten die Entscheidungsgrundlagen für die nächste Projektphase zeitgerecht erarbeitet werden.

Sie sind also zufrieden ? trotz der Verzögerungen in der Vergangenheit?

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Scholl: Die erste Projektetappe konnte termingerecht abgeschlossen werden. Unbestritten ist aber, dass die Laufzeit des Gesamtprojektes sehr lange ist. In Bezug auf eine zeitliche Beschleunigung des Projektes gibt es natürliche Grenzen, die man respektieren muss.

Das Grossprojekt hat noch keinen Leiter. Sind Sie jetzt fündig geworden?

Scholl: Wenn Sie den zukünftigen CEO des geplanten Dienstleistungszentrums ansprechen, so sind die Voraussetzungen für den Entscheid geschaffen.

Doch die IT ist nicht ihr einziges Projekt. Ebenfalls umgesetzt werden will die Wachstumsinitiative Avanti. Übernimmt sich damit die ZKB nicht, gerade in diesem widrigen Umfeld?

Scholl: Beim Projekt mit BCV geht es um Logistik und Abwicklung. Avanti hat das Ziel, die Vertriebskadenz an der Front zu erhöhen und vermögende Privatkunden, externe Vermögensverwalter und Pensionskassen noch stärker zu bearbeiten. Bankintern sind nicht dieselben Ressourcen gefordert. Ausserdem: Es kann nicht sein, dass die Bank wegen eines IT-Projektes fünf Jahre lang stillsteht.

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Jetzt steht die Bank aber unter Stress.

Scholl: Es geht mir nicht darum, die Mitarbeitenden unnötigem Stress auszusetzen. Das langfristige Projekt mit BCV verursacht jedoch zunächst einmal Kosten. Die Bank muss in der Lage sein, diese Kosten durch zusätzliche Erträge auszugleichen. Die Wachstumsinitiative Avanti ist damit zwingend nötig. Kommt hinzu, dass die ZKB ihre Position im Markt weiter festigen muss.

Mit dem Programm Avanti wird das Private Banking vom Investment Banking getrennt und eine eigenständige Einheit. Wird damit die bisher mächtige Investmentbank zurückgestutzt?

Scholl: Das Investment Banking spielt auch weiterhin eine wichtige Rolle innerhalb unseres Konzerns. Und wenn es uns gelingt, bei den vermögenden Privatkunden in den nächsten Jahren zuzulegen, dann profitiert auch der Handel als Lieferant.

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Mit dem Abgang von Martin Sieg-Castagnola zu Vontobel hat das Investment Banking mitten im Umbruch seinen Chef verloren. Was sind die Folgen?

Scholl: Mitarbeiter dieses Kalibers zu verlieren, ist sicher nicht ideal. Wir waren aber in der glücklichen Lage, mit Philipp Halbherr innert kürzester Zeit einen Nachfolger zu finden, der alle relevanten Erfahrungen mitbringt. Der Handel hat durch diesen Abgang in keiner Weise an Tempo verloren.

Und wie hoch ist das Tempo bei der Wachstumsinitiative Avanti?

Scholl: Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass die neuen Vertriebsstrukturen am 1. Oktober 2008 stehen. Bis jetzt sind wir genau im Zeitplan.

Entscheidend ist, dass Sie die nötigen Kundenberater finden. Bis 2012 suchen Sie 250 Mitarbeiter. Wie viele haben Sie schon gefunden?

Scholl: Wir stellen fest, dass unsere Strategie gut ankommt und die ZKB ein gefragter Arbeitgeber ist. Wir haben in den letzten Wochen schon verschiedene Top-Mitarbeiter rekrutiert.

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Doch Privatbanken wie Julius Bär suchen ebenfalls ? und können mehr zahlen.

Scholl: Ja, der Rekrutierungsmarkt ist hart, auch im Jahr 2008. Wir haben nicht den Ruf einer Bank, die in der Finanzindustrie die höchsten Löhne zahlt. Aber wir sind ein mehrfach ausgezeichneter Arbeitgeber mit starker Marktstellung. Das findet Anklang.

Wie viel Neukundengelder konnte die ZKB im Private Banking gewinnen?

Scholl: Die ZKB profitiert in unsicheren Zeiten immer, und das hat sie auch im 1. Semester getan. Wir haben auch Neukunden von Grossbanken gewonnen. Wir gehen aber behutsam vor und sind nicht auf Destabilisierung aus, denn wir haben kein Interesse daran, dass gewichtige Finanz-Player geschwächt werden.

Zum Avanti-Programm gehören sieben neue Private-Banking-Niederlassungen im Wirtschaftsraum Zürich. Wo genau gehen sie vor Ort?

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Scholl: Wir orientieren uns an den sieben Marktgebieten der ZKB und halten uns an die schon bestehenden über 80 ZKB-Filialen. Bei genügend Potenzial könnten wir das Netz bis auf 20 Standorte ausbauen.

Die Wachstumsinitiative könnte auch über Akquisitionen laufen ? die ZKB hat 3 Mrd Fr. überschüssiges Eigenkapital. Haben Sie bestimmte Ziele im Auge?

