Hat der Finanzplatz Schweiz das Schlimmste hinter sich?

Bénédict Hentsch: Ich fürchte, leider nicht, die Welt ist eine andere geworden. Es hängt aber davon ab, aus Sicht welcher Bank die Welt betrachtet wird. Auch die Welten der Credit Suisse und der UBS sind anders geworden: Die eine Bank hat Staatshilfe erhalten, die andere nicht. Das Vertrauensproblem der Banken ist entstanden, weil nicht transparent kommuniziert wurde. Der Kleinanleger hat keine Ahnung, wie risikobehaftet die Bilanzen dieser grossen Institute noch sind.

Rechnen Sie mit bösen Überraschungen?

Hentsch: Das ist möglich. Es war ja nicht einfach die Investments in «Subprime», sondern es ist eine ganze Generation von extrem komplizierten Produkten, die in diesen Bilanzen stecken.

Sind die Börsen im Moment zu optimistisch?

Hentsch: Viele Aktienmärkten sind in den letzten Wochen stark gestiegen. Die Atmosphäre kommt mir aber etwas irreal und diffus vor, spricht man doch gleichzeitig von einem massiven Einbruch der Realwirtschaft.

Werden wir nochmals Tiefstwerte sehen?

Hentsch: Das schliesse ich nicht aus. Der Weg ist noch nicht zurückgelegt. Ich erinnere mich an meinen Onkel, der die Weltwirtschaftskrise von 1929 erlebt hat. Das Problem ist heute, dass die meisten von uns nicht auf einen solchen Erfahrungsschatz zurückgreifen können und deswegen nicht unbedingt das Richtige als Lösung vorschlagen.

Was machen Sie mit Ihrem Geld?


Hentsch: Was macht jemand, der mit dem Boot in einen gewaltigen Sturm geraten ist? Er nimmt die Segel herunter. Eine zeitlang haben wir nur Cash gehalten. Vor ein paar Monaten wurdem wir täglich gefragt, was mache ich jetzt mit meinen 100 000 Fr. bei der UBS? Als Branchenkenner konnte man nicht pauschal antworten, die UBS geht unter. Sonst hätten wir zu einem «Run» auf die Bank beigetragen, was schlicht unverantwortlich gewesen wäre. Einen «Run» übersteht keine Bank, auch wenn sie bestens kapitalisiert ist.  

Die Segel etwas heruntergenommen hat auch der Finanzplatz Schweiz. Wie kommen wir aus diesem Sturm heraus?

Hentsch: Wir glauben zu wissen, wo der Hafen ist. Wir wissen aber nicht, wie weit wir vom Ufer entfernt sind und wie lange die Wellen noch hoch schlagen. Ich bin aber sehr stark der Meinung, dass  der Finanzplatz Schweiz das Private-Banking-Haus der Welt ist und bleiben wird.  

Sollten sich die Schweizer Banken  auf das Kerngeschäft zurück besinnen? Sich vom Investmentbanking trennen?


Hentsch: Meiner Meinung nach ja. Das Problem ist, dass im Investmentbanking gigantische Produktefabriken aufgebaut wurden, die diese Produkte an Privatkunden industriell vertrieben haben. Bei den Strukturierten Produkten wurde den Kunden eine spektakuläre Performance versprochen. Die Banken haben sich keine Sekunde gefragt, ob diese Produkte zum Kunden passen, geschweige denn, ob er sie tatsächlich verstanden hat! Sie haben aber sehr viel mehr Geld damit verdient.

Sie wollen, dass die Schweiz attraktiver wird für Hedge Funds.


Hentsch: Ja, das ist mir ein wichtiges Anliegen. Politisch wird es aber leider sehr schwierig durchzusetzen. In der öffentlichen Wahrnehmung sind Hedge-Funds-Manager Leute mit schnellen Autos, die rasch Millionen machen. Doch dabei wird vergessen, dass diese Hedge Funds enormen Summen verwalten, die sie dann bei uns versteuern. Noch wichtiger ist, dass die Hedge Funds in Sachen Performance einen echten Beitrag zur Qualität der gesamten Vermögensverwaltung in der Schweiz leisten könnten.

Diese Forderung ist auch Bestandteil des Masterplans. Wie beurteilen Sie die Finanzplatzstrategie der Schweiz?

Hentsch: Jede politische Partei arbeitet an ihrer «Roadmap» für den Finanzplatz Schweiz. Das ist aus meiner Sicht nicht effizient. Die Positionsfindung müsste gesamtschweizerisch gemacht werden. Singapur konnte zu einem grossen Konkurrenten werden, weil dort alle an einem Strick ziehen und Gesamtstrategien wie aus einem Guss entwickeln.

Sollte die Schweiz ihr Bankgeheimnis stärker verteidigen?


Hentsch: Die Privatsphäre sollte noch viel stärker verteidigt werden. Wir sollten absolut gegen den «automatischen» Informationsaustausch sein und alles daran setzen, damit es zu keiner «Fishing Expedition» kommt.

