Das erste Mal seit mehr als sechs Jahren hat die chinesische Notenbank überraschend die Zinsen gesenkt. Das zeigt, wie Spannungen im US-Finanzsystem die wirtschaftlichen Prioritäten weltweit verändern. Die Ankündigung der Zinssenkung kam nur Stunden nach den letzten Schockmeldungen an der Wall Street. Da die Ökonomien in den USA, Europa und Asien mehr denn je Zeichen von Schwäche zeigen, erwarten Konjunkturbeobachter nun Rezession auf allen drei Kontinenten. Ein zunehmender Teil der weltweiten Wirtschaft hängt jetzt vom kontinuierlichen Wachstum Chinas ab. Das ist einer der Gründe, warum der Schritt, das Wachstum in der weltweit viertgrössten Wirtschaft zu stützen, wahrscheinlich im In- und Ausland grossen Anklang findet.

«Das sollte die Besorgnis über den schlimmsten anzunehmenden Fall in China abschwächen», glaubt Wang Ging, China-Volkswirt bei Morgan Stanley. Während Chinas Wirtschaft in der ersten Hälfte des Jahres um mehr als 10% gewachsen ist, kommen nun Bedenken auf, dass eine herbe Abkühlung kurz bevorsteht. Die Nachfrage nach Chinas Exporten hat nachgelassen, die Aktienkurse sind eingebrochen und der Immobilienverkauf ist zurückgegangen. Offizielle Zahlen zeigen, dass im August das erste Mal seit Juni 2007 die Inflationsrate unter 5% sackte.

Leute sollen mehr Geld ausgeben

Die Notenbank gab bekannt, den Zinssatz für Zwölfmonatskredite um 0,27%-Punkte auf 7,2% zu senken. Es zeigt aber, dass ein Zinssatz von 4,41% auf Zwölfmonatseinlagen gemessen an Chinas Inflationsrate schon als niedrig angesehen wird. Im Endeffekt ermutigen niedrige Zinsen die Menschen, mehr Geld auszugeben. Mit der Zinssenkung will die Notenbank «die bekannten Probleme der Wirtschaft lösen und das beständige und schnelle Wachstum im eigenen Land aufrechterhalten».

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