Sie beide sind seit Jahrzehnten intime Kenner der Aktienmärkte. Was erleben wir derzeit?

Heiko Thieme:Was sich da abspielt, ist die mit Abstand grösste Finanzkrise der Geschichte ...

Moment mal, Sie haben hier doch die Optimistenrolle.

Thieme: Die Krise birgt riesige Chancen, denn die Probleme sind lösbar, wenngleich nicht von heute auf morgen. Aber der Reihe nach. Die Finanzindustrie hat sich in eine prekäre Situation manövriert. In den vergangenen Jahren der Sonnenschein-Börsen kreierten die Banker immer komplexere Produkte, um damit fette Rendite zu machen. Nun stellt sich heraus, dass viele dieser Innovationen weitaus riskanter waren, als selbst die Manager erkannten. Vergleichen Sie diese Produkte mit einer Pilzsuppe. Es wurde immer wieder Neues zusammengerührt. Aber ist ein Pilz faul, ist das ganze Gericht vergiftet, und wer davon isst, kann sich mächtig den Magen verderben. Wohl kein Bankchef der Welt weiss noch, was genau er da in seinen Büchern hat, wie das Beispiel Hypo Real Estate zeigt.

Roland Leuschel:Gut beobachtet. Das System ist kontaminiert. Schauen Sie sich an, wo überall Abschreibungen und Schieflagen auftreten: IKB, Sachsen LB, WestLB, Northern Rock, Citigroup, Merrill Lynch. Und jetzt greift die Krise auch noch auf den Versicherungssektor über. Das gesamte System ist faul. Wenn wir keine Bankenpleiten erleben, dann nur deshalb, weil im Zweifelsfall der Staat interveniert.

Thieme: So weit wird es wohl nicht kommen. Da ist noch genügend Substanz, dass andere Investoren wie reiche Ölscheichs oder asiatische Wohlstandsfonds zugreifen. Das sind keine Samariter, sondern knallhart kalkulierende Financiers, die mittel- und langfristig bei angeschlagenen westlichen Geldhäusern Chancen sehen.

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Leuschel: Glauben Sie an Grimms Märchen? Diese Investoren wollen doch auch Geld verdienen. Wenn sie sehen, dass sie sich mit den maroden Instituten faule Eier ins Depot holen, werden sie das Geld bald nicht mehr so freigebig anlegen. Denken Sie nur an die Buchverluste, die die Chinesen mit ihrer knapp 14%-Beteiligung am Finanzinvestor Blackstone zu verzeichnen haben. Das regt nicht zur Nachahmung an. Thieme: Die Chinesen haben eine langfristige Perspektive und lassen sich von Marktschwankungen nicht so sehr beeindrucken. Sie sehen anders als der- zeit viele Investoren hierzulande, dass sich im Finanzsektor gutes Geld verdienen lässt.

Chinesen und Scheichs werden also die Welt retten?

Thieme: Genau das ist mein Szenario. Die vier Milliarden Menschen aus den Schwellenländern vom Nahen bis zum Fernen Osten haben in den vergangenen Jahren unvorstellbare Summen angespart. Allein die Chinesen bringen es auf 1,5 Billionen Dollar. Dieses Geld wartet nur darauf, investiert zu werden, und wird uns aus der Patsche helfen.

Leuschel: Die strukturellen Probleme des westlichen Finanzsystems sind so gross, dass keiner wird gegenhalten können.

Thieme: Unterschätzen Sie die Finanzkraft der neuen Mächte nicht. Zusammen mit den Regierungen und Notenbanken werden sie nicht zulassen, dass es zu einer Abwärtsspirale kommt.

Leuschel: Die können höchstens verhindern, dass es zu einem 25%igen Wall-Street-Einbruch wie 1987 kommt. Diesmal ist ein Crash auf Raten das wahrscheinlichere Szenario. Die Baisse dürfte mindestens zwei bis drei Jahre dauern und den Dax bis auf 4000 Punkte zurückwerfen.

Thieme: Das sind die Börsenweisheiten von gestern. Demnach besteht ein Zyklus immer aus zwei Dritteln Hausse und einem Drittel Baisse. Die Welt ist aber viel schneller geworden. Ich könnte mir vorstellen, dass wir bereits in diesem Jahr den Tiefpunkt sehen werden.

Was raten Sie Anlegern?

Thieme: Bei völlig ausgebombten Werten wie der Citigroup oder Hypo Real Estate gestaffelt einsteigen, beim breiten Markt noch abwarten. Der Dax könnte noch rund 1000 Punkte fallen, aber dann sind Aktien definitiv so billig, dass man einsteigen muss.

Leuschel: Für mich ist Gold die Anlageform der Stunde. Auch wenn es im Zuge der Krise kurzfristig etwas nachgeben kann, sollten Anleger hier kräftig investiert sein. Darüber hinaus werde ich mit einem ShortDax-Indexfonds auf einen weiter fallenden Dax setzen.