Vorsicht ist besser als Nachsicht: Erfolgreiche Investoren agieren antizyklisch. Gerade im heutigen Marktumfeld gilt es umsichtig zu handeln. Gefragt nach der Richtung des Aktienmarkts antwortete der einflussreiche Financier J.P. Morgan (1837-1913): «I believe the market is going to fluctuate.»

Er bringt damit zum Ausdruck, dass auch er die kurzfristige Entwicklung an den Märkten nicht vorhersagen kann. Die Frage ist dann – mehr als 100 Jahre nach J.P. Morgan’s Erkenntnis – warum eine ganze Industrie trotzdem versucht, das Marktgeschehen vorherzusagen?

Aus Erfahrung lernen

Warren Buffett würde anfügen: «I make no attempt to forecast the general market — my efforts are devoted to finding undervalued securities.»

Dabei sollten Investoren Aktien von Unternehmen kaufen, weil sie einen Anteil daran besitzen wollen und nicht, weil sie glauben, dass der Aktienkurs in Kürze nach oben schiesst. Das wohl berühmteste Zitat von Warren Buffett schliesst sich dem an: «Be fearful when others are greedy and greedy when others are fearful.»

Anzeige

Ausgereizte Risikobudgets

Es scheint jedoch, als ob viele Marktteilnehmer genau das derzeit nicht beachten. Es gibt selbstverständlich eine ganze Reihe guter Gründe eine hohe Aktienquote zu halten, doch kommt es hier wie immer auf die Details und das individuelle Risikobudget an. So mag für den einzelnen sehr langfristig orientierten Investor mit einem ausgeprägten Risikobudget eine hohe Aktienquote auch bei den derzeit hochstehenden Aktienkursen sinnvoll sein – in der Aggregation aller Marktteilnehmer ist es dies wohl nicht.

Der Anlagechef der Bank of America Michael Hartnett drückt es passend aus: Die Marktüberzeugung der goldenen Zeiten am Kapitalmarkt führen zur Kapitulation der letzten Skeptiker. Das am Markt vielbeachtete Angstbarometer der Fondsmanager Umfrage der Bank of America zeigt folgerichtig auch die niedrigsten Bargeldbestände seit 4 Jahren an und misst den höchsten Stand an Risikopositionen in diesem Jahrhundert. Die Risikopositionen übertreffen die Dimensionen vor dem Platzen der Dotcom Blase und diejenigen aus dem Jahr 2007 vor dem Platzen der Immobilienblase. So ist die relativ hohe Risikoneigung derzeit eine klare Abweichung von der Norm.

Es scheint also, dass viele Marktteilnehmer sich selbst davon überzeugen, dass die Grundgesetze des Investierens nicht mehr gelten. Es kommt uns so vor, als ob diese je nach Markt- und Stimmungslage ändern. Risiko? Der Wert von Geld? Regression zu Mittelwerten? Rückgang von historisch rekordhohen Gewinnmargen? So ist der Ausruf «this time its different wieder» salonfähig geworden.

Vorwärtsstrategie mit Umsicht

Entsprechend dem im Marktzyklus weit fortgeschrittenen Umfeld empfehlen wir, eine klare Auslegeordnung parat zu haben und sich seiner strategischen Optionen bewusst zu sein. Aus unserer Sicht sind es deren drei – je nach Mandantensituation:

Ernte einfahren: Wer voll investiert ist und bisher eine gute Performance erzielt hat, sollte Gewinne absichern.

Tempolimit einhalten: Wer schon Risiken reduziert hat, tut gut daran, sein Portfolio weiterhin defensiv zu verwalten.

Anzeige

Schrittgeschwindigkeit: Wer viel Reserven zur Verfügung hat und plant neu zu investiert, sollte dies schrittweise und über einen hinlänglich langen Zeitraum tun.

Es gibt am Markt auch Zeiten, in denen es sich lohnt, stillzuhalten – ganz nach Warren Buffett: «We don’t get paid for activity, just for being right.»

 

Dr. Patrick Cettier ist Gründer der Zürcher Vermögensverwaltung Prio Partners. Prio Partners implementiert auf individuelle Bedürfnisse angepasste Anlagestrategien und Portfolien für Privatpersonen, Unternehmerfamilien, Stiftungen, Single- und Multi Family Office.