In den USA läuft mit der Zivilklage eine «Fishing-Expedition» gegen die UBS. Mit welchem Ergebnis rechnen Sie?


Hentsch: Mittlerweile ist klar, was die UBS in den USA für Geschäfte getätigt hat. Die überwiegende Mehrheit der Schweizer Banken hat dagegen nie solche Geschäfte gemacht, die gegen US-Gesetze verstossen. Leider sitzen wir aber als Schweizer Bank im gleichen Boot zusammen mit dem Riesenelefanten UBS. Jetzt muss das ganze Boot um seine künftige Beziehung mit Amerika bangen. Es ist allerdings zu früh, um zu wissen, was bei diesen schwerwiegenden Verhandlungen genau herauskommt.    

Was passiert mit dem Boot? Kommt es aus dem Gleichgewicht?


Hentsch: Ich bin pessimistisch, weil ich nicht einsehe, warum die Amerikaner loslassen sollten. Sie werden weiter pochen und die 52’000 Kundennamen erhalten. Doch das muss die Schweizer Regierung mit der UBS-Führung ausschlachten.

Ist der Schweizer Bundesrat zu kompromissbereit?

Hentsch: Unser System eignet sich schlecht, um einen solchen Fall zu lösen. Es ist eine gewaltige Krise, wie wir sie schon mindestens dreimal in den letzten 10 Jahren erlebt haben. Als Bürger muss ich mich wirklich fragen, ob unser Führungssystem solchen Unwettern gewachsen ist. Wir haben sieben Bundesräte, aber niemand, der die Gesamtführung hat. Was dabei herauskommt, haben wir schon im Fall der Nachrichtenlosen Vermögen erlebt.

Wir haben nichts daraus gelernt?

Hentsch: Die Schweizer Demokratie und das Führungssystem eignen sich nicht für eine hierarchische Kompetenzübergabe. Wir wollen in der Schweiz keine Führung haben, weil das Volk immer das letzte Wort hat. Das ist zwar richtig bei schönem Wetter. In einer Krise ist aber eine straffe Führung absolut notwendig. Ich habe mich immer wieder gefragt: Warum kann sich die Schweiz nicht wie im Kriegsfall organisieren? So haben es unsere Vorväter gewollt, als sie bestimmt haben, dass die Bundesversammlung einen General ernennen kann. Das Parlament könnte heute einen «Financial General» einsetzen, der sich für das gesamte Verteidigungsdispositiv verantwortlich zeichnet.

Befinden wir uns in einem Wirtschaftskrieg?

Hentsch: Der Finanzplatz Schweiz befindet sich in einem kriegsähnlichen Zustand. Die Verteidigung unserer vitalen Interessen im Kampf der internationalen Finanzplätze kann nicht einfach mit «Courant Normal» gelöst werden. Wir bräuchten einen „Finanz-General“. Er würde sich die Fachleute holen, die er braucht, um seine Kampagne zu führen. Alle würden sich in einer Klausur treffen und wie in einer Generalstabsübung eine richtige «Roadmap» etablieren. Es geht um sehr viel, weil der Finanzplatz das Fundament unseres Systems und unseres Wohlstandes ist.

Welche Gefahren sehen Sie?

Hentsch: Es besteht die Gefahr, dass uns unsere Juwele weggekauft werden. Heute könnte man für rund 42 Mrd Fr. die UBS einfach übernehmen. Es steht zur Diskussion, ob und wann der Bund sich wieder von seiner Beteiligung trennen muss. Der Bund sollte prinzipiell aussteigen, doch die Frage ist, wann. Ideal wäre, wenn sich die UBS die 6 Mrd Fr. auf dem Kapitalmarkt holen und damit den Bund auszahlen würde. Überaus wichtig für das Vertrauen in die UBS ist aber, dass keine Seite die falschen Signale an den Markt sendet.

Braucht es auch eine strengere Regulierung?


Hentsch: Die Regulierung sollte meiner Meinung nach nicht gleich sein für den Finanzplatz wie für die beiden Grossbanken. Ich möchte zum Beispiel nicht, dass man mir vorschreibt, wie ich meine Mitarbeiter zu bezahlen habe, da meine Bank keineswegs systemrelevant ist. Die Privatbanken mit einer unbeschränkten Haftung der Teilhaber haben wahrscheinlich die modernste Form einer effizienten Corporate Governance. Warum? Weil die Interessen völlig konvergent sind. Ich kann Ihnen sagen, wenn Ihnen eine Bank gehört, schauen Sie schon genau, wie ihr Kapital eingesetzt ist und ob die Risiken vertretbar sind!  

Für die Grossbanken sind die Vergütungsregeln der Finma richtig?


Hentsch: Die Boni sollten auf 10 Jahre hinaus bezahlt werden. Ich bin auch gegen goldene Fallschirme, aber dafür braucht es kein Gesetz. Wenn der Staat Aktionär einer Bank ist, kann er sagen, wo es langgeht. Das Gesetz zur Vergütung sollte sicher nicht eine «Lex UBS» sein. Der Aktionär sollte darauf achten, dass Mass und Performance belohnt bleiben.

