Als Ökonom leben Sie jetzt wohl in der besten aller Welten?

Andreas Höfert: O, ja, es gibt viel zu tun. Die Wirtschaftswissenschaft liegt im Eimer, wie man so schön sagt, und man muss sie wieder einmal neu erfinden. Der grosse Ökonom Paul Samuelson, der vor zwei Wochen gestorben ist, hatte ein schönes Bonmot: Ökonomie ist keine Wissenschaft und jetzt noch weniger als damals.

Die Stimmung an den Märkten ist sehr unsicher. Kommt 2010 die Erholung?

Höfert: Seit Mitte März streben alle Märkte nach oben. Das ist für die Anleger zwar sehr begrüssenswert, doch bereitet dies auch Sorgen. 2008 ging alles runter, 2009 alles rauf. Das heisst, die Anlageklassen haben sehr stark korreliert. Alle Anleger haben eine gute Begründung, warum sie in Gold, Staatsanleihen und Aktien inves-tierten. Nur sollten diese drei Investments nicht miteinander kompatibel sein, waren es in diesem Jahr aber.

Warum ist das so?

Höfert: Dieses Jahr wurde eine enorme Liquidität geschaffen, die überallhin musste. Deshalb sind alle Anlageklassen gleichzeitig rauf oder runtergegangen. Erste positive Zeichen haben wir gesehen, als vor drei Wochen die Arbeitsmarktzahlen aus den USA besser waren als erwartet. Vor allem hat der Markt endlich richtig reagiert: Die Aktien und der Dollar gingen rauf, Gold und Bonds sind runter. Eine solche Reaktion hat man seit 18 Monaten nicht mehr gesehen. Sollte sich diese Konstellation wiederholen, dann kann man positiver eingestellt sein auf den Märkten.

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Und jetzt?

Höfert: Da die ganze Hausse durch die Liquidität getrieben ist und die Zentralbanken bald beginnen müssen, diese abzuschöpfen, bestehen erhebliche Risiken für nächstes Jahr - und dies auch für die verschiedenen Anlageklassen.

Was sind die wichtigsten Treiber für 2010?

Höfert: Auf der positiven Seite ist es die allmähliche Normalisierung der Konjunktur und dass die Schwellenländer aus eigener Kraft Wachstum erzeugen. Auf der negativen Seite, dass die Zentralbanken beginnen müssen, die Liquidität zurückzunehmen. Das grösste Risiko ist, dass der Zeitpunkt für die Zinserhöhungen verpasst wird.

Wie werden die Zentralbanken Ihrer Meinung nach reagieren?

Höfert: Es handelt sich um ein Experiment, das zum ersten Mal überhaupt durchgeführt wurde. Die Fed wird nie sagen, wir wissen nicht, wie es weitergeht. Vielmehr wird gesagt: Wir haben alles unter Kontrolle und wissen genau, wann wir das Geld wieder zurückziehen.

Was werden die Notenbanken konkret machen?

Höfert: Ich gehe davon aus, dass die EZB bereits im 1. Halbjahr die Zinsen zu erhöhen beginnt. Die SNB wird etwas verspätet der EZB folgen. Und die Fed wird abwarten, bis sich der Arbeitsmarkt wirklich stabilisiert.

Gelingt die Exit-Strategie?

Höfert: Die Frage lautet in dem Fall: Gelingt einem etwas Neues gleich beim ers-ten Mal? Eher selten.

Das heisst, Sie sind skeptisch?

Höfert: Eher skeptisch. Wie viele Anläufe brauchte es, bis eine Rakete wirklich zum Mond gelangte? Doch Gott sei Dank hat man nicht so viel Erfahrung mit derartigen Finanzkrisen, sonst fände alle zwei Jahre eine solche statt. Bei beiden grossen vergleichbaren Finanzkrisen ist es schiefgelaufen. Nach der grossen Krise der 1930er-Jahre folgte eine Depression, nach der Krise der 90er-Jahre in Japan die Stagnation. Jetzt versuchen wir eine neue Strategie und sind erstaunt, wie gut das bislang gelaufen ist. Die geld- und fiskalpolitischen Massnahmen haben den Volkswirtschaften aus der Klemme geholfen. Jetzt folgt der zweite Schritt: Die Staatsschulden und die Liquidität sind immens hoch.

Wie ist die Schweiz für nächstes Jahr positioniert?

Höfert: Hier haben wir es mit einem normalen Konjunkturzyklus zu tun. Da die Weltwirtschaft eingebrochen ist, sanken die Exporte, stieg die Arbeitslosigkeit, gingen die Investitionen und der Konsum zurück. Die Folge war die Rezession. Mit der Erholung der Weltkonjunktur und der Schwellenländer erwartet man ein Anziehen der Exportwirtschaft.

Also keine Krise für die Schweiz?

