Als forderungsbesicherte Wertpapiere drastisch an Wert verloren hatten, hat sich die Finanzkrise auf der Aktivseite der Banken bemerkbar gemacht. Dadurch musste die Passivseite korrigiert und das Eigenkapital - nur über dieses kann die Passivseite korrigiert werden - wieder aufgestockt werden.

Viel grösser als das Aktienkapital sind die Kundenguthaben auf der Passivseite der Bankbilanzen. Diese wurden durch diverse staatliche Garantien im Oktober 2008 gesichert. Eine Bank kann Wochen und Monate mit schrumpfenden Aktiven und dahinschwindendem Eigenkapital leben, aber nur wenige Stunden, wenn die Kunden ihre Gelder abrupt zurückziehen. Die bisherige Debatte der Regulationsbehörden um die Stabilität von Banken dreht sich um das Verhältnis von in der Bilanz festgeschriebenem Eigen-(Aktien-)Kapital und den ungewichteten oder nach Ausfallrisiken gewichteten Aktiven. Die entsprechenden Kennwerte sind der Leverage Factor (typischerweise zwischen 2 und 10%) und die Eigenkapitalquote (typischerweise zwischen 6 und 15%).

Kundengelder vernachlässigt

Dieses Geld bildet eine Art «Puffer», wenn auf der Aktivseite Wertpapiere oder Kredite an Wert verlieren. Kritisch wird es bereits bei 4% - dann müssen Regulationsbehörden eingreifen. Vernachlässigt wurde in der bisherigen Debatte die weitere Zusammensetzung der Passivseite. Aktien und nachrangiges Kapital, das in die Berechnung der Kapitalquoten einfliesst, entspricht laut den Berechnungen der Analysten der Credit Suisse durchschnittlich lediglich 7% der Passivseite einer Bankbilanz. Kundenguthaben mit einer Fälligkeit von weniger als einem Jahr sind viel wichtiger und stellen 37% der Passivseite. Ebenso gross ist der Anteil der Interbankenfinanzierung. Längerfristige stabile Interbankengelder und Kundenguthaben machen lediglich 19% einer typischen Banken-Passivseite der Bilanz aus.

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Ersatz für Notenbanken nötig

Aufgrund dieser Abhängigkeit vieler Banken von in Krisenzeiten sehr fragilen Finanzierungsquellen hatten die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank Fed den Banken praktisch unbegrenzte Mittel zur Verfügung gestellt. Letzte Woche signalisierte die EZB ein absehbares Ende der Hilfen. Damit verteuert sich die Refinanzierung von Banken, weil sie statt der Notenbanken den Markt anzapfen müssen.

Das kann über höhere Zinsen bei Sparkonten oder höhere Coupons bei Obligationen erfolgen. Das kostet Geld und reduziert die wieder sprudelnden Gewinne. Es gibt wenige Hinweise der Banken selber über die qualitativen Aspekte ihrer Refinanzierung. Die Analysten der Credit Suisse haben für ihre Schätzungen den Ansatz der Zentralbank von Neuseeland übernommen, die Kennzahlen für die Finanzierungsqualität auf der Passivseite entwickelt hat. Die Kernfinanzierung setzt sich zusammen aus der Summe des Aktienkapitals und den langfristigen Kunden- und Interbankengeldern und wird ins Verhältnis zu den ausstehenden Krediten gebracht.

«Die grössten Risiken für Banken sind der Rückzug der Liquiditätsunterstützung und der Ersatz der kurzfristigen Finanzierungsquellen in den kommenden Jahren», sagen die Analysten der Credit Suisse.

Grosser Aufwand für Banken

Auf Banken mit guten Kernkapitalquoten wie HSBC, UBS und die Deutsche Bank kommen beträchtliche Summen zu, die nicht mehr kurzfristig, sondern langfristig organisiert werden müssen. Ähnliches dürfte auch für die Credit Suisse gelten. Für die HSBC ermittelten die Credit-Suisse-Analysten 30 Mrd Euro, für die Deutsche Bank 60 Mrd und für die UBS 87 Mrd Euro. Es handelt sich dabei nicht um Beträge, die durch Kapitalerhöhungen aufgenommen werden müssten, sondern um Gelder, die langfristig - und damit zulasten der Gewinne - auf dem Kapitalmarkt oder über attraktive Kassenobligationenkonditionen organisiert werden müssen. Dies, wenn sich die Regulationsbehörden im Zuge der Stabilisierung des Sektors der Finanzierungsseite der Banken annehmen.

Für Aktionäre ist das Kalkül einfach: Je höher der Umschichtungsbedarf, desto stärker verringern sich die Gewinne aus dem Zinsdifferenzgeschäft. Ob der Eigenhandel das wieder reinholt, bleibt offen.