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Interview
«Wichtige Chartpunkte durchbrochen»

Handel an der Wall Street: Alfred Ritter rechnet nicht mit einer Börsenbaisse. (Bilder: Keystone, ZVG)

Wie verhalten sich die Aktienanleger nach dem Anschlag von Boston? Alfred Ritter, Anlagechef der Basler Kantonalbank, erklärt es - und gibt für den Goldpreis ein Ziel von 2000 Dollar aus.

Von Timo Nowack
am 16.04.2013

handelszeitung.ch: Die Anleger sind nach dem Anschlag in Boston heute zurückhaltend. Was passiert in den kommenden Tagen?
Alfred Ritter: Nach den massiven Kursaufschlägen in den vergangenen Monaten war die Bereitschaft gross, Gewinne mitzunehmen. Durch den Anschlag wurden nun einige wichtige Chartpunkte durchbrochen und die Stimmung kippte ins Negative. Daher ist mit Rückschlägen im mittleren einstelligen Prozentbereich zu rechnen. Auch der Schweizer Aktienmarkt hat eine sehr gute Performance gezeigt, daher erwarte ich für die nächsten Wochen eine leicht rückläufige oder eine Seitwärts-Bewegung. Die aktuelle Verunsicherung betrifft aber viele Anlageklassen, etwa auch Rohstoffe wie Gold und Silber.

Der Anschlag an sich ist für die Märkte also gar nicht so wichtig?
Er hat keine grosse Bedeutung. So etwas wird immer wieder passieren und die Welt muss damit umgehen. Es verunsichert die Märkte zwar kurzfristig, aber mittel- und langfristig ist der Einfluss nicht gross. Ich sehe keine Gefahr eine Börsenbaisse wie nach den Anschlägen von 9/11.

Ein Blick zum Gold: In den vergangenen Tagen ist der Preis um mehr als 10 Prozent gefallen. Ihre Prognose?
Wir haben Gold gegen 1700 Dollar neutral bewertet und liegen damit nun falsch. Ich sehe aber klare Zeichen für eine Gegenbewegung. Denn es wurden Margin Calls fällig und es kam zu Panikverkäufen. Aus charttechnischer, psychologischer und fundamentaler Sicht ist Gold und auch Silber für mich nun wieder ein Kauf.

Es gibt auch Gegenargumente. Zum Beispiel, dass Gold als Inflationsschutz nicht mehr so benötigt wird wie zuletzt.
Die Inflation wird uns einholen. Die Leute werden sich in den nächsten fünf Jahren noch wundern, was Inflationsschübe angeht. Denn in den letzten Jahren haben wir eine fatale Geldschwemme erlebt, die staatlich gesteuert ist und mit Fundamentaldaten nichts mehr zu tun hat.

Ein Rohstoffexperte hat im Interview mit handelszeitung.ch gerade einen Goldpreis unter 1000 Dollar vorhergesagt.Das sehe ich ganz anders. Der grosse Rückschlag ist gekommen, die Ausverkaufssituation ist nun bereinigt. Ich sehe Gold bis Ende Jahr bei 1800 bis 1900 Dollar und danach auch bei 2000 Dollar.

Wohin geht es mit dem Franken?
Ich nehme die verbalen Äusserungen der USA in Richtung Schweizerischer Nationalbank nicht ganz so ernst. Klar ist, wenn die Inflationsrate in den USA oder der Euro-Zone höher ist als in der Schweiz, kommt die Kaufkraftparität wieder zurück - zurzeit liegt sie je nach Berechnungsmethode zwischen 1.30 und 1.35 Franken. Der Euro ist zwischen 1.20 und 1.25 Franken fair bewertet. Und die Nationalbank ist im Moment gut beraten, die 1.20-Untergrenze nicht aufzugeben.

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