Hat Sal. Oppenheim einen verstärkten Zufluss seitens enttäuschter Kunden von den Grossbanken?

Christian A. Camenzind: Wir hatten im letzten Jahr einen Nettoneugeldzufluss von 12%, das war das beste Ergebnis seit langem. Und auch in den ersten drei Monaten dieses Jahres verbuchen wir erfreuliche, starke Zuflüsse.

Kommt dieser Neugeldzufluss seitens der Grossbanken?

Camenzind: Teilweise von den Grossbanken, aber auch von anderen Instituten. Es trifft zu, dass wir von der Situation bei den grossen Banken profitieren. Als unabhängige und solide Bank mit einer guten Reputation fühlen sich die Kunden bei uns sicher.

Der Kunde sucht heute also nach der sicheren Bank?

Camenzind: Kunden erkundigen sich immer häufiger nach der Bilanz des Mutterhauses und der Finanzsituation unserer Schweizer Bank.

Sal. Oppenheim ist ähnlich wie die Grossbanken eine integrierte Bank. Wie beurteilen Sie die Diskussion um eine Trennung von Investment Banking und Private Banking bei den Grossbanken?

Camenzind: Ich habe Verständnis dafür, dass Investoren frustriert sind aufgrund der Kursentwicklung der Aktien von bestimmten Grossbanken, bei denen die Investmentbank grosse Löcher produziert hat. Aber die integrierte Vermögensverwaltungs- und Investmentbank bietet interessante Synergien. Gerade bei vermögenden Privatkunden im Bereich Corporate Finance und auch auf der Produkteseite.

Trotzdem: Es waren nur kleine Teile des Investment Banking für die Verluste der gesamten Grossbanken verantwortlich.

Camenzind: Man muss das Investment Banking differenzierter betrachten. Die Probleme sind heute vor allem durch den hohen Leverage auf der Bilanz und im Eigenhandel entstanden. Dort sollte man anknüpfen und die entsprechenden Risiken reduzieren. Zudem muss auch im Investment Banking ein Bewusstsein dafür entwickelt werden, dass Privatkunden auf eine sichere Bank zählen wollen. Von daher bin ich überzeugt, dass die Grossbanken ihr Geschäftsmodell jetzt überdenken werden.

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Ist ihr Modell einer Bank im Familienbesitz noch zeitgemäss?

Camenzind: Wir haben den grossen Vorteil, dass Sal. Oppenheim zwei Familienstämmen gehört, die sich aktiv zur Bank bekennen. Dadurch sind wir ein verlässlicher Partner. Unsere Strategie ist nachhaltig und wir können uns unabhängig im Markt positionieren.

Ist die Nachfolge bei den Eigentümern gesichert?

Camenzind: Die Familie gibt immer wieder klar zu verstehen, dass alles darauf vorbereitet wird, die Bank der achten Generation zu übergeben. Die Bank ist jetzt seit 219 Jahren in Familienbesitz und ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass dies auch künftig so bleiben wird.

Hat es nicht die Kehrseite, dass die Bank wenig flexibel ist?

Camenzind: Ganz im Gegenteil: Wir haben kurze und rasche Entscheidungswege. Im Übrigen denkt die Familie langfristig und unterliegt keinem kurzfristigen Renditedruck.

Welche Rolle spielt der Finanzplatz Schweiz für Sie?

Camenzind: Wir sehen die Schweiz als Plattform für internationales Wachstum im Wealth Management. Ein Drittel der globalen Privatkundenvermögen werden in der Schweiz verwaltet. An diesem Markt wollen wir teilhaben, sowohl im Private Banking als auch im Investment Banking. Gerade auch durch unsere Initiative bei den strukturierten Produkten konnten wir unser Geschäft in den letzten drei Jahren in der Schweiz deutlich ausbauen.

Läuft es jetzt in der unsicheren Marktlage immer noch gut?

Camenzind: Volumenmässig gab es eine Abschwächung im 4. Quartal 2007, und auch im gegenwärtigen Umfeld ist die Nachfrage gesunken. Aber ich denke, dass diese Entwicklung temporär ist. Mittel- bis langfristig sehen wir in der Asset-Klasse der strukturierten Produkte eher noch höhere Wachstumschancen.

Wie viele Ihrer Produkte wurden ausgeknockt?

Camenzind: Obwohl wir einige tausend Produkte anbieten, haben konzernweit bei über 70% die entsprechenden Barrieren gehalten, was auch im Einklang mit dem Markt steht.

Was sind ihre Ziele für 2008 hinsichtlich der Expansion in der Schweiz?

Camenzind: Es ist kein Geheimnis, dass wir weiter wachsen wollen und uns auch nach geeigneten Akquisitionen umschauen. Primär wollen wir aber organisch wachsen. Das Tempo wird auch durch die Mitarbeiter bestimmt, die wir an unsere Bank binden können. Doch gehen wir hier nicht aggressiv vor.

Wie und woher haben Sie die Mitarbeitenden geholt, die Sie in der Schweiz eingestellt haben. Der Markt ist ja recht eng, vor allem im Banking.

