Wie wirkt sich die gegenwärtige Finanzkrise auf die Helvetia aus?

Stefan Loacker: Die Helvetia hat keine Investments im US-Subprime- und Hypotheken-Geschäft. Wir sind also nicht als Direktinvestor betroffen. Aber wir legen am Kapitalmarkt an und können uns dementsprechend den fallenden Märkten nicht ganz entziehen. In der Nachfrage nach Versicherungsprodukten ist keine Verunsicherung feststellbar.

Wirkt sich die Angst vor der Rezession nicht negativ auf den Abschluss von Lebensversicherungen aus?

Loacker: Wir haben dafür keine Evidenz. Da Leben- und Vorsorgeprodukte auf 10 oder 15 Jahre ausgerichtet sind, spielen kurzfristige Verunsicherungen an den Finanzmärkten für uns weniger eine Rolle.

Also schlägt jetzt die Stunde der Versicherung? Infolge der Abschreibungen in Milliardenhöhe hat die Glaubwürdigkeit der Grossbanken enorm gelitten ?

Loacker: Das ist zwar ein intelligenter Gedanke, doch im Moment habe ich hierfür keine praktischen Beweise. Es bleibt sicher ein Wettbewerb zwischen Banken und Assekuranz.

Und wer ist im Vorteil?

Loacker: Die Assekuranz punktet, indem sie Leistungen garantiert. Und Garantien haben in einem volatilen Umfeld einen noch höheren Wert. Davon bin ich überzeugt.

Die Halbjahreszahlen haben nicht vollends überzeugt. Die Schaden-Kosten-Quote, Combined Ratio, von 102% enttäuschte. Haben Sie diese Scharte nun ausgewetzt?

Loacker: Insgesamt sind wir mit dem Geschäftsjahr 2007 gut auf Kurs. Das 2. Halbjahr ist im Nicht-Leben-Bereich gut ausgefallen und wird zur Stabilisierung der Combined Ratio beitragen.

Also unter 100%.

Loacker: Ja, die Combined Ratio ist unter 100% gefallen. Alle weiteren Angaben zum Geschäftsjahr 2007 werden wir an unserer Bilanzmedienkonferenz Mitte März bekannt geben.

Sie sprechen von einer grundsoliden Bilanz, die Akquisitionen zulässt. Woran denken Sie konkret?

Loacker: Wir wollen primär eine solide, offensive Politik umsetzen. Wir lassen uns dabei zeitlich nicht unter Druck setzen.

Was heisst das?

Loacker: Das heisst, dass wir die Möglichkeiten packen, sobald sie sich zum richtigen Zeitpunkt ergeben ? wobei eine gute, sinnvolle Gelegenheit wichtiger ist als der Zeitfaktor. Die Entwicklung der Helvetia ist nicht auf Akquisitionen angewiesen. Wir sind in der Lage, organisch zu wachsen. Akquisitionen sind für uns eine Möglichkeit.

Sie haben solche aber angekündigt?

Loacker: Wir haben keine Übernahmeziele angekündigt, sondern gesagt: Im Rahmen unserer strategischen Möglichkeiten streben wir Akquisitionen an, wenn sich die Gelegenheit ergibt, unsere Position in den bestehenden Märkten sinnvoll zu verstärken.

Haben Sie Angebote auf Ihrem Tisch?

Loacker: Wir sind in allen Märkten offensiv am Prüfen. Wir haben Möglichkeiten, die wir anschauen.

Wie konkret?

Loacker: Die entscheidende Frage ist für uns, wie wir die Zugänge in unseren Märkten verbessern. Beides ist für uns denkbar: Die Übernahme von Portefeuilles oder die Akquisition von ganzen Unternehmen. Beides haben wir in der Vergangenheit immer wieder getan. Im Moment ist aber nichts spruchreif.

Sie wollen wachsen und haben für 2010 ambitiöse Ziele verkündet. Sind diese realistisch?

Loacker: Unsere Strategie umfasst Wachstum und Ertrag. Wir weisen eine schöne Entwicklung auf: 2006 betrug unser Return on Equity 16%. Unser Ziel ist es, dass wir bis 2010 im Korridor von 15% bleiben.

Wie wollen Sie im Schweizer Markt wachsen?

Loacker: In der Schweiz wächst der Versicherungsmarkt sehr verhalten. Es herrscht ein Verdrängungskampf. Für uns ist deshalb wichtig, dass wir unsere bisherige Strategie ohne Abstriche weiterverfolgen und voll auf unsere Vertriebskanäle mit Aussendienst, Maklern, Kantonalbanken und der Raiffeisengruppe setzen. Mit diesen Marktzugängen haben wir in der Schweiz eine echte Chance auf gesundes Wachstum.

Anzeige

Heisst das Wachstum über den Marktschnitt?

Loacker: Leicht über dem Markt. Wir haben keine aggressiven Wachstumsziele für den Schweizer Markt.