Und die anderen Vorschriften? 


Hentsch: Als Vermögensverwaltungsbank brauche ich die Basel-Kriterien nicht, da ich kein Risiko im Sinne einer kommerziellen Bank oder einer Investmentbank eingehe. Natürlich muss ich mein  Kapital in Einklang bringen mit den Verwalteten Vermögen. Aber 70% meiner Kosten und damit Risiken stammen von den Salären, die ich bezahle. Dafür brauche ich sicher nicht so hohe Eigenmittel wie eine Universalbank.

Für die Grossbanken müsste die Leverage-Ratio nochmals erhöht werden? 

Hentsch: Hier möchte ich mich nicht einmischen. Aber wenn die Leverage-Ratio für die Grossbanken zu hoch angesetzt wird, und nicht mit anderen Finanzplätzen in Einklang gebracht wird, besteht die Gefahr, dass die UBS und die Credit Suisse ihren Sitz in ein anderes Land mit einer weniger strengen Regulierung verlegen.

Mit welche Massnahmen könnte man sonst noch künftigen Übertreibungen vorbeugen?

Hentsch: Ein grosses Problem ist die vierteljährliche Finanzberichterstattung. Man sollte sich wieder einmal gründlich fragen, ob dies wirklich sinnvoll ist. Man könnte zu einer jährlichen Berichterstattung zurückkehren. Das würde genügen.

Warum?

Hentsch: Sie können den CEO und sein Management-Team nicht alle drei Monate für Resultate abfragen, wenn ein Investitionszyklus einer Firma 10 Jahre dauert. Dazu kommt, dass das Modell der Vergütung darauf aufgebaut ist. Das heisst, die Interessen sind kontradiktorisch und total asynchron.

Die Quartalsberichtserstattung wurde eingeführt, um  die Transparenz zu erhöhen.


Hentsch: Schauen Sie, wohin das geführt hat! Es ist total aus dem Ruder gelaufen. Als Verwaltungsrat der Swiss Re habe ich während 16 Jahren miterlebt, wie viel Kapazitäten, Kompetenz und Zeit es braucht, um Zahlen zusammen zu stellen, die überhaupt nichts aussagen. Es ist nur ein Blick in den Rückspiegel. Dabei ist diese endlose Zahlenrechnerei absolut keine Gewähr dafür, dass künftige Fehlentscheide verhindert werden.  

Könnten wir das realisieren?

Hentsch: Ja, die Schweizerische Börsenaufsicht könnte durchaus eine solche Vereinfachung herbeiführen. Ich bin überzeugt, dass die Investoren dieser Firmen nicht unter einer mangelnden Transparenz leiden würden und die Firmen trotzdem weiter Zugang zu Kapital hätten.

Wäre dies auch ein Wettbewerbsvorteil?

Hentsch: Ja, das erwarte ich. Allerdings werden sehr viele Gruppen dagegen sein, die damit einen Grossteil ihres Geschäfts machen: Anwälte, Revisoren oder Ratingagenturen würden sicher argumentieren, dies sei nicht im Interesse des Aktionärs, der damit schlechter informiert würde.

Sie sind heute bei keiner börsenkotierten Firma mehr. Sie arbeiten an einem Projekt für einen Park in Genf. Welche Verantwortung haben Sie und generell die Bankiers gegenüber der Gesellschaft?

Hentsch: Meine Hauptverantwortung habe ich zuerst und vor allem gegenüber meinen Kunden. Doch was muss ich tun, wenn ich darüber hinaus Geld verdiene? Ich wurde so erzogen, dass man einen Teil davon an die Gesellschaft zurück gibt. Es war ja meine Herkunft und die Umgebung, die es mir erlaubt hat, mir etwas zu erarbeiten. Das ist der soziale Kompromiss, der stark von Calvin geprägt ist. Dieser grosse Reformator ist ein Vordenker des Kapitalismus, der sich vor allem in den angelsächsischen Ländern über Jahrhunderte entwickelt hat.

Was ist seither schief gelaufen?


Hentsch: Wir haben die Werte, die uns Calvin mitgegeben hat, völlig vergessen. Die Menschen sind vor lauter Gier total verrückt geworden. Sie haben sich immer stärker verschuldet, um noch mehr zu verdienen. Sie haben gesagt, wenn ich noch mehr verdiene, dann kaufe ich alles, was ich kaufen kann, bis zum Umfallen.  

Wird die Gier schon bald wieder Oberhand gewinnen?

Hentsch: Sie können Gier nicht ausschalten. Aber die Gier ist auch wie das Öl im Getriebe, sie ist wie die Ambitionen. Sie brauchen Ambitionen, damit etwas geschaffen wird. Ist das falsch? Ich weiss es nicht. Grenzenlose Ambitionen sind unerträglich. Ebenso, wenn jemand immer nur von Geld redet.