Jens Ehrhardt kann sich noch gut erinnern. «Mitte 2002 dachte ich, dass die Wende bevorsteht, und investierte wieder in Aktien», sagt der Vermögensverwalter, der zu den besten seiner Zunft gehört. Der deutsche Leitindex Dax war bereits von über 8000 auf rund 5000 Punkte gefallen. «Die antizyklischen Indikatoren sagten damals alle ‹Kaufen›!» Doch das war ein Fehler. Bevor die Wende im Frühjahr 2003 kam, ging es erst einmal weitere 50% bergab. «Trends dauern immer länger, als man denkt», diese Lehre hat Ehrhardt daraus gezogen.

Auch heute deutet wieder vieles auf Einstiegskurse: Das Minus von 25% seit Jahresbeginn, günstige Bewertungen, die Panik der vergangenen Wochen. Gleichzeitig werden bei vielen aber die Erinnerungen an das Platzen der Internetblase nach der Jahrtausendwende wach. Auch damals gab es immer wieder leichte Erholungen, und viele Investoren dachten – wie Ehrhardt –, der Tiefpunkt sei erreicht. Und dann ging es noch weiter bergab. Genau dies passiert auch diesmal, beispielhaft in der vergangenen Woche: Erst herrschte Erleichterung über das Rettungspaket der amerikanischen Regierung, dann kam der nächste Tiefschlag mit dem Zusammenbruch der grössten US-Sparkasse Washington Mutual. Droht diesmal also der gleiche langwierige Crash auf Raten wie zwischen 2000 und 2003?

Wer allein die Kursverläufe vergleicht, dem wird angesichts der Übereinstimmungen schnell mulmig. Doch die Magie der Ähnlichkeiten bei den Kursverläufen kann auch leicht die Sicht für die Unterschiede verdecken. Darauf verweist Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka. «Die Grippe ist schwer, aber der Patient war zuvor gesund und gut genährt», sagt er. Will sagen: Die derzeitige Krise ist heftig, aber die Unternehmen sind im Gegensatz zu 2000 weder überschuldet, noch basieren ihre Geschäftsmodelle auf illusorischen Prognosen.

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Diesmal «nur» Blase geplatzt

«Ein Unterschied zum Platzen der Internetblase liegt auch darin, dass damals noch einige weitere Dinge hinzukamen», ergänzt Franz Wenzel, Aktienstratege bei Axa Investment. «So glitt die Wirtschaft gleichzeitig in eine tiefe Rezession ab, dann folgten die Terroranschläge vom 11. September, und schliesslich plante die US-Regierung auch noch den Irak-Krieg.» Nicht nur die Wirtschaft stand am Abgrund, auch die Politik trat in ein neues Zeitalter. All das belastete die Aktienmärkte zusätzlich. Diesmal dagegen ist bislang «nur» eine Blase geplatzt, und die Wirtschaft steckt allenfalls in einer leichten Rezession.

Bislang. Ob sich dies demnächst ändert, ist aktuell eine der wichtigsten Fragen. «Entscheidend wird in den kommenden Monaten sein, wie sich die Gewinne der Unternehmen entwickeln», sagt Manfred Bucher, Anlagestratege bei der BayernLB. Und da droht durchaus noch Ungemach. Die Analysten rechnen derzeit im Durchschnitt immer noch mit einem Gewinnzuwachs im kommenden Jahr. Bei den vergangenen drei Rezessionen brachen die Gewinne jedoch um rund 30% ein. «Die Gewinnschätzungen sind noch deutlich zu hoch», glaubt daher auch Bucher.

Dennoch bedeutet dies seiner Ansicht nach nicht, dass die Aktienkurse parallel zu den möglicherweise noch folgenden Gewinnrevisionen sinken. «Die Marktteilnehmer sind sich bewusst, dass die Analysten mit ihren Schätzungen immer hinterherhinken», sagt Bucher. Daher seien in den Kursen bereits Gewinnrückgänge von fast 30% eingepreist, entsprechend den früheren Rezessionen.

Hier kommt ebenfalls ein wichtiger Unterschied zum Platzen der Internetblase zum Tragen. Damals waren Aktien auf dem Höhepunkt vollkommen überbewertet, die Kurse standen in keinem Verhältnis zu den Gewinnen. Als der Dax um 25% nachgegeben hatte, waren gerade mal die Überbewertungen abgearbeitet. Und dann sanken noch die Gewinne. Diesmal waren die allermeisten Aktien selbst bei einem Dax-Stand von 8000 Punkten noch adäquat bewertet, eine Überbewertung musste nicht abgebaut werden. Das Dax-Minus von 25% bildet allein die gesunkene Gewinnerwartung ab.

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«Börse wird Jo-Jo spielen»

Hinzu kommt schliesslich, dass heute die Schwellenländer eine wesentlich grössere Rolle spielen als vor acht Jahren. Die Hoffnung darauf, dass sie die Schwäche der USA ausgleichen, dürfte zwar vergeblich sein. Aber immerhin können sie den Fall abfedern.

Die Aussichten sind also besser, als es derzeit scheint. Aber: «Es wird noch einige Schockwellen geben», sagt Franz Wenzel. Dazwischen kann es immer wieder Erholungen geben. «Die Börse wird noch lange Jo-Jo spielen.» Erst Ende 2009 rechnet er wieder mit einer deutlichen Erholung.