Axa Winterthur und Allianz Suisse haben einen Preiskampf in Gang gebracht. Fallen auch bei der Helvetia die Prämien?

Loacker: Das Versicherungsgeschäft hat Zyklen, und es ist nicht das erste Mal, dass wir mit solchen Phänomenen konfrontiert sind. Wir sehen, dass in gewissen Segmenten schärfer kalkuliert wird.

In welchen?

Loacker: Im Firmenkundengeschäft ? aber es ist nicht so, dass wir eine flächendeckende Erosion von gesund kalkulierten Prämien feststellen. Auch im Privatkundengeschäft spüren wir einen Druck, jedoch nicht in der gleichen Schärfe. Hier wirkt sich stabilisierend aus, dass ein Kunde mehrere Verträge hat. Eines darf man nicht vergessen: Die Helvetia hat lediglich 25% des Nicht-Leben-Geschäfts in der Schweiz, 75% im Ausland. Das gibt uns einen guten Diversifikationseffekt. Der Preiskampf in der Schweiz ist für uns nicht derart zentral.

Das heisst, Sie nehmen die Vorstösse der ausländischen Konkurrenten gelassen hin.

Loacker: Wir beobachten sie sehr intensiv. Es gibt in einigen Fällen ein hartes Ringen um Qualität in den Kundenbeziehungen und einen attraktiven Preis. Wir raten den Kunden, immer auch auf die Leistungen zu achten.

Zweifeln Sie an der Qualität gewisser neuer Angebote?

Loacker: Es ist immer wichtig, dass man den Deckungsumfang anschaut und nicht nur den Preis.

Wo will die Helvetia im Ausland wachsen?

Loacker: In erster Linie in der Vorsorge. In all unseren Märkten ? egal ob in Deutschland, Österreich, Spanien oder Italien ? ist die private Vorsorge noch zu wenig ausgebaut. Die staatlichen Pensionssysteme kommen aufgrund der demografischen Entwicklung in Finanzierungsnöte. Mit der Marke Helvetia und der Kompetenz im Lebensversicherungsgeschäft sind wir gut positioniert, um für uns von diesem Kuchen einen Teil abzuschneiden.

Was macht Sie so zuversichtlich?

Loacker: Wir sehen enormes Wachstumspotenzial, weil wir in den Auslandmärkten primär als Nicht-Leben-Versicherer aufgestellt sind. In der Lebensversicherung besteht Nachholbedarf, insbesondere im fondsgebundenen Geschäft. In Deutschland erzielen wir mit dem Produkt Helvetia CleVesto seit vier Jahren überdurchschnittliche Wachstumsraten von jährlich 10 bis 20%. Dieses Produkt lässt sich internationalisieren.

Kam die Helvetia durch die nunmehr abgebrochenen Verhandlungen der Bâloise mit der Gothaer in Deutschland nicht in Zugzwang?

Loacker: Nein. Wir sind in Deutschland stark positioniert und sehr erfolgreich unterwegs. Wir verfügen über ausgezeichnete Produkte und geniessen bei Kunden und Vertriebspartnern einen exzellenten Ruf. Aus diesem Grund sind wir ertragsstark und wachsen auch organisch deutlich über dem Markt.

Die grossen Versicherer wie Generali und Swiss Life fahren dieselbe internationale Strategie im Vorsorgebereich. Steht die kleine Helvetia längerfristig nicht auf verlorenem Posten?

Loacker: Wir haben ein sehr gute Chance.

Warum?

Loacker: In unseren Märkten sind wir ein angesehener Schweizer Qualitätsversicherer, und das ist in diesem Kontext von unschätzbarem Wert. Im Ausland sind wir nirgends in den Top Ten. Wir sind überall fokussiert und deshalb in einer anderen Marktposition als die Grossen. Wir müssen die eigene Position nicht verteidigen, sondern können angreifen und wachsen ? mehr als der Durchschnitt des Markts.

Das tönt nach Zweckoptimismus?

Loacker: Absolut nicht. Es gibt klare Anhaltspunkte: Das organische Wachstum ist bei kleinen und mittleren Gesellschaften tendenziell grösser. Die Grossen kompensieren das in der Regel durch Akquisitionen. Wir haben die einmalige Chance, im Vorsorgebereich zweistellig zu wachsen. Italien ist ein 60-Mrd-Euro-Markt, Deutschland ein 90-Mrd-Euro-Markt. Spanien entwickelt sich ebenfalls sehr dynamisch.

Wie steht es mit einem Markteintritt in neue Märkte?

Loacker: Wir haben keine Ambitionen, nach Asien oder Osteuropa vorzudringen. Wir wollen in unseren bestehenden Märkten wachsen.

Kann die Helvetia langfristig selbstständig bleiben?

Loacker: Wir sind überzeugt, dass wir nicht anlehnungsbedürftig sind, sondern eine kontinuierliche Wertsteigerung erzielen können. Unsere Strategie ist voll auf dieses Ziel ausgerichtet.