Höfert: Nein, diesmal ist die Schweiz eines jener Länder, die am wenigsten von der Krise getroffen wurden. Hart erwischt hat es Grossbritannien oder die USA.

Wie viel Wachstum sehen Sie 2010 für die Schweiz?

Höfert: Wir sind positiv. Wir sehen zwischen 1,5 und 2%. Dieses Wachstum kommt jedoch ohne richtige Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt zustande. Wir gehen hier von einer durchschnittlichen Arbeitslosenquote von 5% aus.

Was bedeutet dies für den Schweizer Aktienmarkt?

Höfert: Europäische Aktienmärkte - und damit auch die Schweizer Werte - stehen tendenziell besser da als etwa US-Titel. Dies, weil die Konjunkturerholung breiter abgestützt ist. Wegen des hohen Wachstums mögen wir auch die Schwellenland-Märkte, insbesondere China, Indonesien, Korea, Südafrika und Brasilien.

Aber schnelles Wachstum kann auch seine Schattenseite haben, wie der Crash in Dubai jetzt zeigt. Besteht 2010 die Gefahr weiterer Blasen?

Höfert: Natürlich sind wir jetzt gebrannte Kinder und vermuten überall Blasenbildungen. Wegen der liquiditätsgetriebenen Hausse, die alles nach oben zog, besteht auch die Gefahr, dass sich überall Blasen gebildet haben - so in Aktien, Gold, Schwellenländern und möglicherweise gar Staatsanleihen. Was aber positiv stimmt, ist dass sich seit wenigen Tagen nicht mehr alle Anlageklassen im Gleichschritt bewegen.

Um griechische Staatsanleihen gab es zuletzt reichlich Aufregung, weil das Bonitäts-Rating des Landes nach unten gestuft wurde. Wie gross ist das Länderrisiko?

Höfert: Die Staatsschulden werden aufgrund der Krise und längerfristig wegen der Überalterung der Bevölkerung ein Ausmass erreichen, das seinesgleichen in Friedenszeiten sucht. Wir werden weiter solche Stresssituationen wie in Griechenland erleben.

Wo?

Höfert: Irland und Spanien sind Kandidaten in der Eurozone. Auch die USA hat ihre Defizitquote in diesem Jahr um 15% ausgebaut. 100% sind bei diesem Tempo schnell erreicht. Und wenn man sich Japan anschaut mit einer Schuldenquote von 200% - wie soll das enden?

Es wurde ja wiederholt darüber spekuliert, ob auch das Rating der USA gesenkt wird. Wäre das möglich?

Höfert: Nein - schon nur, weil die grossen Ratingagenturen in New York sitzen. Aber die Gefahr besteht, dass sich die Inves-toren zu fragen beginnen, ob das Ganze künftig noch zu finanzieren ist oder ob die Schulden schliesslich weginflationiert werden. Denn Inflationierung ist die politisch einfachste Variante, die Schuldenlast zu verringern.

Also ist schon 2010 ein Inflationsszenario wahrscheinlich?

Höfert: Inflation wird frühestens Ende 2011 und 2012 ein Thema, aber dann mit einer Wucht, die wir nicht gewohnt sind. Verantwortlich dafür könnten die Staatsschulden sein - denn auch wenn die Notenbanken formal unabhängig sind, können sie sich trotzdem dem Willen der Regierungen nicht entziehen. Und die werden ihre Staatsschuld verringern wollen. Besonders in angelsächsischen Ländern könnte die Teuerung aus diesen Gründen rasch ansteigen.

Wegen der hohen Defizite haben die Staaten weniger Handlungsspielraum. Ist ihre Rolle als Retter in der Krise gefährdet?

Höfert: Das ist sicherlich ein Risiko. Darum gilt es, eine nächste Krise tunlichst zu vermeiden.

Allerdings lauern gerade bei den Banken, die gerade gerettet worden sind, noch Altlasten aus der Finanzkrise.

Höfert: Der Internationale Währungsfonds schätzte ja letzten September den zusätzlichen Abschreibungsbedarf bei den Banken auf rund 1,5 Billionen Dollar. In den USA sieht man weitere Regionalbanken, die aus dem System genommen werden, weitere 300 gelten als gefährdet. Dagegen hat die Grossbank Citigroup jetzt bekannt gegeben, dass sie jetzt ihre 20 Mrd Dollar Rettungsgeld an den Staat zurückzahlt. Das spricht klar für eine Normalisierung - ähnlich wie der nur kurze Einfluss des Crashs in Dubai auf die weltweiten Finanzmärkte. Das System hat den schlimmsten Stress überwunden.

Wie bewerten Sie denn die Stabilität des Finanzsystems?

Höfert: Es ist nicht mehr so instabil wie vor sechs Monaten. Wenn wir den Vergleich mit dem Menschen machen müssten, hat das System jetzt zwischen 37,5 und 38,5 Grad Fieber.