Nach der beispiellosen Talfahrt beim Ölpreis ist an den Märkten für das schwarze Gold ein neues Phänomen aufgetreten. Die Preise für ein Fass der amerikanischen Ölsorte WTI und des europäischen Pendants Brent driften immer mehr auseinander. Das überrascht. Denn bis vor kurzem notierten sie während Jahrzehnten auf vergleichbaren Niveaus. Dabei war WTI in der Regel ein paar Cent teurer, da es als hochwertiger gilt als das europäische Öl.

Doch die Zeiten, in denen sich Konsumenten mehr oder weniger nach einem einzigen Ölpreis richten konnten, scheinen vorbei zu sein. Mit dem Auseinanderdriften der beiden Notierungen wird die Ölwelt geteilt in ein Amerika und ein Europa. Dabei haben die Europäer das Nachsehen. Denn der Ölpreis für die Sorte Brent ist jüngst deutlich stärker gestiegen als WTI.

Peris für Brent steigt doppelt so stark

Seit dem Tief bei rund 46 Dollar pro Barrel, das sind 159 Liter, schwankt der Preis der Sorte Brent jetzt bei rund 60 Dollar. Das entspricht einem Anstieg von rund 30 Prozent. Ganz anders entwickelte sich der Preis für ein Fass der Sorte WTI. Dieser erholte sich seit dem Tiefstand bei knapp unter 44 Dollar auf rund 50 Dollar – ein nur halb so hohes Plus von rund 15 Prozent.

Der Preis für ein Fass Brent ist demnach doppelt so stark gestiegen. Der Unterschied pendelte in den vergangenen Tagen bei rund 10 Dollar. Beide Sorten gelten international als Referenzöle. Gehandelt wird Brent an der Londoner Terminbörse ICE Futures, WTI an der New York Mercantile Exchange (NYMEX).

Öl-Schwemme in den USA

Ursache für diese neue Kluft sind die USA. Die umstrittene Fördermethode Fracking bescherte dem Land in den vergangenen Jahren einen Ölboom. Mittlerweile versinken die Amerikaner im Schmiermittel. Die Nachfrage hinkt der Produktion hinterher. «Die Lagerbestände sind überraschend stark gestiegen», sagt Susanne Toren, Rohstoffspezialisten bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB).

Heute sind die USA der grösste Ölproduzent der Welt. Laut Regierungsangaben wurden Februar 9,3 Millionen Barrel pro Tag aus dem Boden gezapft. Das ist der höchste Stand seit rund 30 Jahren und doppelt so viel wie noch vor 5 Jahren. Die Folge: Die Lager platzen bald aus allen Nähten. In den Tanks sollen sich bereits über 400 Millionen Barrel befinden. Gemäss der Energieagentur EIA liege die maximale Lagerkapazität bei etwas über 500 Millionen Barrel.

Nachfrage in Europa hoch

In Europa sieht die Situation anders aus. Zwar ist auch auf dem alten Kontinent mehr als genug Öl vorhanden. Das Ölkartell Opec mit Saudi-Arabien als grössten Produzenten hat trotz des Preisverfalls sich bisher nicht zu einer Senkung der Fördermenge durchgerungen. Doch gleichzeitig ist Nachfrage von Raffinerien in Europa hoch.

Zudem kommt es in den Opec-Ländern Irak und Lybien, dem Hauptversorger von Europa, immer wieder zu Produktionsausfällen wegen der Terrormiliz Islamischer Staat. Auch die anhaltenden politischen Krisen in den Staaten verunsichern die Märkte. Das verteuert das europäische Öl. «Geopolitische Risiken spielen beim Preisanstieg eine grosse Rolle», so ZKB-Analystin Toren.

Anzeichen für eine Annäherung

In den USA und in Europa fällt das Verhältnis von Angebot und Nachfrage daher völlig anders aus. Das hebt die Gesetze an den Rohstoffmärkten aus den Fugen: Die US-Sorte WTI verteuert sich weniger stark als das europäische Pendant Brent. Der Preisunterschied dürfte noch eine Weile anhalten.

Allerdings gibt es bereits jetzt erste Anzeichen für eine mögliche Annäherung. In den USA gerät die Fracking-Industrie zunehmen unter Druck. Wegen des billigen Öls in den USA lassen sich viele Bohranlagen nicht mehr profitabel betreiben und verschwinden. Im Februar soll es laut Berichten noch mehr als 1300 Anlagegen gegeben haben. Das sind über 300 weniger als im Monat zuvor. Reduziert sich die Zahl weiter, dürfte auch die Fördermenge stark zurückgehen. Das dürfte dem Preis des US-Öls Auftrieb geben.

Hoffen auf Lösung

Hingegen könnte in Europa der Preis für ein Fass Brent bald wieder weniger schnell steigen. Grund könnte eine Lösung im Streit über das iranische Atomprogramm sein. Die westlichen Staaten hoffen auf ein Abkommen bis Ende März. Macht der Iran Zugeständnisse gegenüber den USA, könnten Sanktionen gegen das Land gelockert werden. Das würde auch dem Ölexport des Landes Auftrieb geben und Europa mit noch mehr Öl versorgen. Iran ist eines der grössten Ölförderer der Opec. «Eine Lockerung der Sanktionen dürfte den Ölpreis belasten», sagt denn auch ZKB-Analystin Toren.

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