Vor gut 100 Tagen haben Sie die Führung von Sorgenkind Schlatter übernommen. Seither ist die Schlatter-Aktie um über 11% gesunken. Traut Ihnen die Börse nicht?

Jost Sigrist: Ich habe viele Analysten und Investoren getroffen. Dabei habe ich jeweils betont, dass mein Engagement bei Schlatter langfristig zu betrachten ist.

Wie reagiert die Finanzgemeinde darauf?

Sigrist: Grundsätzlich positiv, das ist zumindest mein Eindruck. Jedenfalls sind bisher keine grösseren uns bekannten Investoren ausgestiegen.

Den beiden Grossaktionären Huwa und Metall Zug, die je 18,1% halten, wird nicht egal sein, wie sich die Schlatter-Aktie entwickelt.

Sigrist: Huwa und Metall Zug sind selbstverständlich investiert, um Geld zu verdienen. Allerdings erstreckt sich deren Anlagehorizont nicht auf wenige Wochen oder Monate. Klar ist aber auch, dass es ein Problem wäre, wenn sich die Schlatter-Aktie in den nächsten Jahren nicht positiv entwickelt.

Der Gewinn pro Aktie lag im 1. Halbjahr 2007 bei 10.35 Fr. Erwarten Sie für das Gesamtjahr 2007 grössere Veränderungen?

Sigrist: Dazu kann ich heute keine Aussage machen.

Wird 2007 das vierte Jahr ohne Dividende für Schlatter-Aktionäre?

Sigrist: Das Unternehmen ist per Ende Juni 2007 schuldenfrei und verfügt über einen positiven Cash-Bestand. Das ist eine positive Ausgangslage. Wie die Mittel eingesetzt werden, muss der VR entscheiden. Mit Sicherheit wird erwartet, dass Schlatter früher oder später dividendenfähig wird.

Was ist Ihre Meinung?

Sigrist: Es ist ja nicht so, dass wir im Geld schwimmen.

Sie sind eher zurückhaltend?

Sigrist: Ja. Ziel ist, dass Schlatter Gewinn ausschütten und gleichzeitig eine grössere Investition, zum Beispiel eine Akquisition, verkraften kann. Doch an diesem Punkt sind wir noch nicht.

Ist Schlatter ein Übernahmekandidat?

Sigrist: Im Moment habe ich für einen solchen Fall keinerlei Anzeichen.

Bleibt das Unternehmen unabhängig?

Sigrist: Absolut. Natürlich müssen vorliegende Angebote im Sinne des Aktienrechts stets geprüft werden. Aber ich bin der Meinung, dass Schlatter heute noch nicht reif für Übernahmen ist: Sei es als Käufer oder als Zielgesellschaft.

Ist Schlatter zu klein, um selbstständig zu überleben?

Sigrist: In dieser Grösse und in diesem Markt: Ja. Es ist klar, dass wir wachsen müssen. Langfristig werden wir auch akquirieren, um spürbare Schritte machen zu können. Ich bin allerdings sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, kurzfristig über Zukäufe zu wachsen, noch bevor die Firma richtig aufgestellt ist.

Der Auftragsbestand im 1. Semester 2007 war so hoch wie noch nie. Wie lange ist Schlatter beschäftigt?

Sigrist: Der Auftragsbestand hat sich auch im 2. Halbjahr 2007 sehr positiv entwickelt, sodass wir fast bis Ende 2008 an unseren Kapazitätsgrenzen laufen werden. Wir schlagen bereits die Bücher für 2009 auf.

Auf Stufe Umsatz haben Sie den Zielkorridor Ihres Vorgängers – 3 bis 5% Wachstum pro Jahr – übernommen. Halten Sie weiter daran fest?

Sigrist: Im organischen Bereich halte ich diesen Korridor für absolut vernünftig. Aufgrund unserer angespannten Lage versuchen wir derzeit, unser Wachstum so gering wie möglich zu halten, da wir auf der Strukturseite noch einige Aufgaben zu lösen haben.

Wie gross könnten solche Wachstumsschritte sein?

Sigrist: Unsere Industrie besteht aus vielen kleinen und mittleren Familienbetrieben mit absehbaren Nachfolgeproblemen. Schlatter, mit einem Jahresumsatz von knapp 200 Mio Fr., gehört zu den grossen Playern. Ich bevorzuge aufgrund dieser Struktur eher kleine, dafür häufigere Schritte. Wir werden allerdings nicht um jeden Preis Umsatz zukaufen.

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Laufen bereits Gespräche mit interessanten Firmen?

