Unternehmen veröffentlichen Nachhaltigkeitsberichte, haben Mitarbeiter - nicht selten auf der Ebene der Geschäftsleitung - angestellt, die sich der Nachhaltigkeit widmen, und unter der Flagge der Corporate Responsibility wird ein gesellschaftlich nachhaltiges Wirtschaften postuliert.

Die Idee der Nachhaltigkeit zu fördern, ist das Ziel von The Sustainability Forum Zürich (TSF), einem 1999 gegründeten Verein schweizerischer und internationaler Unternehmen, der Universität sowie des Kantons und der Stadt Zürich. Dieses Jahr werden Massnahmen diskutiert, die zu einer langfristig erfolgreichen Ausrichtung der Finanzmärkte beitragen und eine Wiederholung der soeben erlebten Exzesse und Fehlentwicklungen vermeiden helfen sollen.

Im Laufe des letzten Jahrzehnts ist die Idee der Nachhaltigkeit intensiv weiterentwickelt und vertieft worden. Ursprünglich als reine Umweltdiskussion interpretiert, wurde sie bald durch die soziale Komponente erweitert, freilich manchmal missverstanden als reine Philanthropie. Im heute weitgehend anerkannten Triple-bottom-line-Ansatz kommt die wirtschaftliche Komponente hinzu: Nachhaltig gesichert werden sollen nicht nur die Umwelt und das gesellschaftliche Umfeld, sondern auch die Ertragskraft. In diesem Sinne wird Nachhaltigkeit heute als «Zukunftsfähigkeit» verstanden. Überwunden wurde damit auch der Streit zwischen dem Shareholder Value und dem Stakeholder-Value-Ansatz, in der Überzeugung, dass in einer längerfristigen Optik die beiden scheinbar so unterschiedlichen Konzepte konvergieren.

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Parallel dazu startete die Nachhaltigkeit ihren Marsch durch die Institutionen: Zu Beginn nicht selten als reine PR-Aufgabe verstanden, wurde Nachhaltigkeit zu einem Gradmesser für dauerhaften und verlässlichen Unternehmenserfolg und damit zu einem entscheidenden Faktor für die Unternehmensbewertung. Nachhaltigkeit wurde zu einem strategischen Thema auf Geschäftsleitungsebene.

Und schliesslich dehnte sich die Nachhaltigkeit auf alle Wirtschaftssektoren aus. War sie ursprünglich vor allem ein Thema grosser Produktionsbetriebe mit hohem Bedarf an natürlichen Ressourcen, wird heute Sustainability genauso für Dienstleistungsunternehmen gefordert.

Die Finanzdienstleistungsbranche machte im Rahmen dieser Diskussion einen erstaunlichen Wandel durch. Wegen ihrer Funktion als Geldgeber und vorausschauende Manager von Risiken sowie dank innovativer Finanzprodukte galt sie lange als der erfolgversprechendste Hebel, um eine verstärkt an Nachhaltigkeit orientierte Wertschöpfung der Gesamtwirtschaft herbeizuführen. Durch die Ereignisse der vergangenen zwei Jahre hat sie diesen Nimbus verspielt - nachhaltig … Gerade sie, die werthaltig hätte operieren sollen, muss sich nun vorwerfen lassen, auf kurzfristig orientierte Gewinnmaximierung ausgerichtet gewesen zu sein.

Es ist nun Zeit zu fragen, wie die Aktionäre dazu gebracht werden können, sich wieder mehr als Eigentümer, als Shareholder und nicht als blosse Sharetrader zu verstehen. Dies ist auch ein Anliegen zuhanden der Pensionskassen, die manchmal über die Hälfte des Portfolios jährlich umschichten - trotz ihres langfristigen Anlagehorizonts und wohlgemerkt im Dienst derselben Personen, die eine solche «Volatilität» als Arbeitnehmer keineswegs schätzen. Könnten hier Anreize wie Dividenden- oder Stimmrechtsprivilegien für langfristig orientierte Aktionäre Sinn machen?

Im Vorfeld des diesjährigen Sustainability-Forums haben die Veranstalter auf der Basis qualitativer Interviews mit Branchenkennern eine Reihe von Thesen entwickelt: Die Industrie kann Glaubwürdigkeit nur zurückgewinnen, wenn sie ihre Transparenz durch ein verbessertes Berichtswesen steigert. Die Möglichkeit, exzessive Risiken aufzubauen und sie über Verbriefungen vollständig auf Dritte abzuwälzen, muss unterbunden bzw. sinnvoll begrenzt werden. Der Gesetzgeber sollte jedoch nicht aktiv in Geschäftsmodelle und -strategien intervenieren. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass Kunden und Investoren vor dem Hintergrund der jüngsten Erfahrungen eine langfristigere Orientierung der Geschäftsmodelle einfordern werden. Unabhängige Meinungen und warnende Stimmen sollen leichter und schneller Gehör finden. Zu guter Letzt bedarf es einer Anpassung der öffentlichen Aufsichtsorgane: In einer global vernetzten und integrierten Wirtschaft sind rein regional oder national operierende Kontrollorgane ein Anachronismus. Mehr Kooperation und Konsistenz ist gefragt, systemische Risiken müssen früher erkannt und bekämpft werden, und eine Hauptaufgabe der Zentralbanken ist es, mit ihren Steuerungsmitteln die Bildung künftiger gefährlicher Wachstumsblasen zu unterbinden.

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