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Gastkommentar
Warum die Börsenparty vorerst vorbei ist

Dax-Boerse-Aktie-Chart
 Quelle: Keystone

An der Börse waren zuletzt Misstöne zu vernehmen. Ist das nur eine Verschnaufspause oder geht die Party an den Aktienmärkten langsam zu Ende?

Von Harald Preissler*
am 16.11.2017

Anleger scheinen derzeit in der besten aller Welten zu leben: Die Wirtschaft wächst in allen wichtigen Regionen stark, die Inflation ist trotz expansiver Geldpolitik tief und die Aktienkurse haben Anfang November reihenweise  neue historische Höchststände erreicht.

Und doch waren zuletzt einige Misstöne zu vernehmen. Gewinnmitnahmen prägen das Bild, die Kurse haben zu bröckeln begonnen. Ist das nur eine Verschnaufpause oder geht die Party an den Aktienmärkten langsam zu Ende?

Schlechte Chancen für eine Fortsetzung der Hausse

Die Chancen für eine Fortsetzung der Hausse sind leider schlecht. Zumindest vorübergehend ist mit Störfeuern zu rechnen, die in den nächsten Monaten an den Aktienmärkten zu Kursrückgängen von 10 bis 15 Prozent führen dürften. Mit den hohen Bewertungen hat das aber nur wenig zu tun. Der wichtigsten Kapitalmarktregel entsprechend haben sich die Aktienkurse in den vergangenen Jahrzehnten stets im Einklang mit der konjunkturellen Entwicklung bewegt: Bei solidem Wirtschaftswachstum werden bereits teure Aktienmärkte oft noch teurer, während in konjunkturellen Abschwungphasen billige Aktienmärkte noch billiger werden.

Sorgen muss auch die weniger expansive Geldpolitik der Notenbanken nicht machen. Schliesslich bleibt die Geldpolitik per Saldo  expansiv. Viel wichtiger ist aus unserer Sicht auch in den nächsten Monaten die Entwicklung der Konjunktur. Und die bekommt eine Delle.

Bereits seit geraumer Zeit lassen unsere weit in die Zukunft blickenden Frühindikatoren eine Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik erkennen. Diese Abkühlung ist sowohl in der Eurozone als auch in China zu erwarten, weil in beiden Regionen jene Faktoren nachlassen, die der Konjunktur neuen Schub verleihen könnten. Auslöser der nachlassenden Wachstumsdynamik ist China, wo gleich mehrere Faktoren in den kommenden Monaten das Wirtschaftswachstum bremsen dürften.

Chinas Schwerindustrie schaltet einen Gang zurück

Zum einen wird die chinesische Schwerindustrie aufgrund verschärfter Umweltauflagen zu Beginn des Winterhalbjahres einen Gang zurückschalten müssen. Zum anderen sollte die Regierung künftig wieder ein grösseres Augenmerk auf die Eindämmung des Schuldenwachstums legen: Nachdem die Festigung der Machposition des Präsidenten im Rahmen des Parteikongresses im Oktober beendet ist, rechnen wir mit einem stärkeren Fokus auf die Finanzstabilität bei gleichzeitiger Inkaufnahme eines schwächeren Wachstums. So versuchen Regierung und Zentralbank weiter mit Nachdruck, den überhitzten Immobilienmarkt zu beruhigen – ein probates Mittel sind dabei steigende Kapitalmarktzinsen.

Die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen ist seit August 2016 von 2,65 Prozent auf 3,95 Prozent gestiegen – immerhin ein dreijähriger Höchststand. Die chinesische Wirtschaft reagiert erfahrungsgemäss sehr schnell auf monetären Gegenwind. Die insgesamt eher enttäuschenden Konjunkturdaten der vergangenen Wochen passen gut in dieses Bild. Der Citigroup Economic Surprise-Index beispielsweise ist zuletzt auf ein 16 Monats-Tief abgerutscht. Die Eurozone als wichtiger Handelspartner Chinas dürfte diese Abkühlung deutlich zu spüren bekommen.

Moderate globale Wachstumsabschwächung

Während wir mit Blick auf das Wirtschaftswachstum in China und in der Eurozone skeptisch bleiben, halten wir gleichzeitig an unserem freundlichen Ausblick für die US-Wirtschaft fest. Dafür sprechen vor allem die anziehende Investitionsdynamik und der relativ stabile private Konsum. Dank der nach wie vor solide wachsenden US-Wirtschaft sollte es bei einer moderaten globalen Wachstumsabschwächung bleiben. Und spätestens im Sommer 2018 sollte sich der übergeordnete konjunkturelle Aufwärtstrend fortsetzen. Dann könnte auch die Party an den Aktienmärkten weitergehen.

Bis dahin bieten hochqualitative Staatsanleihen wie Schweizer Eidgenossen und deutsche Bundesanleihen im Portfolio einen guten Schutz vor starken Verlusten: Als sichere Häfen sollten sie mit kräftigen Kursgewinnen zu den Gewinnern des 1. Halbjahres 2018 zählen.

* Harald Preissler ist Chefökonom und Leiter Anlagemanagement der Bantleon Bank AG in Zug.

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