2003 waren Sie als Finanzchef angetreten, um die Banque Cantonale Vaudoise (BCV) zu sanieren. Jetzt, kaum im Amt als CEO, müssen Sie die Strategie der Bank schon wieder umkrempeln. Ist das nicht frustrierend?

Pascal Kiener: Nein - denn ein Umkrempeln ist es meiner Meinung nach nicht, sondern einfach eine Etappe in die gleiche Richtung. Zwischen 2003 und 2005 haben wir die BCV saniert. Das Wachstumsprojekt CroisSens wurde 2006 lanciert, um die Grundvoraussetzungen für weiteres Wachstum aufzubauen und den Rückgang beim Marktanteil zu stabilisieren. Nun haben wir mit der 3. Etappe begonnen: Im Kerngeschäft zuzulegen.

Zuletzt haben Sie aber auf Marktanteile verzichtet: Die Position im wachstumsstarken, aber dieses Jahr verlustreichen Handel mit Aktienderivaten wurde aufgegeben.

Kiener: Im Verlauf von 2007 haben wir bemerkt, dass wir zunehmend Risiken eingehen mussten, um den gleichen Ertrag zu erwirtschaften. Letzten November haben wir entschieden, dieses Geschäft komplett abzubauen.

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Sie haben indessen immer wieder betont, dass mit den Handel in elf von zwölf Jahren gutes Geld verdient werde. Gilt das in Zukunft nicht mehr?

Kiener: Auch in Zukunft werden wir im Handel tätig sein. Wir werden unter dem Strich zwar weniger verdienen, aber auch markant weniger Risiken eingehen. Im 3. Quartal haben wir gezeigt, wie das geht. Für das ganze 2. Semester rechne ich im Handel mit einem positiven Geschäftsverlauf.

Fokussieren, das ist eine wichtige Vokabel in der neuen Strategie der BCV. Die Konzentration auf die Region und das «klassische» Geschäft sind zurzeit en vogue in der Schweizer Bankenszene aber nicht auch prozyklisch?

Kiener: Nein. Sehen Sie, die Idee zur neuen Strategie war schon in meinem Kopf, als ich noch CFO war. Es geht um eine Neupositionierung der Gruppe, nicht um eine Reaktion auf die Krise.

Es macht aber schon den Anschein, nach den Handelsverlusten im Frühling.

Kiener: Nein, Opportunismus widerspricht meinem Verständnis von Strategie. Richtig ist: Die BCV ist eine Universalbank mit kantonaler Verwurzelung. Unsere Pfeiler sind seit jeher das Firmengeschäft, das Onshore-Private-Banking sowie das Retailgeschäft. In diesem Bereich wollen wir im Rahmen der neuen Strategie in den nächsten fünf Jahren unsere Stärken ausspielen. Daneben gibt es Geschäfte wie den Aktienderivatehandel, bei denen wir nicht mitspielen möchten.

Sie sprechen Stärken an. Aber in Ihrem Stammgeschäft haben Sie in den letzten Jahren, trotz des Wachstumsprogramms CroisSens, eher noch Kunden verloren. Warum soll jetzt alles anders werden?

Kiener: Mit CroisSens haben wir nicht alle unsere Ziele erreicht. Es ist uns aber gelungen, ein neues Vertriebsnetz aufzubauen und das Image zu verbessern. In einem wettbewerbsintensiven Umfeld haben wird unser Wachstumspotenzial jedoch nicht voll auszuschöpfen können.

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Aber der Konkurrenzkampf dürfte doch nur noch härter werden, da sich jetzt auch die Grossbanken verstärkt um den Schweizer Retailkunden bemühen?

Kiener: Ich vermute eher, dass nicht alle Player in Zukunft die gleiche Aggressivität zeigen werden wie bisher. Wir profitieren zudem von einem neuen Image und einer soliden Eigenmittelbasis. Das wird uns helfen, Marktanteile zu gewinnen. Und: Kunden schätzen heute Kantonalbanken.

Also profitiert auch die BCV von der Unzufriedenheit der Grossbankenkunden?

Kiener: Ja, wir haben neue Kunden gewonnen. Zudem wurden bestehende Kundenbeziehungen noch weiter intensiviert.

Die meiste Arbeit werden Sie trotzdem selber machen müssen. Wie setzen Sie die Strategie im Frontbereich um?

Kiener: Im Hypothekar- und Firmenkundengeschäft müssen wir die Effizienz im Vertrieb steigern, zum Beispiel durch die Auslagerung gewisser Prozesse an Call Center. Im Private Banking sind unsere Anforderungen an die Effizienz schon erreicht, dort holen wir das Wachstum über zusätzliche Kundenberater.

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Die Rede war von 30 Neueinstellungen im Private Banking. Wie viele Stellen haben Sie schon besetzt?

Kiener: Wir haben zwischen fünf und zehn Berater gefunden. Wenn wir in den nächsten 18 Monaten unsere Ziele mit 30 Stellen erreichen, dann könnte ich mir einen weiteren Ausbau vorstellen.

Allerdings haben die etablierten Privatbanken ihre Wachstumsprognosen zurückgenommen. Kommt der Ausbau nicht zu spät?

Kiener: Möglich, dass wir 2009 und 2010 die gewünschten Ergebnisse nicht ganz erreichen. Wir haben uns aber langfristige Ziele gesetzt, die weit über die nächsten zwei Jahre hinausreichen. Wir wollen vor allem im Kanton Waadt wachsen. Hier halten wir im Private Banking erst einen Anteil zwischen 10 und 20% bei Kunden mit einem Vermögen zwischen 250000 und 5 Mio Fr. Meiner Meinung nach bietet diese Ausgangslage noch einiges Wachstumspotenzial für die BCV.

