Julien Garran ist Rohstoffanalyst im Global Research der UBS in London. Er und sein Team warnten bereits vor Monaten detailliert vor den jetzigen Marktverwerfungen. Nun erwartet Garran, dass es noch schlimmer kommt.

Sind Sie eigentlich religiös?

Julien Garran: Nein, ich persönlich nicht. Wie kommen Sie darauf?

Sie und Ihr Analystenteam warnten als ­einige der Ersten vor dem jetzigen Kurssturz an den Börsen. Sie verwiesen dabei auf Signale, die Sie die «vier Reiter» nennen. Eine Anspielung auf die Apokalypse, nicht?
Tatsächlich sind die Zeichen und Verwerfungen, die wir derzeit beobachten, von fast biblischem Ausmass.

Wie das?
Unser Rohstoffstrategie-Team beobachtete in den letzten Jahren, wie sich die Handelsbilanzen einzelner Schwellenländer verschlechterten. Das machte sie anfällig für Kapitalabflüsse. Dass genau dies jetzt geschieht, ist noch drei weiteren Faktoren zu verdanken: Den Rückgang des Handelsbilanzdefizits der USA, der Drosselung der Anleihenkäufe seitens der amerikanischen Notenbank Fed sowie dem Verkauf von US-Bankanleihen. Ebenso sahen wir, dass sich das Risiko-Ertrags-Verhältnis der westlichen Märkte verschlechterte. Was wir jedoch nicht voraussahen, war das Timing der jetzigen Korrektur am wichtigen amerikanischen Aktienmarkt.

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Werden die Kurse noch tiefer fallen?
Im Rohstoff-Research schenken wir den Grossrisiken noch mehr Beachtung, als es die Hausmeinung der UBS tut. Wir sind der Ansicht, dass die jetzigen Bewegungen tatsächlich der Anfang einer grösseren Korrektur sein könnten.

Weshalb?
Wir glauben, dass die wichtigsten Treiber für den Schwellenland-Boom von 2009 bis 2011 auch die Vermögen in der entwickelten Welt stützten: Die Anleihenkäufe von Banken und Notenbanken weltweit steigerten die Liquidität, senkten die Kapitalkosten und trieben gleichzeitig die Preise von Vermögenswerten wie Aktien oder Immobilien hoch. Nun steht zu befürchten, dass dieser Prozess sich ins Gegenteil kehrt.

Nicht wenige Beobachter finden, die Abflüsse aus den Schwellenländern seien übertrieben. Sie nicht?
Wir sehen jedenfalls noch kein Anzeichen einer Beruhigung. Während Schwellenland-Aktien und -Währungen teils schon stark korrigiert haben, steht dies den Anleihenmärkten der Region noch bevor. Solange die Fed eine restriktivere Geldpolitik betreibt, sehen wir kaum Unterstützung für die Schwellenlandbörsen.

Gleichzeitig treiben die Abflüsse aus den Schwellenländern die westlichen Währungen hoch, etwa den Dollar. Wird dieser weiter ansteigen?
Wir sind felsenfest davon überzeugt, dass der Dollar dieses Jahr markant steigen wird. Die Devisenanalysten der UBS gehen von 1,25 Dollar je Euro aus – dem stimmen wir zu.

Die Fed fährt also mit ihrer Geldpolitik einen gefährlichen Kurs – und wird nun deswegen angefeindet. Zu Recht?
Ich denke, die Fed hatte sehr gute Gründe, ihre Anleihenkäufe zu drosseln. So hat der Konsum in Amerika zugenommen, und die Zuversicht am Arbeitsmarkt stieg. Ausserdem zeigten sich nicht wenige einflussreiche Stimmen besorgt, dass die Notenbank mit ihrer lockeren Geldpolitik eine neue Kreditblase verursache. Wir erwarten nun, dass die jetzigen Massnahmen nicht nur Blasen verhindern, sondern auch nachhaltiges Wachstum fördern.

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Was wären die Folgen?
Damit könnte die Fed gezwungen sein, ihre restriktive Geldpolitik zu stoppen oder gar umzukehren. Und darum sehen wir grosse Chancen im Gold.

Wieso?
Der Goldpreis funktioniert fast wie eine Art Gradmesser für die Wahrscheinlichkeit, dass die Fed innerhalb von sechs Monaten wieder reflationiert. Wenn sich das Wachstum verlangsamt und die Risikoaufschläge auf Anleihen zunehmen, dann steigt auch der Goldpreis.