Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Stefan Kreuzkamp*: Anhand historischer Muster sagen viele Faktoren eine Rezession voraus. Wir teilen diese Meinung zwar nicht, verstehen aber viele der Marktsorgen. Dass der Markt im späten Stadium des Zyklus auch einmal überreagiert, wenn er Risikofaktoren neu bewertet, verwundert uns nicht. Spätestens, wenn die Unternehmen im Frühjahr 2019 vernünftige Bilanzen für 2018 vorlegen, könnte der Markt wieder mehr Mut fassen. Dieser Mut wird aber nur belohnt, wenn die Risikoszenarien sich nicht zum Schlimmeren wenden. Während wir von einem ungeordneten Brexit nur punktuelle Rückschläge erwarten, hat sowohl Italien, mehr aber noch der Handels- und Technologiestreit zwischen den USA und China, sowie überhaupt die Abkühlung der chinesischen Wirtschaft das Zeug dazu, den Märkten auch 2019 die Laune zu verderben. Ebenso kann die gelpolitische Straffung weltweit, insbesondere die Schrumpfung der Bilanz der Fed, noch zu Verwerfungen in Marktsegmenten führen, die jetzt noch keiner richtig auf dem Schirm hat. Eine gehörige Portion Absicherung gehört 2019 also in jedes Portfolio. Genauso wie Instrumente, mit denen man an einer Erholung partizipieren würde.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
In den vergangenen Monaten hat der Schweizer Aktienmarkt erneut seine «Safe Haven»-Funktion unter Beweis gestellt: Währungsbereinigt und unter Berücksichtigung der Dividendenausschüttungen notiert der SMI annähernd auf Vorjahresniveau und hat somit den DAX um etwa 15 Prozent übertroffen. Es ist zu erwarten, dass kurzfristig die geo- und handelspolitischen Unsicherheiten anhalten werden. Zugleich befindet sich die Dividendenrendite des Schweizer Aktienmarkts im Vergleich zu europäischen Aktien auf historisch sehr hohem Niveau. Dies sollte dem SMI auch weiterhin eine solide Unterstützung bieten, sodass kurzfristig mit einer anhaltenden Outperformance gegenüber den anderen europäischen Märkten zu rechnen ist.

StefanKreukampDWSBoerseninterview

*Stefan Kreuzkamp ist Chief Investment Officer (CIO) und Co-Leiter Investment Group beim deutschen Vermögensverwalter DWS Group.

Quelle: DWS
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Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Wenn wir das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis des SMI mit 16,4 zugrunde legen, ergibt sich eine Gewinnrendite von rund 6,1 Prozent verglichen mit einer Rendite von Schweizer Staatsanleihen von derzeit lediglich -0,17 Prozent. Die daraus resultierende Risikoprämie von fast 6,3 Prozent sollte das Bewertungsniveau des Markts deutlich unterstützen. Zudem erwarten wir, dass die Gewinne der SMI-Unternehmen 2019 um gut 10 Prozent steigen werden. Daher ist eine Rückkehr des SMI zu seinen alten Höchstständen um 9500 Punkte im kommenden Jahr zu erwarten.

Die EU will der Schweizer Börse den Marktzugang nur für sechs Monate verlängern. Wie stark würde die Schweizer Börse unter einem Ausschluss aus der EU leiden?
Die EU ist bestrebt, den Brexit Grossbritanniens nicht zum Vorbild für Nicht-EU-Länder werden zu lassen. Daher soll die Schweiz durch ein umfassendes Rahmenabkommen, das die rund 120 bestehenden Einzelverträge ersetzen würde, enger an die EU gebunden werden. Als Druckmittel wird seitens der EU mit der Beendigung der Börsenäquivalenz gedroht, wodurch EU-Akteuren der Handel an der Schweizer Börse untersagt werden würde. Sollte eine Verlängerung der Börsenäquivalenz Mitte 2019 nicht erfolgen, würde der vom Schweizer Bundesrat verabschiedete Notfallplan wirksam werden: Die Verordnung würde ihrerseits den Handel von Schweizer Aktien an Börsenplätzen der EU untersagen. Damit würde Artikel 23a MiFIR zum Tragen kommen, der besagt, dass auch ohne Anerkennung der Äquivalenz an lokalen Börsen gehandelt werden darf, falls keine andere Handelsmöglichkeit an EU-Plätzen bestehen sollte. Somit würde der Handel von Schweizer Aktien auf die Schweizer SIX konzentriert werden, was wiederum zur Folge hätte, dass die Bedeutung des Schweizer Börsenplatzes kurzfristig massiv erhöht werden würde.

