Anlegern und Börsenexperten gehen allmählich die Erklärungen für erratische Kursbewegungen am US-Aktienmarkt aus. Fundamentale Gründe zu finden ist nicht zuletzt deshalb so schwer, weil es am Markt eine grosse strukturelle Veränderung gibt: Die Mehrzahl der Aktien-Trades geht heute von sogenannten High-Frequency-Fonds aus. Dahinter steckt eine Strategie, die in den vergangenen Jahren wegen ihres grossen Erfolgs weite Verbreitung gefunden hat.

Computer statt Ökonomen

Hinter diesen Portfolios stehen keine Trader im herkömmlichen Sinn, keine Ökonomen oder Charttechniker. Vielmehr füttern bei Fonds wie Citadel Investment Group und Renaissance Technologies Programmierer die Computer mit Strategien, die auf obskuren mathematischen Korrelationen beruhen. Der Handel läuft dann nur über Maschinen, ohne Eingriffe von Menschenhand.

Ähnlichkeit mit Hedge-Fonds

Es ist unschwer zu erkennen, dass dies eine Abkehr von dem «fundamentalen» Investmentmodell ist, das den Handel im vorigen Jahrhundert dominiert hat. Wie bei Hedge-Fonds werden Aktien geshortet, oder es finden Leerverkäufe statt.

Durch die Zunahme dieser automatisierten Fonds wird der Aktienmarkt anfälliger für grosse Intra-Day-Bewegungen, ohne dass dahinter wirklich ein fundamentales Ereignis steht. Computer analysieren weder Nachrichten - auch wenn manche Strategien Schlagzeilen als Auslöser nutzen -, noch begründen sie ihre Aktivitäten. Auch in den vergangenen drei Monaten, die relativ ruhig waren, sahen Investoren bei einzelnen Unternehmen oder Branchen Kursausschläge um die 10%, ohne dass es dafür eine nahe liegende Begründung gab.

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Noch vor fünf Jahren machte das Hochfrequenz-Trading weniger als ein Viertel des gesamten US-Börsenhandels aus und galt als Nischenstrategie, weiss Matthew Rothman, Analyst für quantitative Fonds bei Barclays Capital. Dieser Anteil hat sich seither mehr als verdoppelt. Schätzungen sprechen davon, dass heute bis zu zwei Drittel des täglichen Handelsvolumens auf jene quantitativen Fonds zurückzuführen sind. Die Nischenplayer stellen die normalen Broker, Publikums- und Hedge-Fonds in den Schatten.

Noch gibt es branchenweit keine einheitliche Definition für eine Hochfrequenz-Handelsstrategie. Doch Fonds, die von sich aus angeben, nach einer solchen Strategie zu agieren, verwalteten Ende März 141 Mrd Dollar. Das ist laut Hedge Funds Research um 21% weniger als Ende 2007. Zum Vergleich: Für Hedge-Fonds lag der Wert Ende 2007 bei 1,93 Billionen Dollar und fiel seither um 31%. Grössere Hedge-Fonds haben zugunsten der Hochfrequenz-Trades andere Strategien auf Eis gelegt und stellen für neu eröffnete Fonds Mathematiker und Programmierer ein. Und einige der am schnellsten wachsenden Market-Maker wie etwa Global Electronic Trading oder Getco nutzen ebenfalls die automatisierten Strategien.

Fonds werden immer beliebter

Bill Cronin von Knight Capital Group sagt, mit dem Beginn des letzten Bärenmarkts hätten diese Fonds enorm an Beliebtheit gewonnen und seither viel Geld von den Anlegern angelockt. Ihr Einfluss ist gewachsen, während andere Vermögensverwalter mit Mittelabflüssen kämpfen und ihren Handel einschränken.

Traditionelle Geldverwalter befürchten nun, dass sie durch den Anstieg des Hochfrequenz-Handels bei den Orders abgezockt würden. Joseph Saluzzi, einer der Gründer der Trading-Boutique Themis Trading, spricht gar von «Heuschrecken, die den Aktienmarkt abgrasen».

Von der US-Börsenaufsicht SEC haben die Kritiker allerdings wenig Mitleid zu erwarten. Von dort heisst es, institutionelle Vermögensverwalter seien «erfahren» genug, um ohne weitere Regulierung gegenüber den Computern bestehen zu können.