Leonid Eustache ringt dem Boden eine minimale Reisernte ab. Er kann sich keinen Dünger leisten, sein einziges Gerät ist eine Hacke. Die Hälfte der Ernte verrottet, da die Drainagekanäle voller Wasserhyazinthen sind. «Die Regierung sollte etwas tun», so der Bauer. Und das erste Mal seit langer Zeit könnte das auch passieren. Haiti ist eines der vielen Entwicklungsländer, in denen die weltweite Lebensmittelkrise dazu führt, dass die Rolle der Landwirtschaft überdacht wird.

Gefahr der Preisspirale

Seit den frühen 1980er Jahren predigten die Weltbank und der Internationale Währungsfonds, dass die höheren Erträge der Landwirtschaften reicher Länder dafür sorgten, dass Lebensmittel günstig bleiben. Dadurch wären arme Länder nicht genötigt, Gelder in eine gesteigerte Landwirtschaftsproduktivität zu stecken. Das bewahrheitete sich auch noch viele Jahre lang. Die ärmsten Länder konnten normalerweise Grundnahrungsmittel günstiger importieren als sie selbst anbauen. Obwohl die Agrarproduktivität in den entwickelten Ländern weiter steigt, führten die höhere Nachfrage aus Asien sowie die Nutzung von Getreide als Viehfutter und zur Herstellung von Biodiesel zu schnell steigenden Preisen. Aufgrund dessen kehren arme Länder den alten Ideen nun den Rücken.

Umdenken in Industriestaaten

Auch in den entwickelten Ländern findet ein Umdenken statt. Institutionen wie die Weltbank und der Internationale Währungsfonds sehen diese Investments als vielversprechende Entwicklungsstrategie an. Neue Untersuchungen haben auch gezeigt, dass Investments in die Landwirtschaft mehr Menschen wesentlich schneller aus der Armut hieven als früher angenommen. Das ist eine willkommene Richtungsänderung für viele Politiker: In all den Jahren, in denen um Hilfe gebeten wurde, war die Antwort immer nein. «Landwirtschaft ist kein Werkzeug für die Entwicklung», sagt der frühere haitianische Landwirtschaftsminister Philippe Mathieu.

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Viele Entwicklungsökonomen befürchten jedoch, dass es zu politischen Entscheidungen kommen könnte, die die ganze Situation noch verschlimmern. So haben etwa Länder wie Indien und Vietnam Produkte wie Reis mit Exportrestriktionen belegt, um die heimische Versorgung zu sichern. Das könnte die Krise anderswo durch verzerrte Preise verschärfen und Zölle entstehen lassen, die die Preise weiter erhöhen. «Die Länder sollten für die Lebensmittelsicherheit im Allgemeinen auf den Handel vertrauen», sagt Arvid Subramanian vom Peterson Institute, einer Washingtoner Denkfabrik für internationale Wirtschaftspolitik. Alles wird schlimmer, wenn die Länder Exportrestriktionen schaffen und der komparative Vorteil nicht mehr wirken kann. Dadurch wird die Krise verstärkt.»