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Anlagen
Warum Schwellenländer jetzt ins Depot gehören

Bild: Peter Frommenwiler

In vielen Portfolios sind Emerging Markets untervertreten – zu Unrecht. Die Anlageklasse ist derzeit so günstig bewertet wie schon lange nicht mehr.

Von *Nick Price
am 20.11.2014

Die Zeit des «Free Lunch» an den Märkten der aufstrebenden Länder ist vorbei, Kurssteigerungen basieren mehr und mehr auf der Substanz der Unternehmen und nicht mehr auf einem undifferenzierten, homogen Marktaufschwung wie etwa in den Jahren vor der Finanzkrise. Sorgfältig ausgewählte Aktien aus den Emerging Markets dienen nicht länger als riskante Beimischung fürs Portfolio, sondern etablieren sich als renditeträchtige Dividendentitel.

Die Bewertungen an den Börsen der Emerging Markets sind auf historisch tiefe Niveaus gefallen. Der Fokus der Anleger lag in den letzten Jahren stärker auf anderen Teilen der Welt, allen voran auf den USA, deren wirtschaftlicher Erholungskurs das dortige Gewinnwachstum getrieben hat. Hingegen weisen die – in den letzten Jahren von internationalen Investoren oftmals zu Unrecht verschmähten – Titel der Emerging Markets heute ein Bewertungsniveau auf, das so niedrig ist wie im Jahr 2004. Und dies nicht nur bezogen auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis KGV, sondern auch auf das Kurs-Buchwert-Verhältnis KBV (siehe Grafik).

Weiterhin starkes Wachstumspotenzial

Solch niedrige Bewertungen bieten den idealen Zeitpunkt für internationale Investoren, um ihr Engagement in den aufstrebenden Märkten auszubauen. Denn trotz der allgemein bekannten Diversifikationseffekte sind Anlagen in Emerging Markets in gewichtigen Portfolios tendenziell unterrepräsentiert.

Wirft man einen Blick in die Zukunft, wie es langfristig orientierte Anleger tun sollten, wird klar, dass die Emerging Markets nach wie vor ein starkes Wachstums­potenzial und äusserst attraktive Anlagemöglichkeiten bieten, unter anderem dank der aufstrebenden Mittelschicht und einer gesunden demografischen Struktur. Gemäss einer McKinsey-Studie wird bereits 2025 rund die Hälfte des Weltkonsums auf die Emerging Markets entfallen.

Westliche Konsumgüterfirmen profitieren

Von dieser Entwicklung profitieren nicht nur Unternehmen in den aufstrebenden Märkten, sondern auch westliche Konsumgüterfirmen, die sich dort niedergelassen und etabliert haben. Diese Unternehmen partizipieren am wirtschaft­lichen Aufschwung der Mittelklasse, aber vor allem profitieren sie von den bestehenden Corporate-Governance-Strukturen ihrer westlichen Konzernzentralen – einem wichtigen Kriterium für Anleger mit einem aktiven Stockpicking-Ansatz.

Denn trotz dem insgesamt viel versprechenden Potenzial der Emerging Markets wird es in Zukunft nicht mehr so einfach sein, von Wirtschaftsentwicklungen in Brasilien, Russland, Indien, China und Co. zu profitieren. Die wunderbaren Jahre, welche Emerging-Markets-Investoren von 2003 bis 2007/2008 offeriert wurden, dürften künftig vorbei sein.

In dieser Zeit haben die Emerging Markets eine deutliche Outperformance gegenüber den entwickelten Märkten an den Tag gelegt. Gestützt wurde diese Phase im wesentlichen von China, dessen Wirtschaftskraft jährlich im zweistelligen Bereich zulegte, und das mit seinem Hunger nach Rohstoffen den Superzyklus im Rohstoffmarkt angetrieben hat.

Steigende Dividendenausschüttungen

Diese veränderten Rahmenbedingungen ändern nichts am Potenzial der aufstrebenden Märkte. Jedoch gilt es für langfristig orientierte Anleger, nun diejenigen Firmen ausfindig zu machen, welche die Zeit der Konsolidierung genutzt und ihr Geschäft auf ein solides Fundament gestellt haben; Firmen, die heute aus eigener Kraft wachsen und die dafür notwendigen stabilen Corporate-Governance-Strukturen haben. Die steigenden Dividendenausschüttungen veranschaulichen, dass viele Unternehmen der aufstrebenden Volkswirtschaften ihre Hausaufgaben gemacht haben.

So stiegen die in den Emerging Markets ausgeschütteten Dividenden gegenüber dem Vorjahr um 9,2 Prozent, während sich Aktionäre in Europa mit lediglich 2,9 Prozent und in den USA mit nur 1,3 Prozent zufrieden geben mussten.

Die aus Anlegersicht attraktivsten Titel finden sich allerdings nicht unbedingt in den führenden Indizes der Emerging Markets. Deren Zusammensetzung hat sich in den letzten Jahren zudem stark verändert. Wer im Jahr 2000 in den MSCI Emerging Markets Index investierte, legte noch in ein breites Spektrum von Ländern an. Heute entfallen die grössten Indexanteile auf Märkte wie China oder Brasilien, die in der Boomphase bis 2008 zwar eine überdurchschnittliche Rendite erzielt haben, deren Wachstumsraten seither jedoch merklich geschrumpft sind.

Von Moskau bis Taipeh

Im heterogen gewordenen Universum der in den Emerging Markets notierten Titel wird künftig nur derjenige Investor fündig, der genau hinschaut. Aktives Stockpicking an den Börsen von Moskau bis Taipeh ist indes mit grösseren Herausforderungen verbunden als an den Börsen in Zürich, Frankfurt oder New York. Während in der entwickelten Welt zu nahezu jedem Unternehmen ausführliches Research-Material vorhanden ist und ein einziger Titel von einer Vielzahl von Finanzinstituten regelmässig bewertet wird, beschäftigen sich nur wenige Analysten intensiv mit den Aktien, die an den Börsen der Emerging Markets kotiert sind. Die Investoren, die sich auf ein breites und tiefes, vor Ort generiertes Research stützen können, sind langfristig deutlich im Vorteil gegenüber Anlegern, die sich mangels Analysen mit einem passiven Index-Investment auf der sicheren Seite wiegen. Denn der Index reflektiert die Gewinner von gestern und nicht die möglichen Gewinner von morgen.

*Nick Price, Portfolio Manager, Global Emerging ­Markets, Fidelity Worldwide Investment, London.

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