Seit Jahresbeginn verliert der Franken stetig an Wert, erreicht fast täglich neue Tiefs. Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird der Euro bald die Marke von 1.11 Franken knacken. Dies dürfte die Schweizer Wirtschaft freuen.

Ex-Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf betonte zuletzt in einem Interview mit dem «Sonntagsblick», dass ein Kurs von 1.10 Franken pro Euro für die Wirtschaft vertretbar sei. Sie sei zuversichtlich, dass er sich dort einpendeln werde.

Doch verliert der Schweizer Franken gerade jetzt derart an Wert? Seit Sommer 2015 bis Ende Jahr hielt sich der Kurs relativ stabil über 1.08 Franken. Mit der Nervosität an den Finanzmärkten zu Jahresbeginn und teils dramatischen Börsenverlusten rund um den Globus hätte der Franken eigentlich aufwerten müssen. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Intervention der SNB?

Devisen-Experten von JP Morgan verweisen auf die Sichtguthaben der Schweizerischen Nationalbank. Aktuelle Daten verdeutlichten, dass die SNB zuletzt im Hintergrund hart gearbeitet hätte. SNB-Vizepräsident Fritz Zurbrügg bekräftigte erst Mitte Januar in einem Referat, dass die Nationalbank «unter bestimmten Umständen weiterhin bereit ist, direkt am Devisenmarkt einzugreifen».

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Hat also die SNB die letzten Tage tatsächlich interveniert? Er denke nicht, dass die SNB hinter dem Knacken der Marke stecke, sagt Alexander Koch von der Raiffeisen Bank. «Auch wenn der Zeitpunkt nicht gerade typisch ist, stehen die Faktoren meiner Meinung nach weiter für eine moderate Abschwächung des Frankens», so Koch.

In einem Kommentar stützen die Devisen-Experten der französischen Bank Société Générale diese Haltung: In den jüngsten Wellen der Risikoaversion sei deutlich geworden, dass der Franken seinen Status als traditionell sicherer Hafen eingebüsst habe.

Andere Währungen als sichere Häfen

Nicht mal die Bekräftigung der Europäischen Zentralbank, ihre expansive Geldpolitik weiter voran zu treiben – und im März ihr milliardenschweres Anleihekaufprogramm sogar noch ausweiten zu wollen, konnte die stetige Frankenabschwächung stoppen.

«Dies bestätigt, dass die Negativzinspolitik der SNB anfängt, Früchte zu tragen», sagt Andreas Ruhlmann, Marktanalyst der IG Bank Schweiz. Es scheine, dass andere Währungen wie der Yen, der US-Dollar und selbst der Euro derzeit als bessere «sichere Häfen» betrachten würden, da «sich diese allesamt seit Jahresbeginn besser entwickelt haben als der Franken».

Spekulation in der Vergangenheit

Neben den Negativzinsen, die den Franken weniger attraktiv machen, sieht David Kohl, Chef-Devisenstratege bei der Privatbank Julius Bär, einen weiteren Grund für die Abwertung des Frankens in dessen Beliebtheit in der Vergangenheit: «In den vergangenen Jahren wurden kontinuierlich spekulative Positionen im Schweizer Franken aufgebaut.» Spekuliert wurde auf eine Aufwertung der Schweizer Währung.

Mit der aktuellen Unsicherheit sei der Risikoappetit verschwunden, Investoren trennten sich in der Folge von solchen Investments. «Das belastet den Schweizer Franken», so Kohl, «und schwächt aktuell die Eigenschaft der Währung als sicherer Hafen».

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