Was waren die Gründe für den massiven Neugeldabfluss bei Clariden Leu im letzten Jahr?

Hans Nützi: Wichtig ist, dass praktisch keine Kundengelder zu anderen Banken geflossen sind. Rückläufig waren die Nettoneugelder insbesondere aufgrund des Verschuldungsabbaus bei den Kunden. Zudem war Clariden Leu bei der Akquirierung neuer Kundenberater in den letzten Monaten zurückhaltend.

Warum?

Nützi: Entscheidend für den Erfolg der Bank ist nicht das Neugeld, sondern die Ertrags- und Kostenentwicklung. Wir haben nicht so viele Kundenberater eingestellt - davon profitiert unsere Kostenbasis. Mit einer Cost-Income-Ratio von 56% für 2008 sind wir ausgezeichnet positioniert. Die Rekrutierung und Bindung erstklassiger Kundenberater ist und bleibt ein entscheidender Erfolgsfaktor im Private Banking.

Trotzdem streichen Sie offenbar 100 Stellen.

Nützi: Im schwierigen Ertragsumfeld gilt es, die Kostenseite noch stärker in die Pflicht zu nehmen, um für den nächsten Aufschwung bereit zu sein. Das Marktumfeld hat sich stark verändert. Das bedeutet für uns, dass wir die Organisationsstruktur und die Ressourcen entsprechend anpassen. Und zwar überall, wo wir Optimierungsbedarf sehen. In den Corporate Center haben wir bereits Konsequenzen gezogen. Sämtliche Kostensparten werden analysiert. Auf der Infrastrukturseite profitieren wir davon, dass wir auf der gleichen IT-Plattform arbeiten wie unser Mutterhaus Credit Suisse und deshalb die Synergien optimal nutzen können.

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Wie viele Arbeitsplätze werden dem Sparprozess bis Ende Jahr zum Opfer fallen?

Nützi: Rund 100 Stellen wurden abgebaut. Es kam aber nicht zu 100 Entlassungen. Natürliche Abgänge wurden zum Teil nicht ersetzt. Wenn Sie eine Fluktuationsrate von 8 bis 12% haben, können Sie damit schon einiges erreichen. Wir entlassen nicht systematisch Personal. Dazu sind wir nicht gezwungen, und wir haben es uns im Businessplan auch nicht zum Ziel gesetzt. Wenn sich eine Opportunität für Wachstum ergibt, dann zählen wir unter Umständen Ende Jahr sogar mehr Mitarbeitende als heute.

Sie wollen zukaufen?

Nützi: Wir werden Akquisitionen prüfen. Das Marktumfeld ist derzeit anspruchsvoll. Nicht alle Banken werden sich den neuen Gegebenheiten anpassen können. Es wird Gewinner und Verlierer geben. Ein Konsolidierungsprozess ist im Gang - darin spielen wir zusammen mit unserem Mutterhaus eine aktive Rolle.

Sie sind jetzt auf der Lauer und warten, bis bei Mitbewerbern die Kostenfalle zuschnappt?

Nützi: Nein, wir warten nicht, bis eine Bank vor unlösbaren Problemen steht. Aber unter Umständen ist im jetzigen Marktumfeld ein Zusammenschluss mit uns für die eine oder andere Bank eine zukunftsweisende Option.

Wie viel Geld halten Sie bereit für solche Möglichkeiten?

Nützi: Wir schauen uns jede Opportunität genau an und entscheiden punktuell, ob sie weiterverfolgt werden soll.

Planen Sie kleinere oder auch grössere Akquisitionen?

Nützi: Im Vordergrund stehen kleinere und mittlere Akquisitionen. Der Private- Banking-Markt ist stark fragmentiert. Auch die Branche der externen Vermögensverwalter ist in der Konsolidierung.

Wird 2009 das Jahr der Übernahmen für Clariden Leu?

Nützi: Zumindest wird 2009 das eine oder andere diskutiert werden. Verschiedene Faktoren spielen dabei eine Rolle. Preisvorstellungen in Prozentzahlen auf Vermögen, die man vor fünf Jahren hatte, sind überholt. Ertrags- und Kostensituation müssen eingehend geprüft werden. Es kommt darauf an, ob die Unternehmen strategisch zusammenpassen würden.

Clariden Leu bleibt unter dem Dach der Credit Suisse?

