Ob Alstom, Bayer oder Holcim - dank niedriger Zinsen und voller Kassen dreht sich das Übernahmekarussell so schnell wie lange nicht. Während viele Aktienanleger auf deutliche Kurssprünge hoffen, verfolgen Anleihe-Investoren das Fusionsfieber mit wachsamen Auge. «Übernahmen sind tendenziell mit schmelzenden Bargeldbeständen und steigender Verschuldung verbunden und schüren damit die Angst vor Bond-Ausfällen», sagt Kredit-Analyst Michael Köhler von der LBBW.

Noch sieht der Experte aber keinen Grund, deswegen die Finger von Unternehmensanleihen zu lassen. Die Übernahmewelle befinde sich noch in einer sehr frühen Phase, die Zukäufe erfolgten mit Augenmass und die Summen hielten sich in den meisten Fällen in Grenzen, urteilt Köhler.
Nach Daten von Thomson Reuters hat das weltweite M&A-Volumen im Jahresvergleich bislang um 92 Prozent auf 1,46 Billionen US-Dollar angezogen. Rund 46 Prozent des Volumens entfallen auf Deals in Amerika, in Europa und der Region Asien-Pazifik sind es 32 beziehungsweise 19 Prozent.

Baubranche und Pharmasektor

Für Schlagzeilen sorgten zuletzt vor allem die Mega-Fusion der Baustoffkonzerne Holcim und Lafarge sowie das Ringen von Siemens und General Electric um den Industriekonzern Alstom. Rund ging es auch im Pharma-Sektor: Bayer kündigte Anfang Mai den Zukauf des Geschäfts mit rezeptfreien Arzneien des US-Pharmakonzerns Merck & Co für 10,4 Milliarden Euro an. Dagegen scheiterte Pfizer mit einem über 100 Milliarden Dollar schweren Gebot für AstraZeneca.

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Miraji Othman von der BayernLB geht davon aus, dass gerade in der Chemie- und Pharmabranche die Zahl der Übernahmen in den nächsten Monaten anziehen wird. Die Kombination aus einem schwachen organischen Wachstum, hohen Bargeldbeständen, soliden Kreditprofilen und einem ablaufenden Patentschutz bei vielen Produkten dürften weitere Akquisitionen folgen lassen, schreibt der Analyst in einer Kurzstudie.

Von M&A-Exzessen mag jedoch auch der BayernLB-Experte noch nicht sprechen: Bislang gebe es keine ausgeprägten Bieterschlachten und die Finanzierung erfolge weniger als bei früheren M&A-Wellen über eine hohe Kreditaufnahme, sagt der Bond-Analyst. Sein Kollege Markus Ross von der WGZ Bank ist ähnlicher Ansicht: «Viele Konzerne haben in den vergangenen Jahren ihre Hausaufgaben gemacht, sich entschuldet und Barreserven aufgebaut. Das heisst, sie haben jetzt auch Spielraum, um dazuzukaufen.« Solange sich die Zukäufe in einem disziplinierten Rahmen abspielten, müsse man keine Bedenken haben, dass Konzerne ihr Kreditprofil über Gebühr strapazierten.

Schwieriger wird es, sollte sich die Konjunktur überraschend abkühlen: «Sollten die Unternehmen dann trotzdem Übernahmen vorantreiben, steigt natürlich das Risiko, dass sie sich verheben«, sagt Ross. «Aber das ist momentan nicht unser Basisszenario. Wir rechnen zwar nicht mit einem grossen Aufschwung, aber doch mit einem weltweiten moderaten Wachstum.«

Boom am Bondsmarkt

Damit dürfte auch der Boom am Bondmarkt laut LBBW-Experte Köhler erst einmal anhalten. «Letztlich untermauern Zukäufe von Unternehmen den Eindruck, dass es konjunkturell bergauf geht und das ist ein positives Zeichen für den Markt mit Unternehmensanleihen«, sagt der Kredit-Analyst.

Darüberhinaus sollte auch der Rendite-Hunger im derzeitigen Niedrigzinsumfeld die Investoren weiter in Corporate Bonds treiben. Für Investoren gebe es derzeit kaum Alternativen, sagt Köhler. Als sicher geltende Staatsanleihen wie die zehnjährigen Bundesanleihen werfen mit 1,3 Prozent nur wenig ab. «Der Markt für Unternehmensbonds verspricht da zumindest noch etwas mehr Rendite,« meint Köhler.

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Laut LBBW liegt die aktuelle Rendite europäischer Bonds mit Top-Bonitätsnoten (Investment Grade) im Schnitt bei 1,59 Prozent und für Hochzinsanleihen bei 3,59 Prozent. Diese Aussicht liess Investoren in den vergangenen Jahren immer häufiger bei Unternehmenpapieren zugreifen. Bis Anfang Mai lag das Neuemissionsvolumen nach Angaben der BayernLB bei 115,2 Milliarden Euro - dem zweithöchsten Wert nach 2009.

(reuters/me)