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Unheimlich
Warum die Kurs-Explosion in China gefährlich ist

Aktienkurse auf einem Display in China: Unheimliche Kursexpolosion. Keystone

Nirgendwo steigen die Aktienkurse derzeit mehr als in China. Treiber sind die Geldpolitik der Notenbank und die grosszügige Kreditvergabe an Sparer. Die Gefahr eines Flächenbrands wächst.

Von Dominic Benz
am 05.05.2015

In China grassiert das Aktienfieber. Seit Monaten explodieren die Kurse an den Börsen. Ein Ende ist nicht in Sicht. Getrieben werden die Aktien wie auch in Europa und in den USA von der Hoffnung auf mehr Liquidität durch die Zentralbank. Der Höhenrausch der Aktien erstaunt umso mehr, als sich die Wirtschaft im Reich der Mitte immer mehr abkühlt.

Für viele Experten sind die Börsen zu schnell gestiegen. Sie warnen vor einer gewaltigen Blase und einem Crash. Eine Korrektur von 20 Prozent sei «sehr gut möglich», zitierte die Finanznachrichtenagentur «Bloomberg» kürzlich den Fondsmanager Mark Mobius von der Templeton Emerging Markets Group.

Beeindruckende Rallye

Atemberaubend ist vor allem die Rallye, die der marktbreite Hauptindex Shanghai Composite hingelegte. In den letzten zwölf Monaten ist er um mehr als das Doppelte auf rund 4500 Punkte gestiegen. In Hongkong explodierten die Kurse in der gleichen Zeit um mehr als ein Drittel.

Anleger stürzten sich vor allem auf Börsengänge. Laut der Branchenseite «Stockworld» sind jeweils die Aktien aller 147 Börsendebütanten der letzten zwölf Monaten am ersten Handelstag um das erlaubte Maximum von 44 Prozent durch die Decke gerauscht.

Geldpolitik treibt Kurse

Das Kurs-Feuerwerk möglich gemacht haben die schrittweise Liberalisierung der Börsen und die expansive Geldpolitik der chinesischen Zentralbank. Die Währungshüter wollen mit Lockerungsmassnahmen der schwächelnden Wirtschaft auf die Beine helfen. Im letzten Jahr sank das Wachstum mit 7,4 Prozent auf das tiefste Niveau seit 1990. Auch der Start ins laufende Jahr verlief schleppend.

Darauf reagieren die Behörden. Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr hat die Zentralbank die Mindestreservesätze für Banken auf 18,5 Prozent gesenkt, was die Kreditvergabe an Unternehmen ankurbeln soll. Mit dem Schritt könnten laut Schätzungen den Geldhäusern 200 Milliarden Dollar mehr führ Kredite zur Verfügung stehen. Seit November hat die Zenralbank zudem schon zweimal die Leitzinsen nach unten geschraubt.

Kleinanleger tummeln sich am Markt

Von der Geldschwemme profitieren die Aktien. Das lockt nicht zuletzt chinesische Kleinanleger in Massen an. Seitdem die Blase am Immobilienmarkt geplatzt ist, suchen sie Alternativen für Investitionen. Die Flucht in Aktien liegt auf der Hand. Mittlerweile seien laut einem Bericht der «ARD» bis zu 80 Prozent der Aktien in Shanghai im Besitz von Kleinanlegern.

Auf der Suche nach dem schnellen Geld liessen sie Konjunkturdaten oder Unternehmenszahlen links liegen. Die Möglichkeit von Kursrückschlägen werde ausgeblendet. Die Richtung entscheide die Masse: Wenn alle kaufen, dann kaufe man selber auch. Bei den Kleinanlegern handle es sich meist um völlig unerfahrene Börsen-Neulinge. Zwei Drittel der Kleinanleger hätten die Schule bereits im Alter von 15 Jahren verlassen, 6 Prozent seien Analphabeten.

«Aktienmarkt-Sozialismus»

Hinzu kommt, dass diese Anleger meist auf Pump in Aktien investieren. Sowohl der Staat als auch die Banken vergeben Kredite grosszügig, um den Anlegern die Vermögensbildung zu ermöglichen. Gemäss «ARD» sprechen Experten vom chinesischen Modell des «Aktienmarkt-Sozialismus»: Die Gewinne werden nach unten umverteilt.

Anfang April war das Volumen an Wertpapierkrediten auf den Rekord von 1,6 Billionen Yuan angestiegen – das sind 264 Milliarden Dollar. Laut «Stockworld» ist das ein Plus von 50 Prozent innerhalb drei Monaten. In den letzten drei Jahren ist das Volumen gar um das Dreissigfache angeschwollen.

Gefahr eines Flächenbrands

Die Rechnung geht für die Kleinanleger auf, solange die Kurse steigen. Doch ein drastischer Rücksetzer könnte die Investitionen schnell vernichten. Der Fall auf den Boden der Realität wäre hart. Aber auch für die Banken steigen die Gefahren. Können die Anleger ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen, droht eine Bankenkrise. Mit dem Aufwärtstrend steigt die Gefahr eines Flächenbrands.

Experten blicken daher mit Sorge in Richtung China. «Ausländische Investoren sind von einer Blasenbildung überzeugt», sagt Vanessa Donegan, Anlageexpertin bei der Fondsgesellschaft Columbia Threadneedle, gegenüber der «Financial Times». Investitionen würden Risiken bergen.

Überhitzte Tech-Aktien

Eine Überhitzung ist besonders bei den Technologieaktien sichtbar. Gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis sind sie um rund 40 Prozent höher bewertet, als es die Tech-Titel an der US-Börse Nasdaq im Frühjahr 2000 waren. Damals platzte wenig später die legendäre «Internetblase».

Welche Sektoren in China tatsächlich überbewertet sind, ist oft schwer auszumachen. «Die Liquiditätsflut beflügelt die Aktien von schlechten und guten Unternehmen», sagt Vanessa Donegan.

«Jeder erwartet einen Rücksetzer»

Auch Heinz Rüttimann von der Bank Julius Bär sieht Risiken im chinesischen Aktienmarkt. «Jeder erwartet einen Rücksetzer nach so einem Lauf.» Die Frage sei nur, wie heftig dieser seine werde. Für Investoren sei es schwierig festzumachen, welche Titel teuer oder günstig sind, sagte er gegenüber der «Financial Times». 

Die Geldpolitik hat das Vertrauen in die Aktienmärkte gefestigt. Rüttimann glaubt daher, dass die Regierung genügend Luft hat, um schlimmere Rücksetzter an den Börsen zu verhindern.

Schlechte Daten sind positiv

Doch gerade die Spekulanten setzen weiter auf geldpolitische Massnahmen der Währungshüter, die ein Abschwächen der Wirtschaft verhindern wollen. Schlechte Konjunkturdaten interpretieren die Investoren folglich als positiv für den Aktienmarkt, da die Wahrscheinlichkeit für weitere Massnahmen durch die Notenbank stiege. Solange die Wirtschaft hinkt, sehen denn auch viele Experten kein schnelles Ende des Aktien-Höhenflugs in China.

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