Ein EU-Finanzgipfeltreffen jagt das nächste, der Euro fällt auf den tiefsten Stand seit vier Jahren, und die Investoren flüchten aus Wertschriften in Gold oder Bares. Ist Europa als Anlageregion erledigt und das Schicksal der alten Länder bald besiegelt, wie manche Stimme warnen (siehe «Geldfrage» nebenan)?

Ein Problem der Peripherie

Ob all der Aufregung lohnt es sich, das Geschehen auf dem Kontinent mit ein wenig Abstand zu betrachten - so, wie es etwa die Analysten von Morgan Stanley von der Warte einer US-Grossbank aus tun. Sie kommen nämlich zum Schluss, dass es gerade jetzt an der Zeit wäre, europäische Aktienwerte zu kaufen. «Ja, es ist möglich, dass sich die Krise verschärft», lautet ihr Urteil. «Aber wir mögen die Entschädigung für das eingegangene Risiko.» Noch ein weiterer Fakt lässt sich aus der Distanz besser erkennen: Europa ist nicht gleich Europa. Doch diesem Punkt wird heute wenig Beachtung geschenkt. So flüchten die Investoren nicht nur aus Griechenland, Portugal und Spanien, sondern setzen sich auch von Italiens Börse ab. Dabei habe sich das Land auch in Boomzeiten nicht exzessiv verschuldet, mahnt Nikolaus Pöhlmann, der für die Deutsche-Bank-Tochter DWS als Fondsmanager nach europäischen Dividendenperlen sucht. «Das Primärdefizit ist sogar tiefer als in Deutschland.» Doch davon wollen die Anleger jetzt nichts wissen. Werte wie der international aufgestellte Ölkonzern ENI werden aufgrund der Situation in Südeuropa derzeit zu einem deutlichen Abschlag zu ihren Konkurrenten gehandelt.

Diese Sippenhaftung ergibt indessen wenig Sinn. «Die Schuldenkrise findet an der Peripherie der EU statt», urteilt Pöhlmann. Entsprechend begrenzt sei der Einfluss auf das Wachstum so gewichtiger Wirtschaftsnationen wie Deutschland und Frankreich. Tatsächlich wurden die Wachstumsprognosen für Deutschland und Frankreich letzthin eher noch nach oben korrigiert.

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«Innerhalb Europas sehen wir in Deutschland und Frankreich die besten Anlagechancen», sagt Pöhl. Die Aktienspezialisten von DWS favorisieren dabei Unternehmen mit hohem Exportanteil, weil diese wegen der Euroschwäche ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit im Ausland weiter steigern könnten. Zuoberst auf den DWS-Kauflisten sind international tätige Multis aus den Sektoren Industrie und Chemie. Auf den schwachen Eurokurs und einen hohen Anteil in den Schwellenländern spekulieren auch die Analysten von Credit Suisse. Ihre Top-Picks diesbezüglich lauten ArcelorMittal, LVMH, Danone und Siemens.

Viel Schulden, viel Wachstum

Doch auch in Europas Norden finden sich Aktien mit Potenzial. So haben die skandinavischen Staaten die Turbulenzen bisher unbeschadet überstanden. Norwegen fiel dank seinem Ölreichtum auch während der Finanzkrise nicht in die Rezession.

Für die kommenden zwei Jahre rechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) fast in ganz Skandinavien mit hohem Wachstum, wobei sich Schweden und Finnland besonders hervortun (siehe Tabelle). «Die nordischen Länder entwickeln sich besser als der Rest Europas», sagt Martin Nilsson, Manager des Nordic Equity Fund von Nordea.

Die dortigen Firmen seien dabei klar auf den Export ausgerichtet, wobei Europa neben den USA und China der wichtigste Handelspartner ist. Der Anteil an den Schwellenland-märkten nimmt aber zu, und skandinavische Firmen sind bei der Globalisierung zuvorderst mit dabei. So der dänische Frachtgigant AP Møller-Mærsk, Konecranes, der finnische Marktführer für Industriekräne, und der schwedische Bergbauausrüster Atlas Copco.

Aus denselben Gründen interessant für Anleger ist auch Grossbritannien, trotz der ausufernden Staatsschulden: Die in London kotierten Firmen erwirtschaften mittlerweile 50% ihrer Umsätze im Ausland, zahlreiche unter ihnen im Rohstoffsektor, wo die Preise steigen. Glaubt man den IWF-Prognosen, gehört das Königreich deshalb künftig zu den Wachstumsturbos in Europa.