Die Kurstableaus an den Börsen sind weltweit tiefrot eingefärbt. Die zuletzt immer häufiger beschworene Korrektur wird Realität. Die Kursverluste in New York von gestern Abend haben sich in der Nacht in Asien und in Europa fortgesetzt. Der SMI rutscht zum Handelsbeginn ab, notierte fast 4 Prozent tiefer. Ausdruck der Nervosität an den Finanzmärkten ist die steil angestiegene Volatilität. Das Angstbarometer VIX ist auf beinahe 40 Prozent gesprungen - so hoch wie zuletzt im Sommer 2015. Und auch in Japan steht der Volatilitätsindex des Nikkei auf mehr als 30 Prozent. Dieses Niveau wurde zuletzt Ende Juni 2016 übertroffen.

Als Gründe werden vor allem zwei Dinge genannt. Erstens die gestiegene Inflationserwartung und damit verbunden der Zwang der US-Notenbank Fed die Leitzinsen schneller als erwartet anheben zu müssen und zweitens der Computerhandel. Letzterer verstärkt Markttrends und beim Durchbruch wichtiger charttechnischer Marken und Stopp-Loss-Levels sausen die Kurse kaskadenartig in die Tiefe. Dieses Muster war auch bei vergangenen Korrekturen zu beobachten, sprich eine fundamentale Verunsicherung, die durch Algo-Trading verstärkt wird.

Paradoxe Welt an der Börse

Ironischerweise also sind für die Realwirtschaft gute Nachrichten (die Inflation soll von steigenden Löhnen und dem robusten Wirtschaftswachstum angetrieben sein) Gift für die Finanzmärkte. Auch dieses Muster war in der Vergangenheit oft zu beobachten. In der von den Notenbanken durch Liquiditätsflutung verzerrten und manipulierten Welt der Finanzmärkte waren schlechte Nachrichten für die Realwirtschaft ein Grund zum Jubeln.

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Die Verwerfungen werden für den neuen Notenbankchef Jerome Powell zu einem ersten Bewährungstest. Solchen Tests wurden auch seine Vorgänger unterzogen. Denn mittlerweile kümmert sich das Fed nicht nur um Preisstabilität und den Arbeitsmarkt, sondern auch um den Zustand der Kapitalmärkte. Setzen sich die Kursverluste fort, ist Powell beinahe dazu gezwungen anzudeuten, dass dieses Jahr die Zinsen lediglich ein oder zwei Mal erhöht werden und nicht drei oder gar vier Mal wie derzeit befürchtet wird. Selbst wenn ein zaghafteres Vorgehen lediglich zwischen den Zeilen angedeutet würde, würde das wohl rasch zur Beruhigung der Märkte beitragen.

Bei aller Hektik zurzeit hilft ein Blick auf die langfristigen Kursverläufe der grossen Aktienindizes, um einen kühlen Kopf zu bewahren. Seit Quartalen steigen die Kurse auf breiter Front. So gesehen könnte die Korrektur nicht der Vorbote eines Absturzes um mehrere zehn Prozent sein, sondern ein reinigendes Gewitter. Doch heute Dienstag hält der Abgabedruck an.