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Zurück zu ihrem wichtigsten Standbein, dem Zinsgeschäft. Dort haben Sie zuletzt die Preise gesenkt etwa den variablen Hypozins auf 2,9% heruntergenommen. Sind nach dem Zinsschritt der Schweizerischen Nationalbank SNB weitere Senkungen geplant?

Kiener: Es ist gut möglich, dass wir weiter runtergehen. Aber für die Akquisition spielt das fast keine Rolle, weil jetzt mehr Festhypotheken gefragt sind. Für das Wachstum im Zinsgeschäft gehen wir 2008 von stabilen 1% aus.

Die SNB erwartet einen weiteren Wachstumsrückgang für die Schweiz. Was heisst das für die Kreditrisiken?

Kiener: Wir rechnen mit einer Zunahme der Risiken, denn bisher waren diese bei allen Schweizer Banken historisch tief. Noch sehen wir nichts, aber das könnte 2009 ändern.

Machen Sie dafür Rückstellungen?

Kiener: Schon im Jahr 2008 mussten wir neue und höhere Rückstellungen bilden, obwohl dies isolierte Fälle betraf.

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Wie sieht es beim Firmengeschäft aus? Rechnen Sie dort auch vermehrt mit Ausfallrisiken?

Kiener: Wenn sich die Rezession vertieft, dann ist eine Zunahme von Insolvenzen wahrscheinlich. Wir haben trotzdem nicht entschieden, unsere Politik zu ändern - die BCV vergibt weiterhin Kredite an Firmen. Deshalb sehen wir zurzeit auch keine Kreditklemme.

Anderseits: Einzelne Firmen hoffen bereits auf Staatsgelder. Da ist die Forderung nicht weit, Staatsbanken wie die BCV sollten den Unternehmen zu Hilfe eilen.

Kiener: Wenn ein Unternehmen langfristig gesund ist, versuchen wir immer, eine passende Lösung zu finden. Gelangen wir aber zum Schluss, dass die Firma nicht mehr profitabel wird, dann müssen wir die Konsequenzen ziehen. Wir begleiten die Wirtschaft - wir sind nicht da, um den Wettbewerb zu verzerren.

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Der Bund spricht schon von Konjunkturprogrammen, und Ähnliches ist auch auf Kantonsebene zu erwarten. Kann sich die BCV, die ja immer noch einen Staatsauftrag hat, dem entziehen?

Kiener: Die BCV ist ein unabhängiges, kotiertes Unternehmen. Nach dem Gesetz sind wir verpflichtet, die Wirtschaft zu begleiten - nicht aber, dem Staat als Instrument für seine makroökonomischen Eingriffe zu dienen.

Sie haben sich entschlossen, je Aktie 10 Fr. zusätzlich pro Jahr auszuschütten, um ihre Eigenmittelbasis zu senken. Dies soll helfen, die Eigenkapitalrendite der BCV zu steigern. Stehen Sie damit nicht etwas quer in der Landschaft, wenn eine UBS Milliarden aufnehmen muss, um ihre Kernkapitalquote zu halten?

Kiener: Ich kann den Einwand verstehen. Aber weltweit war eine Kernkapitalquote von weniger als 7% üblich, die als Folge der Finanzkrise noch weiter reduziert wurde. Mit 16% Kernkapital liegt die BCV sogar deutlich über den Schweizer Vorschriften. Aufgrund der heutigen wirtschaftlichen Unsicherheiten haben wir jedoch beschlossen, dass wir die Eigenkapitalreduktion weniger schnell vorantreiben - also über sechs statt über vier Jahre.

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Für die Steigerung der Eigenkapitalrendite spielen aber auch die Kosten eine Rolle. Was für Mehrkosten wirft die neue Strategie auf?

Kiener: Keine, das Programm ist kostenneutral. Höhere Personalkosten wir bauen unterm Strich beim Personal aus - werden von den zusätzlichen Umsätzen kompensiert.

Und wie sieht es jetzt im 2. Semester 2008 aus - erwarten Sie, dass bei der BCV die Gesamterträge gegenüber den Aufwänden überwiegen?

Kiener: Ja.

2 Mio Fr. an Aufwendungen haben Sie aber direkt abschreiben müssen: Das sind die Kosten für das gescheiterte IT-Projekt mit der Zürcher Kantonalbank (ZKB).

Kiener: Wir bedauern, dass das Projekt nicht zustande gekommen ist. Es hätte strategisch Sinn gemacht, und würde immer noch Sinn machen.

Der Lebenszyklus einzelner Module ihrer IT-Plattform Osiris läuft 2011 aus. Sie sind also unter Zeitdruck, eine neue Lösung zu finden.

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Kiener: Osiris ist nicht die modernste Plattform, aber sie läuft stabil. Zudem bestehen die Verträge mit IBM bis Ende 2014. Wir sind also nicht unter Zeitdruck. Trotzdem schauen wir uns auch die Lösungen wie Finnova oder Avaloq an.

IBM arbeitet eng mit Finnova zusammen, und die meisten Westschweizer Kantonalbanken haben sich für Finnova entschieden ?

Kiener: ? auch Avaloq wollen wir berücksichtigen. Aber der Entscheid ist jetzt zweitrangig, weil wir bei der IT eine Pause einlegen. Die Analyse können wir wohl im Laufe des nächsten Jahres aufnehmen, wenn die Strategie angelaufen ist. Dann besuchen wir unsere Kollegen in anderen Kantonen, welche die Migration schon hinter sich haben. Eine Zusammenarbeit mit anderen Kantonalbanken in Sachen IT ist für uns weiterhin erstrebenswert.