Sigrist: Ja, denn ein Verkaufsprozess kann sich über mehrere Jahre hinziehen. Derzeit lerne ich nicht nur unsere Kunden, sondern auch andere Marktteilnehmer kennen.

Wird Schlatter 2007 ein Umsatzwachstum von 3 bis 5% ausweisen?

Sigrist: Wir sind auch 2007 gewachsen.

Und 2008?

Sigrist: Im nächsten Jahr dürften wir unseren Umsatz im Vergleich zu 2007 erneut steigern, allerdings streben wir aus genannten Gründen keinen riesigen Wachstumsschritt an.

Schlatter ist in die Segmente Schweissen und Weben gegliedert. Welche Kunden beliefern Sie?

Sigrist: Im Bereich Schweissen stammen rund 80% der Kunden aus Bau und Infrastruktur. Im Bereich Weben finden sich die Kunden zu 100% im Bereich industrielle Anwendungen, etwa in der Papierindustrie.

Damit ist Schlatter indirekt von der Baukonjunktur abhängig. Werden Sie die US-Krise spüren, wenn auch verzögert?

Sigrist: Das ist nicht ganz ausgeschlossen, allerdings muss man bedenken, dass unsere Anwendungen stark in den Bereich staatlicher Infrastrukturbauten fallen, etwa Tiefbau und Bahn. Der Bereich hat keinen direkten Zusammenhang zur Hypothekenkrise und ist wenig zyklisch.

Naht der Abschwung?

Sigrist: Dass der Abschwung irgendwann kommt, ist absolut klar. Für uns ist es positiv, dass wir sicher ein Jahr Zeit haben, uns auf eine Abkühlung vorzubereiten. Wann genau der Abschwung kommt, weiss ich nicht. Das kann in einem Jahr, vielleicht auch erst in zwei Jahren sein.

Was ist zu tun?

Sigrist: Wir müssen unsere Kosten flexibilisieren und optimieren, damit wir von mehr als den Anzahlungen unserer Kunden leben können.

Das zweite Finanzziel, eine Ebit-Marge von 8%, stammt ebenfalls von Ihrem Vorgänger. Noch ist Schlatter mit einem Wert von 4,4% im 1. Halbjahr 2007 weit davon entfernt. Halten Sie trotzdem daran fest?

Sigrist: Ja, denn der Wert ist absolut erreichbar. In einem guten Jahr wie 2007 muss Schlatter in der Lage sein, eine Ebit-Marge von 8% abzuliefern.

Wo liegt die Ebit-Marge 2007?

Sigrist: Das kann ich heute nicht kommentieren.

Nicht viel höher als im 1. Semester?

Sigrist: Natürlich haben sich bereits einige Dinge geändert, doch ich denke nicht, dass es im Sinne der Aktionäre und Mitarbeiter ist, wenn wir kurzfristige Gewinnoptimierungen anstreben würden. Mein Ziel ist nicht, 2007 und 2008 den Ebit zu maximieren und anschliessend wieder zu verschwinden

Bis wann kann Schlatter eine Ebit-Marge von 8% erreichen?

Sigrist: Innerhalb weniger Jahre muss dieses Ziel erreichbar sein, wenn die Märkte mitspielen.

Können Sie 2007 Rohwarenpreise auf Ihre Kunden überwälzen?

Sigrist: Ja, und auch 2008 wird dies möglich sein. Wobei der Kostenfaktor Rohwaren kein grosser Hebel für Schlatter ist.

Wie wird Schlatter profitabler?

Sigrist: Allerhöchste Priorität hat das Projektmanagement. Wir verlieren nach wie vor zu viel Geld bei Kostenüberschreitungen in Projekten.

Hat Schlatter am Markt vorbeientwickelt?

Sigrist: Wir haben Projekte bereits gestoppt und werden das auch weiter tun, wenn wir sehen, dass ein Produkt am Markt keine grossen Erfolgsaussichten hat. Was wir lernen müssen, ist, dem Kunden Innovationen zu präsentieren statt lediglich zu entwickeln, was uns der Kunde vorschlägt.

Wo sparen Sie weitere Kosten?

Sigrist: Allein mit optimiertem Projektmanagement gelangen wir in die Nähe der Ziel-Marge von 8%. Deshalb hat das Thema höchste Priorität. Natürlich werden wir im Anschluss weitere Kostenstellen wie Personal und Einkauf prüfen.

 

Der neue Schlatter-CEO Jost Sigrist will den Anlagenbauer auf solidere Füsse stellen. Das Segment Schweissen will er mit der Erschliessung neuer Märkte stärken.  Lesen Sie  die Fortsetzung des Interviews.