Das neue US-Steuergesetz, das der US-Präsident Barack Obama jüngst abgesegnet hat, sorgt bei Finanz- und Fondshäusern für Kopfzerbrechen. Der «Foreign Account Tax Compliance Act» (Fatca) schreibt nichtamerikanischen Banken, Vermögensverwaltern und Fondsanbietern vor, detaillierte Informationen über ihre US-Kunden an die amerikanische Steuerbehörde IRS zu liefern. Andernfalls muss eine Quellensteuer von 30% auf Dividenden, Zinsen und Verkaufserlösen von US-Wertschriften abgeliefert werden.

Gerade die Fondsbranche setzt dieses Gesetz in Aufruhr. «Anteile an Publikumsfonds sind bei den Banken, nicht bei den Fondsgesellschaften im Depot», sagt Matthäus Den Otter, Geschäftsführer der Swiss Funds Association. «Daher kennen die Fondsgesellschaften die Anleger gar nicht, die ihre Fonds kaufen.»

Man arbeite jetzt unter Hochdruck in Arbeitsgruppen an einer Analyse - zusammen mit der europäischen Dachorganisation.

Warten auf die Details

Etwas anders sieht die Situation bei den strukturierten Produkten aus. Derzeit herrscht in der Branche noch grosse Unklarheit darüber, ob und wie sich das neue Gesetz auf die Derivatebranche auswirken wird. Die definitive Ausgestaltung der Bestimmungen und Regelungen der neuen Steuergesetzinitiative ist im Detail noch nicht bekannt. Einzelne Derivate-Exponenten wie Paolo Vanini, Leiter Handel und Verkauf Strukturierter Produkte bei der ZKB - erhoffen sich jedoch, nicht unter das Gesetz zu fallen, weil strukturierte Produkte nicht direkt, sondern indirekt in die Wertpapiere investieren.

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Auch Maurice Picard von der Picard Angst Gruppe sagt: «Es ist nicht unwahrscheinlich, dass entsprechend ausgestaltete strukturierte Produkte auch nach dem neuen Steuergesetz ungeachtet der zugrunde liegenden Basiswerte nicht als US-Wertpapiere zu klassifizieren sind.» So könnte sich eine «elegante Lösung» ergeben, in US-Titeln investiert zu sein, ohne der neuen Gesetzgebung zu unterliegen.

In den Prospekten der Emittenten sind bereits heute Verkaufsrestriktionen für US-Bürger festgehalten. Kapitalmarktexperte und Rechtsanwalt Gerhard Niggli ist allerdings skeptisch, ob das ausreichen wird, damit die neue Regelung nicht zur Anwendung kommt: «Diese Verkaufsrestriktion dient in erster Linie dem Schutz des Emittenten. Ich könnte mir vorstellen, dass die Emittenten in Zukunft den Amerikanern beweisen müssen, dass ihre Produkte von keinen US-Bürgern gehalten werden.» Dies dürfte allerdings nicht ganz einfach werden: Strukturierte Produkte sind Inhaberschuldverschreibungen, in welchen der Besitzer der Urkunde nicht namentlich benannt wird.

Vorsichtig gibt sich auch Christian Reuss, CEO der Derivatebörse Scoach. Denn: «Wenn der Emittent sich absichern will, muss er grundsätzlich in den Basiswert investieren.» Allerdings geht Reuss davon aus, dass der Anteil an US-Bürgern, die in hiesige strukturierte Produkte investiert sind, relativ gering ist.

Vorsicht bei Umgehung

Die Strukturierte-Produkte-Branche ist hierzulande gerade im Vergleich zur Fondsindustrie viel weniger stark reguliert. Das führt auch dazu, dass solche Produkte oftmals mehr Spielraum für Innovationen bieten, die gewisse Regelungen umgehen. «Zusätzliche Regulation führt immer wieder dazu, dass die Marktteilnehmer neue Wege suchen, unerwünschte Regulation legal zu umgehen», sagt auch Eric Wasescha vom Schweizerischen Verband für Strukturierte Produkte (SVSP).

Hier rät Niggli jedoch zu grosser Vorsicht: «Durch die neuen Bestimmungen werden dividendenähnliche Zahlungen etwa bei massgeschneiderten Derivaten oder Swaps den Dividenden gleichgestellt.» Auch andere Versuche von Instituten, ihren Kunden dabei zu helfen, die Meldepflicht zu umgehen, würden zu Konflikten mit der US-Steuerbehörde führen.

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In den nächsten Monaten dürfte die Branche nun versuchen, die Ausführungsbestimmungen zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

NACHGEFRAGT

Christian Reuss, CEO der Derivatebörse Scoach

«Der Anteil der US-Anleger ist hier gering»

Einige Exponenten stellen sich auf den Standpunkt, dass Derivate nur indirekt in den Basiswert investieren und damit nicht unter das US-Steuergesetz fallen werden. Ist das auch Ihre Einschätzung?

Christian Reuss: Zurzeit ist noch offen, ob strukturierte Produkte im Gesetz miteinbezogen sind. Ein Derivat wird von einem Basiswert abgeleitet und ist damit nur begrenzt von ihm abkoppelbar. Wenn der Emittent seine offenen Handelspositionen absichern will, muss er grundsätzlich in den Basiswert investieren.

Welche Auswirkungen hätte dieses US-Steuergesetz auf den Sektor?

Reuss: Nach meiner Einschätzung ist der Anteil von US-Anlegern in strukturierten Produkten hierzulande relativ gering. Wie den meisten Termsheets von Emittenten zu entnehmen ist, sehen diese den Vertrieb in die USA oder an US-Personen nicht vor, ein solcher ist mitunter sogar untersagt.

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Dann würde sich für die Scoach und die hiesigen Emittenten also nichts ändern?

Reuss: Das kann man so noch nicht abschätzen. Strukturierte Produkte sind ein wachsender Teil der Welt der Finanzprodukte. Alles was den Bereich Finanzanlagen betrifft, kann auch sie betreffen.