In gut einer Woche wird es ernst: Am 22. September wird in Deutschland gewählt. Nicht nur die deutschen Bundesbürger haben inzwischen in den Wahlmodus geschaltet. Investoren und Finanzmarktanalysten versuchen sich ebenfalls in Rechenspielen, um die Entwicklung an den Märkten nach dem Urnengang zu prognostizieren.

Der Ausgang ist durchaus offen: Zwar liegt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor ihrem Herausforderer Peer Steinbrück (SPD). Doch der hat nach einem respektablen Auftritt im TV-Duell seine Angriffslust wiedergewonnen, holt in der Wählergunst auf und schreckt auch im Endspurt nicht vor unorthodoxen Provokationen zurück. In Umfragen liegen Regierung und Opposition gleichauf.

Nach der Wahl gehen die Aktienmärkte nach oben – zumindest kurz

Gedankenspiele für verschiedene Regierungskonstellationen sind erlaubt. Da sich die SPD zuletzt jedoch wiederholt gegen eine Zusammenarbeit mit der Partei Die Linke aussprach, setzen viele Anlageexperten denn auch auf eine Fortsetzung von Schwarz-Gelb: «Der Status quo dürfte bestehen und Angela Merkel weiter Bundeskanzlerin bleiben», erwartet Christoph Riniker, Leiter der Abteilung Anlagestrategie bei der Bank Julius Bär. «Insgesamt könnte die Wahl einen leicht positiven Effekt auf deutsche Aktien haben», erwartet er. Das gelte auch dann, wenn es zu einer grossen Koalition aus CDU/CSU und SPD komme.

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Diese Einschätzung lässt sich sogar empirisch stützen: Mit Blick auf alle deutschen Wahltermine seit 1959 zeigt sich, dass der Aktienmarkt in den 50 Tagen nach der Wahl deutlich nach oben zeigt. Das haben die Analysten der Dekabank ausgewertet. «Hier ist der Effekt bei einem Regierungswechsel am grössten», sagt Anlagestratege Joachim Schallmayer. Allerdings feiert der deutsche Aktienmarkt Bundestagswahlen nur relativ kurz: Betrachtet man die Kursschwankungen in verschiedenen Zeitperioden vor und nach der Wahl, ergeben sich keine einheitlichen Trends mehr.

Wirtschaftspolitische Entscheidungen können grossen Aktieneinfluss haben

Ganz anders sieht es bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen aus. Langfristig können diese die Wertentwicklung von Aktien sehr stark beeinflussen. 2010 machte sich Schwarz-Gelb an den Ausstieg vom Atomausstieg, nur um nach dem Unglück von Fukushima wieder umzuschwenken: Nun wird die Energiewende doch umgesetzt. Dieser Zick-Zack-Kurs sorgte an den Börsen für enorme Unsicherheit, was sich an der Bedeutung der beiden Versorger im Dax ablesen liess: Hatten RWE und Eon 2009 noch ein gemeinsames Gewicht von 14 Prozent, sind es heute nur noch 5 Prozent.

Und die Energiewende bleibt das wirtschaftspolitische Thema Nummer Eins in Deutschland. Ein grosses Fragezeichen steht hinter der Brennelementesteuer, die nach derzeitigem Stand 2017 auslaufen soll – eigentlich. Im Raum steht jedoch eine Verlängerung, was die beiden Versorger stark zusätzlich belasten würde. «Gibt die Bundesregierung Hinweise auf die weitere Entwicklung bei diesem Thema, können die Werte von Eon und RWE durchaus zweistellig nach oben – oder eben unten gehen», sagt Schallmayer. Eine weiteres brisantes Thema sind die Kapazitätsmärkte: Können die großen Energieversorger in Zukunft eine Prämie dafür erhalten, dass sie Kapazitäten nur für den Bedarfsfall vorhalten und kommt das in neuen regulatorischen Vorschlägen zum Ausdruck, würde das die Kurse der Versorgeraktien ebenfalls deutlich unterstützen, glaubt Schallmayer.

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Deutsche Aktien profitieren vom Ende der Euro-Rezession

Mit Blick auf die Euro-Krise rechnen Analysten höchstens mit einem leichten politischen Kurswechsel nach der Wahl – insbesondere dann, wenn in einer grossen Koalition möglicherweise etwas mehr Wert auf wirtschaftliches Wachstum gelegt wird. Eine Grosse Koalition würde stärker in Richtung einer Vertiefung der europäischen Integration abzielen, glauben die Fachleute der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). «In diesem Fall dürften sich die Risikoaufschläge der Peripheriestaaten gegenüber Deutschland weiter reduzieren», schreiben die LBBW-Experten in einer Analyse. De facto hiesse das: Die Euro-Krise schwächt sich weiter ab.

Bereits heute deutet sich eine konjunkturelle Stabilisierung an. Das kommt vor allem der exportabhängigen deutschen Wirtschaft zugute. Entsprechend ist Olivier Müller, Analyst bei der Credit Suisse, optimistisch: «Der deutsche Aktienmarkt ist der Markt mit dem stärksten Bezug zu der Erholung in Europa.» Er favorisiert daher deutsche Aktien – weit oben auf seiner Liste steht etwa der Sportartikelhersteller Adidas. Das Unternehmen dürfte als globale Marke auch von der Fussball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Brasilien profitieren.

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Die Deutsche Bank sieht Müller bei einer anhaltenden Konjunkturerholung ebenfalls positiv. Des Weiteren auf seiner Liste: Der Pharmakonzern Bayer, die Deutsche Post, das Technologieunternehmen Infineon, Lufthansa und das Softwareunternehmen SAP.