Ypsomed stellt Injektionssysteme her und ist damit stark im Diabetesmarkt engagiert. Wie entwickelt sich dieser?

Willy Michel: Die Märkte für Flüssigmedikamente und Injektionssysteme wachsen weiter. Grund dafür sind neue, biotechnologisch hergestellte Wirkstoffe, wie beispielsweise Peptidhormone, die aufgrund ihrer Eigenschaften über Injektionssysteme verabreicht werden müssen. Derzeit kommen über die Hälfte der Neuregistrierungen aus diesem Bereich. Die Frage ist daher einzig, wann die Medikamente eingeführt werden und inwieweit Ypsomed daran teilhaben kann.

Sehen Sie keine alternative Verabreichungsmethode, welche die Injektionssysteme konkurrenzieren könnte?

Michel: Nein, ab einem gewissen Molekulargewicht hat sich bisher keine andere Verabreichungsmethode bewährt. Das gilt sowohl für Insulin als auch für Peptidhormone. Es gibt keine echte Alternative.

Die einfache Spritze hat ausgedient?

Michel: Ja, heute werden in Europa hauptsächlich Pens verwendet, in Skandinavien sind es fast 100% für Insulin. In Amerika besteht noch Aufholpotenzial. Aber auch dort wird die Spritze für diese Anwendungen in den nächsten fünf Jahren praktisch verschwinden. Denn der Kostenanteil eines Pens ist im Vergleich zu den Folgekosten, die durch eine unsachgemässe Insulinabgabe verursacht werden, sehr gering. Die Injektionssysteme kommen aber nicht nur bei Diabetes zum Einsatz, sondern werden in immer mehr Behandlungen eingesetzt.

Erschwert die US-Gesundheitsreform die Ausbreitung der Pens in Amerika?

Michel: Auf unser Geschäft wird die Gesundheitsreform, sofern und in welcher Form sie auch immer umgesetzt wird, kaum einen grossen Einfluss haben. Moderne Injektionssysteme erlauben eine sichere Selbstmedikation, helfen also, Arztbesuche und teure Folgeschäden zu vermeiden. Zudem machen sie einen sehr marginalen Teil der Gesamtkosten aus.

Anzeige

Wie will Ypsomed im US-Markt wachsen?

Michel: Der Markt als solches wächst stark. Ypsomed ist mit Pen-Nadeln über Distributoren und bei Pen-Systemen über mehrere Pharma-Kunden im US-Markt aktiv. Ein Grossteil des neuen SoloStar-Pens von Sanofi-Aventis, für den wir Komponenten produzieren, wird nach Amerika geliefert.

Reicht da der Platz für Ypsomed?

Michel: Der Markt ist stark umkämpft. Im Insulinsektor sind die Konkurrenten primär die Insulinhersteller wie Novo Nordisk oder Eli Lilly. Und die Konkurrenz wird weltweit noch zunehmen, wenn die ersten Patente für Insulin ablaufen und Biosimilars eingesetzt werden können. Dann wird die Verabreichungsmethode noch an Bedeutung gewinnen, was für Ypsomed eine Chance ist.

Sanofi-Aventis verzeichnete Probleme mit dem Insulin Lantus. Wie hat sich dies auf Ypsomed ausgewirkt?

Michel: Ob das Langzeitinsulin schädlicher ist als ein normales, konnte wissenschaftlich nicht festgestellt werden, und die Behörden haben Entwarnung gegeben. Die Verkaufszahlen von Lantus sind meines Wissens nicht eingebrochen. Im letzten Jahr hat Sanofi-Aventis mit Lantus ein Wachstum von über 30% erreicht.

Der Fall hat aber erneut die Abhängigkeit von Sanofi-Aventis aufgezeigt.

Michel: Die Abhängigkeit wird laufend reduziert, wir werden in zwei oder drei Jahren mit Sanofi-Aventis nur noch einen Umsatzanteil von rund 20% erzielen.

Wie hat Ypsomed die Finanzkrise erlebt?

Michel: Wir haben kaum etwas gespürt. Die Krise hatte sogar den Vorteil, dass wir, anders als noch in der Hochkonjunktur, gute Leute rekrutieren können und die Fluktuation stark zurückgegangen ist.

Wie ist Ypsomed im aktuellen Geschäftsjahr unterwegs?

Michel: Wir befinden uns wie angekündigt in einem Übergangsjahr und werden die von uns kommunizierten Vorgaben (siehe Kasten) erreichen. Was das Wachstum betrifft, so werden wir ab 2010/11 wieder Werte wie in den guten Zeiten erreichen. Bis dahin wird die Entwicklung flach verlaufen. Die Produktion von Komponenten für den SoloStar in Solothurn wird wie geplant im Oktober oder November gestartet.