Viele Anleger interessieren sich für Investitionen in Schwellenländern. Welche aufstrebenden Länder haben derzeit die besten wirtschaftlichen Aussichten?
Für Indien und für den Aktienmarkt des Landes spricht vor allem die Vielzahl der durchgeführten Reformen. Dadurch werden nach wie vor die Profitabilität der Unternehmen sowie deren Wachstumspotenzial gestützt. Auch von der Investitionsseite kamen in den zurückliegenden drei Monaten gute Nachrichten. Grundsätzlich sind unserer Ansicht nach also sowohl die strukturellen als auch die zyklischen Treiber intakt. Allerdings wurde diese Konstellation zuletzt vom schlechten Abschneiden der Regierungspartei in drei Bundesstaaten und dem Rücktritt des Zentralbankpräsidenten überlagert. Dessen ungeachtet ist die Wahrscheinlichkeit einer Wiederwahl von Ministerpräsident Narendra Modi im April immer noch hoch.

Und sonst?
Auf der Anleihenseite gefällt uns beispielsweise Indonesien. Das Land hat die Inflation unter Kontrolle und die Verschuldung der öffentlichen Hand ist auf rund 30 Prozent des Bruttoinlandprodukts zurückgegangen. In der Wirtschaft schreitet die Umstrukturierung voran und der zyklische Rohstoffsektor verliert an Gewicht, was die konjunkturellen Ausschläge glätten sollte. Das alles vollzieht sich in einem Land mit einem attraktiven Binnenmarkt: Die Bevölkerung ist jung und will die Wohlstandsgewinne in den privaten Konsum stecken.

European Central Bank President Mario Draghi listens to a speech during an Economic and Monetary Affairs meeting at the European Parliament in Brussels, Monday, Nov. 26, 2018. (AP Photo/Francisco Seco)

Mario Draghi: Der Italiener wird kommendes Jahr die Führung der EZB abgegeben.

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Nächstes Jahr wird EZB-Chef Mario Draghi zurücktreten. Wer hat die besten Chancen, die Nachfolge anzutreten? Und welchen Einfluss wird der Führungswechsel auf die europäische Geldpolitik haben?
Nachdem Andrea Enria als Chef des Supervisory Boards nominiert wurde, spricht viel dafür, dass der neue Präsident aus dem nördlichen Teil Europas kommt. Viel wird sich dennoch an der geldpolitischen Ausrichtung nicht ändern. Die Inflation wird in den kommenden Jahren weiterhin relativ niedrig bleiben, womit der geldpolitische Normalisierungskurs nur sehr graduell und vorsichtig verlaufen wird. Dies gilt auch für mögliche Zinserhöhungen. Damit verbleibt die EZB weiterhin eher auf der akkommodierenden Seite.

Der Ölpreis ist so niedrig wie noch nie in diesem Jahr. Wie dürfte sich der Preis in nächster Zeit entwickeln?
Wir sehen Öl Ende 2019 deutlich höher als heute, bei über 60 Dollar je Fass der Sorte WTI. Das mag angesichts des jüngsten Preisverfalls recht keck klingen, doch wären das immer noch rund 10 Dollar je Fass unter dem 2018er Höchstkurs. Das Augenmerk liegt in erster Line auf der Angebotsseite, von der in den vergangenen Jahren die grössten Überraschungen ausgegangen sind, während die Nachfrage seit der Finanzkrise recht gleichmässig gewachsen ist. Die Faktoren, auf die wir auch 2019 besonders achten werden, sind das weitere Wachstum der US-Schieferölproduktion und die Disziplin der Gruppe «OPEC+». Völlig unvorhersehbar, aber mit grossem Potenzial die Preise zu verändern, sind ungeplante Produktionsausfälle.

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