Vieles würde zur Zeit eigentlich für einen steigenden Goldpreis sprechen. Insbesondere die unsichere Lage in Griechenland sollte Anleger in Scharen ins Edelmetall treiben und ebenso der Absturz der Börsen in China. Denn Gold gilt in Krisenzeiten als stabile Wertanlage und ist besonders nachgefragt, wenn an Aktien- oder Devisenmärkten Unsicherheit herrscht.

Tatsächlich gibt es für Europas Börsen – und jene in Fernost – in diesen Wochen unterm Strich nur eine Richtung: nach unten. Doch der Goldpreis zeigt sich bis anhin unbeeindruckt. Trotz wochenlangem Hin und Her um einen möglichen Grexit, ist der Preis sogar noch weiter gesunken. Mit 1147 Dollar erreichte er in dieser Woche den tiefsten Stand seit fast vier Monaten. Und während einige Anleger bereits an Manipulation glauben, gibt es auch ganz offensichtliche Gründe, warum der Goldpreis dieses Mal nicht reagiert.

US-Zinswende als Damoklesschwert

«Die Wirtschaftskrise in Griechenland konnte dem Gold nicht helfen, weil die meisten Investoren in den Dollar flüchten», erklärt Rohstoffexperte Bill O’Neill gegenüber der Wirtschaftsagentur Bloomberg. Der Greenback ist als Krisenanlage im Moment offenbar attraktiver als das Edelmetall – insbesondere wegen der in Aussicht stehenden Zinswende der US-Notenbank Fed im Herbst.

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Steigende Zinsen in den USA würden sich in zweierlei Hinsicht belastend auf den Goldpreis auswirken. Zum einen sinkt die Attraktivität von Gold gegenüber anderen Anlagen, weil das Edelmetall natürlich keine Zinsen abwirft. Und zum anderen würde der durch die Zinserhöhung weiter gestärkte Dollar das Gold für Nicht-Amerikaner verteuern, da der Preis in Dollar angegeben wird.

Wann sinkt das Angebot?

Seit dem Jahreshöchststand von 1302 Dollar am 22. Januar hat der Goldpreis bis heute über zehn Prozent an Wert eingebüsst und steht inzwischen bei rund 1160 Dollar. Weder der wachsende Goldhunger der Schwellenländer, noch die Nachfrage nach Goldmünzen konnten den Trend bisher umkehren. Die US-Konjunktur scheine den Goldpreis bis auf weiteres fest im Griff zu haben, schreibt deshalb auch Alexander Trentin im Blog von «Finanz und Wirtschaft».

Langfristig gibt es aber gemäss Analysten von Morgan Stanley dennoch positive Aussichten für das glänzende Metall. So rechnet die Bank ab 2016 oder 2017 mit sinkenden Fördermengen und einer entsprechenden Verknappung des Angebots. Bis diese Entwicklung aber auf den Preis durchschlägt, dürften noch einige Jahre vergehen.