Scholl: Wir verfolgen den Markt aktiv und werden zukaufen, wenn sich eine Gelegenheit ergibt. Wir schauen dabei auf die gesamte Schweiz, auf die geschäftliche Ausrichtung, den Preis und nicht zuletzt auf die Grösse. Nur eine namhafte Akquisition bringt uns im Private Banking wirklich weiter.

Könnten Sie auch im Ausland zukaufen?

Scholl: Wir haben unsere diesbezüglichen Auslandspläne zurückgestellt. Aber das Thema wird später wieder aufgenommen werden. Wir konzentrieren uns vorerst auf das Offshore-Banking und dabei vorab auf den EU-Raum.

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Allerdings könnten Sie bei ihren Expansionsplänen über Ihre Anspruchsgruppen stolpern: Die Stakeholder-Befragung, welche die ZKB nach dem Fall Sulzer im 2007 durchgeführt hat, deutet klar daraufhin, dass sich die Bank an ihr Stammgebiet halten soll.

Scholl: Das Gegenteil ist der Fall. Die Mehrheit unserer Stakeholder steht überregionalen Aktivitäten positiv gegenüber. Das Heimgebiet der ZKB ist und bleibt aber der Wirtschaftsraum Zürich. Das ist auch im Gesetz so verankert. Aktivitäten im Ausland, die ausserordentliche Risiken beinhalten, bedürfen besonderer Abklärung. Dies ist aber kein Hindernis für uns, sondern eine gesunde Restriktion, die  das Risikobewusstsein schärft.

Die ZKB hat ein neues System geschaffen, um eben solche Reputationsrisiken einzudämmen. Als wie sicher hat es sich erwiesen?


Scholl: Der Chief Risk Officer Bruno Meier und seine  Mitarbeitenden haben in den letzten  Monaten  hervorragende Arbeit  geleistet. Mit der neuen Chief Risk-Organisation verfügen wir über ein tragfähiges Fundament für das  geplante weitere Wachstum der Bank. Für  das Management von Reputationsrisiken sind jedoch zuallererst die Mitarbeitenden an der Kundenfront verantwortlich.

Also bräuchte es das System eigentlich gar nicht, wenn die Front genug aufmerksam wäre?

Scholl: Eine Bank unserer Grösse muss über Mechanismen verfügen, um Risikofälle rechtzeitig zu erkennen. Weder der Chief Risk Officer noch der CEO können aber verhindern, dass diese Risiken hundertprozentig vermieden werden können.

Folgenden Satz hab ich in einem Interview kürzlich von Ihnen gelesen: „Man muss aufpassen, dass das Risikobewusstsein nicht zu einer Verweigerungshaltung führt.“

Scholl: Das Bankengeschäft lebt von Risiken. Es geht darum, dass wir  im Banking kalkulierbare Risiken eingehen müssen. Das Gefährlichste wäre, wenn bei einem ersten Anzeichen von Risiko keine Entscheide mehr getroffen würden. Dann  wäre eine Bank früher oder später tot.

Ein Risiko für Sie ist der EBK-Bericht im Fall Sulzer, der immer noch hängig ist.


Scholl: Wir wären froh, wenn unter diese Angelegenheit  formell ein Schlussstrich gezogen werden könnte.  Wir haben aus eigenem Antrieb  eine Vielzahl von Massnahmen getroffen , um das Fundament der Bank zu stärken. In unserer Handlungsfreiheit hat uns der noch fehlende EBK-Schlussbericht jedoch nicht eingeschränkt.  Wir nehmen den Bericht dann entgegen, wann er kommt. Das dürfte noch  in diesem Jahr der Fall sein.

Das tönt jetzt sehr gelassen. Der Bericht hängt doch wie ein Damoklesschwert über der Bank?

Scholl: Wir kennen die Schlussfolgerungen der EBK in diesem Bericht  noch nicht. Aber wir haben, wie bereits gesagt, schon viele Massnahmen getroffen, welche die Erkenntnisse des EBK-Berichts hoffentlich zu einem guten Teil vorwegnehmen. Deshalb nehmen wir den ausstehenden Bericht  nicht als Damoklesschwert wahr.

Die EBK befasst sich dieser Tage auch mit den Grossbanken: Sie will eine fixe Eigenkapitalisierung festlegen. Ist dieses Ansinnen sinnvoll oder ein Eingriff zur Unzeit?

Scholl: Die  hohe Bedeutung von UBS und Credit Suisse für die Schweizer Volkswirtschaft verlangt  eine besondere Aufmerksamkeit.  Dies darf jedoch nicht dazu führen, dass Schweizer Banken wegen zusätzlichen regulatorischen Vorschriften im globalen Wettbewerb benachteiligt werden. Das wäre regulatorische Arbitrage.

Also hat CS-VR-Präsident Walter Kielholz recht, wenn er sich gegen die EBK-Massnahme wendet?

Scholl: Das kann ich nicht beurteilen. Dazu kenne ich die Einzelheiten der avisierten zusätzlichen Vorschriften und deren Auswirkungen auf das Geschäft der beiden Grossbanken zu wenig. Bei allem, was über die beiden Grossbanken in den letzten Monaten geschrieben wurde, sollte auch nicht vergessen werden, dass die Schweiz stolz sein darf, über zwei global tätige Finanzinstitute zu verfügen.

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