Bald stehen die Jahresabschlüsse für die Portefeuilles an. Rechnen Sie mit Schelte seitens der Kunden?

Urs Eilinger:
Wenn wir das Jahr so beenden können wie mit dem Stand per Ende Oktober, werden die Kunden eher positiv reagieren. Erstmals seit langem rentierten etwa Aktien besser als Staatsanleihen. Auch die Erwartungshaltung spielt eine Rolle. Im vergangenen Januar waren die Anleger sehr pessimistisch – die letzten Monate brachten einige Entspannung.

Mit Hochspannung verfolgten die Börsianer die Präsidentschaftswahlen. Mitt Romney galt als Wunschkandidat. Was sind die Folgen der Wahl Obamas?
Gemäss Umfragen bei institutionellen US-Anlegern wurde bei einem Sieg von Romney tatsächlich ein Anstieg der amerikanischen Börse von bis zu 5 Prozent erwartet. Als Hauptprofiteure galten die Sektoren Banken, Verteidigung und Öl. Ein Sieg Barack Obamas gilt dagegen als gut für die Anleihenkurse. Anderseits steht Obama für eine Fortsetzung der expansiven Geldpolitik.

Doch der Wahleffekt dürfte wohl bald verpuffen?
Die anstehende Lösung der sogenannten Steuerklippe am Ende des Jahres sowie die Konjunktur werden schnell wieder wichtiger werden als der Wahlausgang. Studien zeigen, dass es für die Börse grundsätzlich keine Rolle spielt, ob ein demokratischer oder ein republikanischer Kandidat Präsident wird.

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Tatsächlich mangelt es in der Realwirtschaft nicht an Warnzeichen.
Stimmt, die Anleger sind besorgt. Die Exportumsätze amerikanischer Firmen sind deutlich schlechter als erwartet. Bei den Gewinnen wiederum können die Firmen durch Sparübungen nicht mehr viel verbessern. Die Zitrone ist ausgepresst.

Das letzte Jahresviertel fällt noch schlechter aus?
Das ist gut möglich. Die Konsensschätzung für das Gewinnwachstum im kommenden Jahr von rund 11 Prozent erscheint heute zu hoch. Wir rechnen jetzt eher mit 0 bis 5 Prozent Gewinnwachstum.

Urs Eilinger, Investmentchef Infidar

Derweil lassen die tiefen Leitzinsen viele Anleger in Hochverzinsliche wechseln. Wie lange geht das noch gut?
Hochverzinsliche Anleihen korrelieren mit den Aktienmärkten und haben nun ebenfalls einen leichten Dämpfer erhalten. Trotzdem halten wir die Anlagen wegen ihrer Risikoprämie zu Staatsanleihen weiterhin für interessant. Und die Ausfallraten sind nicht so hoch, wie das die Preise derzeit implizieren.

Langfristig kommt es darauf an, in welchen Anlageklassen sich die Investoren positionieren. Was raten Sie hier einem normal risikofreudigen Kunden?
Wir raten zurzeit zu rund 40 Prozent Aktien, 30 Prozent Festverzinslichen, 10 Prozent Cash sowie Positionen in Edelmetallen und Rohstoffen. Angesichts einer womöglich zunehmenden Teuerung in den nächsten zwei Jahren denken wir, dass Anleihen am ehesten anfällig sind auf eine Korrektur.

Die meisten Marktbeobachter spielen die Inflationsgefahr herunter. Warum sind Sie anderer Ansicht?
In Vermögenswerten findet die Inflation schon statt und wird wohl noch zunehmen. Das erachten wir als eine grosse Gefahr für Anleger. Entsprechend raten wir zum Kauf von realen Anlagen wie etwa Land, Wald, Holzproduzenten, Gold oder auch Renditeliegenschaften.

Für viele Privatanleger ist das zu exotisch.
Es stimmt, bei solchen Investments ist die Stückelung gross und der Anlagehorizont lang. Es gibt aber Retailprodukte wie den Pictet Timber-Fonds, der zu 60 Prozent in kotierte Firmen mit Waldbesitz investiert.

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Wo sehen Sie Chancen für hohe Renditen?
Wenn Anleger bereit sind, Risiken einzugehen, dann könnten Bankaktien interessant sein. In Amerika etwa haben die Kurse bereits wieder angezogen.