Nützi: Ja, im Moment steht nichts anderes zur Diskussion - und würde auch nicht unseren Intentionen entsprechen. Wir wollen uns innerhalb des Konzerns als starke und ergänzende Privatbank positionieren.

Gibt es angesichts der schwierigen Zeiten eher eine Annäherung ans Mutterhaus?

Nützi: Solange wir erfolgreich sind und die Kosten im Griff haben, sind wir unabhängig. Wenn das nicht mehr der Fall sein würde, müsste man erwarten, dass der Eigentümer mit Fragen aufwartet.

Diese Unabhängigkeit wurde Anfang Jahr mit der Ernennung des ehemaligen Finma-Vizepräsidenten Peter Eckert zum neuen Verwaltungsratspräsidenten demonstriert. Was hat Herr Eckert bisher verändert?

Nützi: Mit Peter Eckert als externem Verwaltungsratspräsidenten haben wir unsere Unabhängigkeit stärker untermauert. Er hat sein Amt in einem herausfordernden Marktumfeld angetreten. Wir diskutieren viel, der rege Gedankenaustausch ist sehr wichtig. Die Balance von Credit-Suisse-Vertretern und unabhängigen Mitgliedern ist im Verwaltungsrat vorhanden.

In letzten Jahr war der Gewinnbeitrag von Clariden Leu für die Credit Suisse bescheiden. Wie ist es im 1. Quartal gelaufen? Und was erwarten Sie 2009?

Nützi: Dem schwierigen Marktumfeld können wir uns nicht entziehen. 2009 dürften die Marktverhältnisse ähnlich anspruchsvoll sein wie im 4. Quartal 2008. Eine besondere Herausforderung ist das Generieren von systematischem Wachstum. Zunächst wegen des ausserordentlichen Marktumfelds. Aber auch das regulatorische Umfeld und der Druck auf den Schweizer Finanzplatz vereinfachen das Wachstum nicht. Aufgrund der eingeleiteten Massnahmen sind wir auf gutem Weg. Im Vordergrund steht nicht die Optimierung der Ertragssituation, sondern insbesondere der Erhalt der uns anvertrauten Kundenvermögen.

Damit verdient die Bank nicht viel. Wie lange dürfte diese Periode anhalten?

Nützi: Das kann niemand vorhersagen. Bank und Kunden müssen sich den Gegebenheiten anpassen. Die Anlage der Vermögenswerte muss so gestaltet sein, dass sie dem Risikoprofil des Kunden entspricht und dass die Kunden davon profitieren können, sobald die Märkte wieder anziehen.

Wie haben sich die Neugelder seit Jahresbeginn entwickelt?

Nützi: Grosse Veränderungen haben sich nicht ergeben. Der Verschuldungsabbau bei den Kunden hat sich aufgrund der Marktsituation fortgesetzt.

Haben Sie wegen der Aufweichung des Bankgeheimnisses Kundengelder verloren, oder rechnen Sie noch damit?

Nützi: Nein, bis jetzt konnten wir keine direkten Auswirkungen feststellen. Wir stellen in unserer Geschäftstätigkeit die Professionalität in der Vermögensverwaltung und die individuelle Beratung unserer Kunden in den Vordergrund.

Überdenken Sie jetzt Ihre Wachstumsstrategie und gehen verstärkt onshore?

Nützi: Wir konzentrieren uns weiterhin auf die Kernwachstumsmärkte. Neben Europa sind das Asien, der Mittlere Osten und Osteuropa. Das Wachstum in den einzelnen Ländern vor Ort erhält aber ein deutlich grösseres Gewicht. Im Vordergrund steht Deutschland als sehr attraktiver Markt für uns. Wir haben in Deutschland einen Kooperationspartner, mit dem wir zusammenarbeiten. Im Fokus stehen auch andere Länder. Wir werden jedoch keine breite Onshore-Organisation aufbauen mit vielen Niederlassungen.

Kundenberater der Clariden Leu durften anscheinend vor dem G20-Gipfel nicht mehr reisen. Können sich die Kundenberater jetzt wieder frei bewegen?

Nützi: Als international tätige Bank muss man sich in allen Ländern nach dem jeweiligen regulatorischen Umfeld richten. Wir schauen uns die Reisetätigkeit unserer Kundenberater genau an. Sie bewegen sich regulatorisch im korrekten Rahmen und dürfen nur in Länder rei-sen, in denen die Beratung der Kunden erlaubt ist.