Die Aktienkurse taumeln derzeit seitwärts – sind dies die Vorboten eines heissen Herbsts an der Börse?

Jean-Paul Jeckelmann:
Die Märkte entwickeln sich derzeit sehr unterschiedlich. Während die Kurse in Amerika und Europa deutlich zulegten, war die Performance der Schwellenland-Regionen bisher enttäuschend. Seit einigen ­Wochen findet nun ein Wechsel von ­defensiven Werten hin zu zyklischen ­Investments statt – und hin zu Wachstumsmärkten. Wir deuten dies als ­Signale einer grösseren Rotation, die von der Hoffnung auf höheres Wachstum ­getrieben wird.

Doch wenn die amerikanische ­Notenbank Fed im September ihre ­Anleihenkäufe drosselt, dann löst sich diese ­Hoffnung in Luft auf, richtig?
Jeckelmann: Wir rechnen nicht damit, dass die Fed so rasch von ihren Liquiditätsmassnahmen abrückt. Falls sie aber auf die geldpolitische Bremse treten sollte, dürfte die amerikanische Wirtschaft dies verkraften. Die Konjunktur in den USA entwickelt sich erstaunlich ­robust. So hat sie dieses Jahr etwa die ­allseits gefürchteten Steuererhöhungen ohne Weiteres verwunden.

Sind Sie da nicht zu optimistisch? Die Reaktion der Anleger auf die Ausstiegsszenarien der Fed war heftig.
Eigentlich ist es ja ein gutes Zeichen, dass die Fed überhaupt darüber nachdenken kann, die Geldschleusen zu schliessen. Sicher wird die Volatilität ansteigen, wenn die amerikanische Notenbank dann den Geldhahn etwas zudreht. Aber einen Börsencrash erwarten wir deshalb nicht.

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Kommt denn die Weltwirtschaft wirklich von der Droge des billigen Geldes los?
Es ist ja immer noch massig Liquidität vorhanden. Wir nehmen zudem an, dass die amerikanische ­Notenbank den Hahn stufenweise und nach Plan zudrehen wird. Es wäre also ein voraussehbarer und sanfter ­Entzug für Investoren und Unternehmen.

Doch die Schwellenländer haben noch nicht Tritt gefunden. Würden sie bei einer Änderung der Geldpolitik nicht vollends aus dem Takt geworfen?
Seit drei Jahren hinken die Schwellenmärkte den Aktien der Indu­s­trieländer hinterher. Grund dafür sind die seit 2010 immer wieder nach unten korrigierten Wachstumsaus­sichten ­sowie bestehende Ungleich­gewichte in diesen Ländern. Weil sich nun aber in Europa die Lage bessert, fällt ­zumindest jene Bremse für die Welt­wirtschaft ­allmählich weg – davon ­würden auch die Schwellenregionen profitieren.

Hat sich die Situation in Europa tatsächlich verbessert?
Die Euro-Zone wurde in der Vergangenheit stark abgestraft wegen der Probleme in ihrer Peripherie. Nun sehen wir jedoch, dass Geld in diese ­Regionen zurückfliesst. Derzeit findet ein regelrechter Run auf italienische, spanische und portugiesische Anleihen statt – obwohl sich der Risikozuschlag auf diesen Papieren kaum verändert hat.

Der Schweizer Markt ist eng mit Europas Börsen verquickt. Was ist hier zu erwarten?
Die Schweiz ist ein Spezialfall, weil die Indizes stark von den drei defensiven Schwergewichten Nestlé, Novartis und Roche getrieben sind und in den letzten Monaten deshalb besonders stark zulegten. Da jetzt eine Verschiebung in zyklische Werte stattfinden könnte, dürften Small- und Midcaps stärker profitieren.

Welche Werte favorisieren Sie?
Wir halten eine grössere ­Position am Flughafen-Retailer Dufry. ­Potenzial sehen wir ausserdem beim ­Autozulieferer Autoneum oder bei der ­Kioskbetreiberin Valora. Dort könnte der Turnaround nun tatsächlich gelingen. Aus ähnlichen Gründen sind auch Kudelski und Nobel Biocare interessant.

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Und welche Titel stossen Sie ab?
Bei defensiven Werten wie Actelion nahmen wir letztens Gewinne mit.