Zuerst der Softwarehersteller Ventyx für 1 Mrd Dollar, kurz darauf die Anteilserhöhung an ABB India auf 75% für 965 Mio Dollar und zum Schluss die Offerte für den britischen Elektrotechniker Chloride für 860 Mio Pfund (rund 1,4 Mrd Fr.): Im 2. Quartal 2010 legte der Elektro- und Automationskonzern ABB bei seinen Akquisitionen und Beteiligungen ein flottes Tempo vor, auch wenn der Chloride-Deal wegen eines Gegenangebots durch den US-Konkurrenten Emerson schliesslich nicht zustande gekommen ist. «Dass sich ABB hierbei nicht auf einen Bieterkampf eingelassen hat, begrüssen wir sehr», erklärt Clariden-Leu-Analyst Markus Bächtold. Dies zeige, dass ABB solche Zukäufe systematisch und diszipliniert angeht und sich an seine eigenen Vorgaben halte.

Geht die Einkaufstour weiter?

Nach dem Scheitern der Cloride-Übernahme geht der Clariden-Leu-Analyst nicht davon aus, dass die Einkaufstour von ABB im gleichen Takt weitergehen wird. «Die Häufung dieser Grossakquisitionen im 2. Quartal war wohl eher zufällig. Daraus sollten keine Schlüsse für die Zukunft gezogen werden», so Bächtold. Weitere Zukäufe erwartet dagegen Richard Frei, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB): «Obwohl ein forsches Tempo bei Akquisitionen und Beteiligungserhöhungen angeschlagen wurde, besteht rein finanziell weiterhin Spielraum für Akquisitionen.»

Auftragseingänge im Fokus

Der Fokus der Anleger bei der Präsentation der 2.-Quartals-Zahlen am 22. Juli gilt neben dem externen Wachstum von ABB aber vor allem dem operativen Geschäft. Als Spätzykliker hat der Elektro- und Automationskonzern in den vergangenen Monaten die Zurückhaltung der Kunden gespürt, insbesondere was die Vergabe von Grossaufträgen betrifft.

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Nimmt man das Ergebnis von Konkurrent Alstom im 1. Quartal (per Ende Juni) zum Vergleich, so zeichnet sich diesbezüglich keine Erholung ab. Laut Alstom-Chef Patrick Kron hat die Gruppe nämlich noch immer Schwierigkeiten, grosse Aufträge an Land zu ziehen. Licht am Ende des Tunnels sieht dagegen Siemens, die sich klar positiv zur Entwicklung im Energiesektor geäussert hat und Mitte Juli einen Grossauftrag aus Saudi-Arabien vermelden konnte.

«Die kommunizierten Grossaufträge von ABB im 2. Quartal entsprechen in der Grössenordnung denjenigen des 1. Quartals», so ZKB-Analyst Frei. Dies impliziere wiederum einen deutlichen Rückgang im Vergleich zum Vorjahr. Eine Entspannung erhofft er sich durch das kurzfristige Geschäft. «Der Markt wartet aber auf die grossen Brocken. Wenn sich in diesem Bereich eine Erholung abzeichnet, dürfte dies die Aktie beflügeln», ist Bächtold überzeugt.

Überraschung ist möglich

Angesichts des nach wie vor anhaltenden Preisdrucks aus Asien und aufgrund der noch nicht ausgelasteten Kapazitäten gewinnt das Kostensparprogramm von ABB zusätzlich an Bedeutung. «Wir gehen davon aus, dass ABB den Preisdruck durch das Kostensparprogramm mindestens kompensieren kann», ist Frei überzeugt. Die erzielten Einsparungen dürften dafür sorgen, dass es bei der Ebit-Marge, anders als im 1. Quartal mit 10,2%, nicht wieder zu einer Enttäuschung kommt. «Die erzielten Einsparungen dürften die Ebit-Marge stützen», erwartet der ZKB-Analyst. Noch weiter geht Bächtold von Clariden Leu: «ABB hat die Kosten im Griff. Beim Nettoergebnis ist daher sogar eine positive Überraschung möglich.»

Optimistisch sind die Analysten denn auch, was die Entwicklung der ABB-Aktien betrifft, auch wenn sich die konjunkturelle Erholung nur langsam im Geschäft des Elektro- und Automationskonzerns niederschlägt. Die Mehrheit der Analysten empfiehlt die Titel zum Kauf.

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