Noch ist das Nein des Bundesrats zu einer Postbank nicht in Stein gemeisselt. Experten behaupten, die Finanzmarktkrise rechtfertige neben den Grossbanken mit PostFinance eine weitere starke Kraft im Schweizer Finanzsystem. Zu Recht?

Pierin Vincenz: Mit den Kantonal-, den Regionalbanken, Raiffeisen und den Versicherungen, die im Bankengeschäft tätig sind, ist mir nicht klar, wieso es eine weitere Bank brauchen sollte.

Sie wehren sich mit Händen und Füssen dagegen, dass die Post eine Banklizenz erhält weil Sie gegen eine Postbank mit Staatsgarantie sind. Doch die Post beharrt gar nicht auf der Staatsgarantie.

Vincenz: Eigentümer der PostFinance ist der Staat. Wenn PostFinance eine Banklizenz erhielte, gäbe es auf kantonaler Ebene Banken mit Staatsgarantie und dann noch auf Bundesebene. Dann könnte man gleich das Bankenwesen verstaatlichen. Mir ist nicht klar, wie man sich PostFinance mit Banklizenz und ohne Staatsgarantie vorzustellen hat. Ein realistisches Konzept gibt es nicht, und eine Privatisierung der Post scheint mir eine grosse Herausforderung zu sein. Auch eine Bundesbeteiligung von 50% oder weniger wäre de facto eine Staatsgarantie.

Es gibt aber Staatsbanken wie die Berner Kantonalbank (BEKB), wo keine Staatsgarantie mehr besteht.

Vincenz: Aber nehmen wir mal an, die Bankenkrise hätte die BEKB oder eine Postbank in Schwierigkeiten gebracht. Dann wären sowohl der Kanton Bern als auch der Bund in der Pflicht gewesen. Im Krisenfall käme bei einer Postbank der Bund auf jeden Fall zum Handkuss. Hinzu kommen grosse Vorteile im operativen Geschäft, wenn der Staat beteiligt ist.

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Die wären?

Vincenz: Eine UBS finanziert sich heute zum Swapsatz plus 80 Basispunkte, die Kantonalbank refinanziert sich zu Swap minus 10 Basispunkte. Der Wettbewerbsnachteil der UBS beträgt also rund 100 Basispunkte. Unter anderem, weil sie keine Staatsgarantie hat. Wir liegen traditionell 20 Basispunkte über den Kantonalbanken. Eine Bank, die sich mit einer Garantie des Staates bewegen kann, hat Vorteile.

Dennoch ist es im Moment ein wenig ironisch, wenn Sie vom Handkuss für Staatsbanken reden. Der Staat würde notfalls auch bei der UBS Geld einschiessen.

Vincenz: Diese Frage muss jetzt diskutiert werden: Wie weit kann der Staat im Notfall gehen, wenn ein Konstrukt wie die UBS sich eigentlich in der freien Marktwirtschaft bewegt. Wenn am Ende die Erwartung da ist, dass der Staat in schwierigen Zeiten hilft, dann geht das nicht mehr auf. Wenn der Staat sowieso einspringen muss, dann müsste er ins Geschäftsmodell eingreifen und mitbestimmen können.

Sie befürworten, dass Banken mehr Eigenmittel und zusätzliche Auflagen erhalten sollten, damit sie nicht am Ende dem Staat zur Last fallen?

Vincenz: In einem Geschäftsmodell wie im Investment Banking, wo man hohe Volatilitäten hat, ist es offensichtlich, dass der Stresstest im schlimmsten Fall nicht bestanden wurde. Das heisst, das Modell zur Bemessung der Eigenmittel war in diesem Bereich zu aggressiv.

Wäre bei den Schweizer Grossbanken eine Trennung von Investment Banking und Vermögensverwaltungsgeschäft sinnvoll?

Vincenz: Aus Sicht der Aktionäre wäre im Moment eine Trennung von Vorteil. Doch den Finanzplatz Schweiz stärkt es, wenn wir zwei Grossbanken haben, die das gesamte Spektrum des Bankengeschäfts abdecken. Ich finde es gut, wenn das integrierte Modell bleibt. Mit dem Nachteil, dass es im internationalen Geschäft mehr Turbulenzen gibt.

Würden dann die Vorteile einer Postbank dem Bankenplatz Schweiz schaden?Vincenz: Es wäre sehr schwierig, PostFinance ganz von der Post abzutrennen. Wir wehren uns nicht gegen die Banklizenz, weil wir etwas gegen Konkurrenz haben. Raiffeisen ist in den letzten Jahren unter härtesten Wettbewerbsbedingungen gewachsen. Allerdings machen wir uns auch regionalpolitische Überlegungen. Wir bieten heute mit unseren 1150 Bankstellen eigentlich einen Service Public an.

Im weit verzweigten Filialnetz ist Raiffeisen der PostFinance sehr ähnlich. Eine Postbank würde Ihr stärkster Konkurrent.

Vincenz: Nein, diese Konkurrenz haben wir mit den Kantonalbanken und den Regionalbanken schon. PostFinance und Raiffeisen als direkte Konkurrenten ist kein Thema. Aber wenn dahinter eine staatliche Beteiligung ist, dann wird es eng für Banken, die bei der Refinanzierung nicht auf solche Vorteile zählen können.

Was machen Sie, wenn das Nein des Bundesrates zur Postbank am Ende der laufenden Vernehmlassung gekippt würde?