Sind weitere solche Übergangsjahre zu erwarten?

Michel: Es war insofern eine Ausnahme, weil die heutige Situation zu einem gewissen Teil von uns selber verschuldet war. Wir waren zu stark von den Insulin-Pens von Sanofi-Aventis abhängig. Es ist ein Teil unserer Strategie, dass wir unsere Umsatzbasis mit neuen Pharmakunden verbreitern und im Diabetesgeschäft eine umfassende Produkt- und Servicepalette anbieten können. Strategisch gibt es bei uns keinen Handlungsbedarf, um in einen anderen Bereich zu diversifizieren. Wir setzen auf Injektionssysteme für Diabetes und andere Peptidhormone sowie auf das Diabetesgeschäft, welches stark wächst.

Ist nur organisches Wachstum geplant?

Michel: Wir haben kleinere Akquisitionen in Deutschland getätigt und mittlerweile abgeschlossen. Ich schliesse aber nicht aus, dass in anderen europäischen Ländern noch kleinere Zukäufe getätigt werden. Im Bereich der Blutzuckermessgeräte halten wir eine Beteiligung an unserem Hauptlieferanten Bionime in Taiwan. Offen ist, ob wir diese Beteiligung noch ausbauen werden.

Wann werden Sie Bionime vollständig übernehmen?

Michel: Aufgrund der Firmenstrukturen in Taiwan ist ein Ausbau nicht einfach. Hinzu kommt, dass der Preis für die Beteiligung stimmen muss. Wir sind in Gesprächen. Gleichzeitig haben wir einen Distributionsvertrag für die Blutzuckermessgeräte in Europa.

Ein neues Projekt von Ypsomed ist die Lancierung eines Langzeitinjektors. Was kann man davon erwarten?

Michel: Mit unserem Langzeitinjektor sprechen wir die grosse Gruppe von Diabetikern an, die sich das Insulin nicht selber spritzen können. In diesem Bereich sehen wir ein riesiges Potenzial, weil diese Leute keine Insulinpumpen benutzen können oder die Kosten dafür zu hoch sind. Wir wollen deshalb ein Gerät herstellen, welches günstiger ist als die bestehenden Systeme und einfacher in der Handhabung. Bisher konnte dies noch niemand anbieten, daher sehen wir dort grosse Chancen.

Kommen wir zum Aktionariat. Werden Sie den Free Float bei Ypsomed erhöhen?

Michel: Im Moment nicht, mittel- bis langfristig will ich es nicht ausschliessen.

Und einen Rückzug von der Börse?

Michel: Dies ist ebenfalls kein Thema. Solche Veränderungen hängen auch von der Marktentwicklung ab.

Der Markt war Anfang Jahr sehr schwach.

Michel: Dennoch notieren die Aktien noch immer über dem Ausgabepreis beim IPO. Ypsomed liegt im Vergleich mit allen anderen Schweizer Börsengängen der letzten fünf Jahre bei den besten.

Neben Ypsomed sind Sie bei Adval Tech investiert. Wie beurteilen Sie die dortige Lage?

Michel: Adval Tech hält sich im schwierigen Umfeld der Autoindustrie noch verhältnismässig gut. Ich bin überzeugt, dass im Moment Bereinigungen im Markt der Zulieferanten stattfinden werden. In diesem Umfeld sehe ich für Adval Tech eine sehr rosige Zukunft. Denn gewisse Konkurrenten werden wegfallen und damit werden auch die Preise wieder lukrativer. Ich bin überzeugt, dass die Situation in einem Jahr komplett anders aussehen wird.

Dennoch, bereuen Sie den Einstieg?

Michel: Nein, der Preis liegt in etwa dort, wo ich eingestiegen bin.

Wann wird Adval Tech mit Feintool zusammengehen?

Michel: Von aussen sieht ein solches Zusammengehen vernünftig aus. Es bestehen praktisch keine Überschneidungen, der Markt ist aber der gleiche. Auf der anderen Seite bin ich der Meinung, dass unter den heutigen Rahmenbedingungen, bei denen auch Feintool gewisse Probleme hat, ein Zusammengehen kein Thema sein sollte. Zuerst braucht es die Bereinigung.

Welche Beteiligungen planen Sie noch?

Michel: Es wird zukünftig noch einiges passieren. Ich muss aber Synergien mit meinen bestehenden Investments erkennen, damit ich investiere.