Was beschäftigt derzeit die Börsen?
Jacques Stauffer*: Seit November 2015 beobachten wir eine deutliche Risikokonzentration an den Finanzmärkten. Die wesentlichen Treiber der Turbulenzen sind Rohstoffpreise, Entscheide der Notenbanken, Unsicherheiten betreffend der Konjunktur in China und geopolitische Entwicklungen. Etwas ruhiger geworden ist es hingegen an den Devisenmärkten. Die Notenbanken haben begonnen, die Märkte wieder vermehrt sich selbst zu überlassen. Das bedeutet, dass ein Wechsel von einem behüteten zu einem normaleren, aber risikoreicheren Umfeld stattfindet. Fundamentale Entwicklungen haben in solchen Phasen keinen entscheidenden Einfluss auf die Preisbildung von Anlagen.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Nach einem historisch schlechten Jahresstart erwarten wir eine technische Gegenbewegung. Es ist jedoch weiterhin mit hoher Volatilität und grösseren Rückschlägen zu rechnen ist. Die hohe Fragilität, verunsicherte Anleger und die ungewisse konjunkturelle Entwicklung stellen ein anhaltend ungünstiges Risiko-Chancen-Verhältnis dar, was das Potenzial der Schweizer Aktienbörse in den nächsten Wochen begrenzt. Die Frankenstärke hinterlässt in den Resultaten der Unternehmen Spuren. Sollte dies zu stärkeren Rückschlägen während der Sommermonate führen, könnte eine Gelegenheit für Zukäufe entstehen.

Wo steht der SMI in 12 Monaten?
Aufgrund der sich eintrübenden Konjunktur in Europa erwarten wir in den kommenden Monaten eine hohe Volatilität am Schweizer Aktienmarkt. Unser Indikator, der die von Schweizer Banken empfohlene Aktienquote in einem gemischten Mandat erfasst, befindet sich nahe des Allzeithochs. In der Vergangenheit entwickelten sich die Börsen bei solch hohem Aktienbestand in den Portfolios der Anleger unvorteilhaft. Sie erzielten auf zwölf Monate hinaus meist negative Renditen.

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Wo sehen Sie Chancen?
Wie wir erwartet haben, entwickelten sich Goldminenaktien in den letzten drei Monaten äusserst erfreulich. Trotz ihrer deutlichen Avancen bieten solche Titel risikobewussten Anlegern weiteres Aufwärtspotenzial. Unsere Empfehlung zu Gunsten ausgesuchter, qualitativ guter Unternehmen der Erdölbranche hat sich ebenfalls bewährt. Auch diese Titel sind weiterhin vielversprechend.

Sie sprechen die Erdölbranche an. Wie geht's weiter beim Ölpreis?
Der Erdölpreis unterlag in den vergangenen Monaten hohen Schwankungen. Er hat sich vom Tief Anfang Jahr erholt und sich um 40 Dollar pro Fass eingependelt. Nicht eine sinkende Nachfrage, respektive Abkühlung der Weltkonjunktur war für den Preiszerfall der vergangenen Monate verantwortlich, sondern das Überangebot an Öl, das nicht zuletzt aus der Fracking-Produktion in den USA stammte. Inzwischen wurden viele US-Produzenten gezwungen, ihre Förderung einzustellen beziehungsweise Bohrlöcher zu schliessen. Zudem ist mit dem Iran ein gewichtiger Ölproduzent neu am Markt vertreten. Wir rechnen mit einer Stabilisierung des Ölpreises.

Was erwarten Sie von den Notenbanken?
Die Notenbanken versuchen, ihre historisch einzigartigen Massnahmen schrittweise zurückzufahren. Der angekündigte Wechsel ihrer Politik wird von vielen Investoren noch nicht genügend zur Kenntnis genommen. Die Gratwanderung zwischen einer Normalisierung der Notenbankpolitik und einer vorteilhaften konjunkturellen Entwicklung wird die Finanzmärkte vermehrt in Bann ziehen und weiterhin für eine hohe Volatilität sorgen. Die jüngste Konjunkturabschwächung in Europa und dem Rest der Welt wird von den Aktienmärkten bereits zu einem grösseren Teil antizipiert, unsere Risikoindikatoren weisen jedoch auf eine weiterhin fragile Situation hin.

Ihr Tipp für Anleger?
Wir halten seit längerer Zeit ein klares Übergewicht in Schweizer Small und Mid Caps. Die Performance des SPI Extra war in den letzten zwölf Monaten rund 18 Prozent höher als die des SMI. Aufgrund der jüngsten Prognosen müssen wir allerdings davon ausgehen, dass sich die europäische Konjunktur weiter abschwächt. Das Konjunkturzyklusmodell der Bank of America Merrill Lynch zeigt eine Verschiebung vom Erholungsmodus direkt in den Rezessionsmodus. In dieser Phase sollten Small und Mid Caps abgebaut und das Exposure zu Large Caps aufgebaut werden. Der Fokus ist auf hohe Qualität und tiefes Risiko zu legen.

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*Jacques E. Stauffer ist Gründungspartner und CEO beim Vermögensverwalter Parsumo Capital AG. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Vermögensverwaltung und in der Beratung institutioneller und privater Anleger, unter anderem bei der Credit Suisse.