Vincenz: Wir haben aber noch keinen Plan B. Wenn es eine Volksabstimmung gäbe, würden wir natürlich versuchen, unsere 3 Mio Kunden zu mobilisieren. Denn ob es möglich ist, unsere 1150 Bankstellen zu erhalten, wenn eine staatliche Postbank käme, ist fraglich. Wir müssten sicher das Geschäftsstellennetz überdenken.

Sie müssten also in den Landregionen Geschäftsstellen schliessen?

Vincenz: Ja. Bisher haben wir die Aufgabe der Versorgung der Landregionen mit Bankdienstleistungen weitgehend wahrgenommen.

Vorerst machen Sie noch das Gegenteil: Sie wollen dieses Jahr zwölf neue Geschäftsstellen eröffnen. Läuft alles nach Plan?

Vincenz: Wir haben letztes Jahr 18 eröffnet, und dieses Jahr ist gut angelaufen.

Und die Expansionspläne in den Städten?

Vincenz: Das läuft sehr erfreulich. Offensichtlich ist Nähe zum Kunden und Präsenz mit dem genossenschaftlichen Geschäftsmodell auch in einem grossen Kanton wie Zürich ein starkes Argument. Die nächste Eröffnung findet in Meilen statt. Am neuen Standort Thalwil haben wir täglich gegen 15 Kontoeröffnungen.

Dennoch ist der Markt in den Städten bereits gut durchdrungen.

Vincenz: Trotzdem zieht unser Geschäftsmodell. Die Genossenschafter sind motiviert und fühlen sich verantwortlich. Wir überlegen uns beispielsweise, Zürich in den Quartieren zu erschliessen. Wir haben hohe Ziele im Grossraum Zürich. Wir visieren 20% Marktanteil an, derzeit haben wir 2%.

Mit Ihrem wichtigsten Standbein, dem Hypothekengeschäft, sind Sie letztes Jahr mit 7% fast doppelt so schnell gewachsen wie der Markt. Wie sieht es in diesem Jahr aus?

Vincenz: Im 1. Quartal 2008 sind wir bei den Hypotheken um 1,8% gewachsen, wir konnten das Wachstum im 1. Quartal des Vorjahres um knapp 40% übertreffen. Wir zählen 10 000 neue Depots. 2007 waren es im 1. Quartal 12500 neue Kunden, heuer sind es 26000.

Werden Sie demnach das letztjährige Gewinnwachstum von 7% übertreffen?

Vincenz: Der gesamte Markt ist rückläufig, ich könnte mir vorstellen, dass das Wachstum über das ganze Jahr eher stagniert.

Wegen der zunehmenden Inflation könnten die Leitzinsen steigen. Das hätte Folgen für den Hypothekarzins: Raiffeisen hat hier bereits eine weitere Erhöhung der variablen Hypothekarzinsen angetönt.

Vincenz: Wir haben im Moment keine Pläne für eine Erhöhung. Wenn die Inflation aber zunehmen sollte, hätte dies auch für die Geldpolitik Folgen. Ausschliessen lassen sich deshalb weitere Steigerungen beim Hypothekarzins nicht.

Und wie sieht es mit Erhöhungen der Sparzinsen aus? Dort agiert gerade Ihre Konkurrentin PostFinance mit vergleichsweise attraktiven Sätzen.

Vincenz: Wenn Sie dieses Billig-Jakob-Angebot mit dem temporären Zins von 4% auf Festgelder meinen, dann sind Sie mit einem unserer Mitgliederkonti wohl langfristig besser bedient. Weil aber der Hypothekarzins noch tief ist, werden auch die Spargeldzinsen bei uns nicht vorzeitig erhöht werden. Unsere Raiffeisenbanken sind auf den Spargeldprodukten sowie bei den Kassenobligationen durchaus attraktiv für den Kunden.

Vorwärts machen will Raiffeisen neu im Firmenkundengeschäft. Wie sind Sie dort unterwegs?

Vincenz: Die Pilotversuche in St. Gallen, der Innerschweiz und Lausanne mit den neuen Produkten kommen gut voran. Wir müssen das Know-how noch herauffahren, aber ich bin zuversichtlich, dass wir uns hier gut positionieren können. Wir halten am Anspruch fest, in der Schweiz die Nummer zwei zu werden ? hinter der klaren Marktführerin UBS.

Auch in der Vermögensverwaltung ist die UBS vorne bei Raiffeisen hingegen nahmen die Erträge trotz mehr Volumen 2007 ab. Schaffen Sie 2008 die Wende?

Vincenz: Der Kommissionsaufwand ist 2007 stark angestiegen, dafür ist der Outsourcing-Teil mit Vontobel nicht mehr in den Personalkosten. Jetzt können wir wegen der jetzigen Börsensituation realistischerweise den Ertrag auch nicht stark steigern. Im Kommissionsgeschäft bleiben wir deshalb bei unserem vorsichtigen Ausblick.

Welche weiteren Projekte haben Sie in Zusammenarbeit mit Vontobel ins Auge gefasst?

Vincenz: Das Outsourcing ist jetzt abgeschlossen, wird aber weiter verbessert ...

? Sie sind also nicht zufrieden?

Vincenz: Wir sind zufrieden! Wir stellen fest, dass wir mit der Marke Vontobel unsere Reputation stärken konnten.

Sie halten demnach an ihrem Aktienanteil an Vontobel fest?

Vincenz: Die Familie Vontobel hat ihren Aktionärsbindungsvertrag bis 2017 verlängert. Auch wir wollen bei solch stabilen Verhältnissen unsere langfristige Partnerschaft beibehalten.