Camenzind: Wir haben die Mitarbeiter bewusst nicht in grossen Blöcken abgezogen, sondern in kleineren Teams. Wir wollen die Leute auch nicht mit hohen Salären anlocken. Das Wichtigste ist, dass die Leute zu uns und unserer Kultur passen. Ich glaube, wenn es uns gelungen ist, neue Leute einzustellen, sowohl im Investment Banking als auch im Private Banking, dann aufgrund der Tatsache, dass wir ihnen ein gutes unternehmerisches Umfeld bieten.

Profitieren Sie auf der Mitarbeiterseite von der Krise bei den Grossbanken?

Camenzind: Wir haben in der letzten Zeit die Erfahrung gemacht, dass Leute von sich aus das Gespräch mit uns suchen.

Wo legen Sie weitere strategische Schwerpunkte nebst dem Derivatebereich?

Camenzind: Wir wollen auch im Kapitalmarktgeschäft und im M&A-Geschäft als Sal.-Oppenheim-Gruppe eine führende Rolle spielen. Es ist uns gelungen, vor zweieinhalb Jahren das M&A-Team von Ernst & Young zu übernehmen und die Sal. Oppenheim Corporate Finance AG zu gründen. Dort haben wir 2007 an einigen IPO mitgewirkt: VZ, Uster Technologies, Cosmo und HBM Bioventures. Insgesamt waren es in den vergangenen zwei Jahren 30 Transaktionen.

Wie sind die Aussichten für das M&A-Geschäft in diesem Jahr?

Camenzind: Es ist zu erwarten, dass gerade die aktuelle Verfassung der Wirtschaft auch Impulse für weitere M&A-Transaktionen geben wird. Denn es wird Veränderungen geben müssen. Einige Firmen werden gezwungen sein, zu verkaufen, andere werden sich strategisch neu positionieren und dazukaufen. Mittelfristig bleibt das also nach wie vor ein gutes Geschäft.

Im Derivatebereich haben die Volumen nachgelassen und auch im IPO-Geschäft. Wird 2008 für Sie ein schlechtes Jahr?

Camenzind: Das 1. Halbjahr wird für alle Banken aufgrund der rückläufigen Kommissionen schwierig sein. Wir hoffen auf eine gewisse Erholung in der zweiten Jahreshälfte. Doch in den nächsten ein bis drei Monaten werden wir aufgrund der Quartalsabschlüsse der Banken noch hohe Volatilitäten sehen.

Erwarten Sie bei den Grossbanken noch weitere Verluste?

Camenzind: Ja, ganz klar. Wir erwarten weitere Abschreibungen, weitere Rückstellungen und damit verbunden wird auch die Unsicherheit hoch bleiben. Doch es ist wie immer an den Börsen: Es gibt auch ein Überschiessen nach unten.

Wann werden sich diese normalisieren?

Camenzind: Für das 2. Halbjahr sind wir eher positiv, nicht zuletzt aufgrund der Annahme, dass in Amerika immer noch ein Softlanding möglich sein sollte. Zudem steht Europa nach wie vor gut da, vor allem in der Industrie. Die Aktien vieler Industrietitel sind zum Teil bis 50% gefallen, und das ist sicher auch übertrieben. Jetzt hat man aber den Vorteil, dass die Zinsen tief sind, viele Gesellschaften günstig bewertet sind und Aktienrückkäufe tätigen und eine Zunahme der M&A-Tätigkeit zu erwarten ist.

Sie gehen von einem Softlanding in den USA aus?

Camenzind: Wir glauben, dass die Wirtschaft in den USA zurzeit stagniert und das Wirtschaftswachstum im 2. Quartal deutlich schwächer ausfallen wird. Es existiert jedoch ein gewisses Rezessionsrisiko. Die Emerging Markets und die Industrie haben sich als Rückgrat erwiesen. Da besteht nach wie vor eine solide Situation. Die Bankenkrise hat dort noch nicht durchgeschlagen.

Aber sie hat auf den Bereich der Hedge-Fonds durchgeschlagen. Rechnen Sie in diesem Sektor mit weiteren Insolvenzen?

Camenzind: Ich war persönlich erstaunt zu sehen, dass der Carlyle Capital Fund einen Leverage von über 30 hatte. Da haben die Banken wirklich eine Verantwortung gegenüber dem Kunden, dass sie genau analysieren, welche Hedge-Fonds den Kunden empfohlen werden. Wir nehmen vor allem Long/Short-Hedge-Fonds und würden uns von Fonds distanzieren, die zu hoch leveragen.

Wie sind Sie persönlich investiert?

Camenzind: Seit einigen Jahren übernehme ich die offizielle Strategie unserer Bank, und seither ist die Rendite meines Portefeuilles deutlich besser geworden! Gegenwärtig halte ich eine vernünftige Position Cash, dann befinden sich Hedge-Fonds und andere Fonds in meinem Depot, die unser Haus empfiehlt.