Als Joseph Stiglitz Ende August 2008 warnte, dass sich die Finanzkrise noch lange hinziehen werde und über eine Billion Dollar kosten würde, erntete der Wirtschaftsnobelpreisträger von vielen Seiten Kopfschütteln. Denn viele Politiker, Banker und Ökonomen waren damals überzeugt: Die Finanzkrise, die bis dahin nur einzelne Banken und den Immobiliensektor erfasst hatte, werde bald vorbei sein.

Schockstarre, Kollaps

«Die Bedingungen an den Finanzmärkten normalisieren sich allmählich wieder», sagte etwa Jean-Claude Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank, ebenfalls vor gut einem Jahr. Was dann passierte, ist bekannt: Am 15. September kollabierte die US-Investmentbank Lehman Brothers. Ihr Aus führte das Finanzsystem nah an den Abgrund.

Die Welt fiel in eine Schockstarre, Finanzhäuser liehen sich untereinander aus Misstrauen kein Geld mehr, eine Bank nach der anderen geriet in Not, und nur das beherzte Eingreifen von Regierungen und Notenbanken rettete das Finanzsystem vor dem Kollaps. Nicht nur wurden die Zinsen weltweit wiederholt und massiv gesenkt, auch wurden Finanzdienstleister wie AIG vom Staat mit Milliarden vor dem Schicksal von Lehman Brothers bewahrt.

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Auf die Finanzkrise folgte eine globale Wirtschaftskrise, die nur von der Grossen Depression von 1929 in den Schatten gestellt wird. Weltweit meldeten die Staaten Rekordeinbrüche beim Wirtschaftswachstum.

Teurer Konjunktureinbruch

Heute würde man sich deshalb wünschen, Stiglitz hätte mit seiner Prognose Recht behalten. Denn die Krise wird nicht nur 1 Billion Dollar, sondern viel mehr kosten, wie aus einer Berechnung hervorgeht, welche die Commerzbank Research anstellt. Demnach werden die Belastungen bis Ende 2009 weltweit auf 10 500 Mrd Dollar gestiegen sein.1600 Mrd Dollar machen dabei allein die Abschreibungen von Banken und die Pleiten von Finanzhäusern seit dem 3. Quartal 2007 aus, wie aus Daten des Nachrichtenanbieters Bloomberg herauszulesen ist.

Die Wertverluste an Wohnimmobilien in den USA und England türmen sich laut Notenbank-Zahlen und einer Schätzung der Commerzbank bis Ende 2009 auf 4650 Mrd Dollar. Und schliesslich wird der Einbruch der Weltwirtschaft in den Jahren 2008 und 2009 laut der Commerzbank 4200 Mrd Dollar kosten. Die Bank unterstellte in ihren Berechnungen, dass die Weltwirtschaft ohne den schädlichen Einfluss der Krise so stark gewachsen wäre wie im Durchschnitt der vergangenen Jahre.

Hohe Einkommensverluste

Tatsächlich war das Wachstum 2008 aber niedrig, und 2009 dürfte die Weltwirtschaft erstmals seit 60 Jahren schrumpfen. Was danach geschieht, ist bestenfalls unklar im schlimmsten Fall droht aber eine so genannte W-Erholung, die Weltwirtschaft würde also noch einen zweiten Einbruch erleben. Alles in allem kommt die Commerzbank so auf einen Betrag von 10473 Mrd Dollar. «Besonders die Einkommensverluste, die wir am BIP messen, sind überraschend gross», sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

«Die Einkommensverluste werden uns leider noch lange Zeit begleiten.» Deshalb werden die Kosten in Zukunft weiter zunehmen: Denn das gedämpfte Weltwirtschaftswachstum in den kommenden Jahren ist in der Rechnung noch nicht einmal enthalten.

Sturzflug ist gestoppt

Genauso wenig dürften die Banken bei ihren Wertberichtigungen am Ende der Fahnenstange angelangt sein. Der Internationale Währungsfonds IWF befürchtet, dass sich die Ausfälle bis Ende 2010 auf bis zu 4 Billionen Dollar summieren könnten. Sollte dieses Szenario eintreffen, hätten die Banken bislang nicht einmal die Hälfte ihrer faulen Wertpapiere abgeschrieben.Trotzdem gebe es Anlass zur Hoffnung, sagt Krämer. So hätten die Banken bereits 1300 Mrd Dollar frisches Kapital aufgenommen und so ihre Kapitallücke zu 8% ersetzt.

Auch scheint sich der US-Immobilienmarkt zu stabilisieren, die Häuserpreise fallen nicht mehr. Und auch die Konjunktur hat ihren Sturzflug gestoppt: «Dass dies gelungen ist, ist ein tolles Ergebnis und war keinesfalls selbstverständlich», sagt Krämer.