Swissquote ist die grösste Online-Bank der Schweiz. Dennoch zeigen Sie mit der neuen Filiale an der Zürcher Bahnhof- strasse bewusst physische Präsenz. Haben Sie das nötig?

Marc Bürki: Wir haben mit diesem Standort bewusst die Nähe zur Stadt und den Kunden gesucht. Die Kunden schätzen das, denn sie möchten mit uns diskutieren und wollen neben dem Internet auch den persönlichen Kontakt.

Wird Swissquote am Ende doch eine gewöhnliche Bank?

Bürki: Nein, es ist nicht unser Businessmodell, eine Retailbank zu werden. Wir möchten nicht in jeder Stadt eine Bankfiliale eröffnen. Aber wir setzen derzeit das Loun-gekonzept in verschiedenen Schweizer Städten um.

Welche Städte kommen in Frage?

Bürki: Wir suchen Standorte in den acht grössten Städten. Vor allem in der deutschsprachigen Schweiz, weil hier der grösste Teil unserer Kunden ist.

Wo wird die nächste Lounge eröffnet?

Bürki: In Basel und Bern sind Vorbereitungen im Gange. Dort, wo wir zuerst einen möglichst prominenten Platz finden, eröffnen wir die Lounge. Wenn wir an beiden Orten erfolgreich sind, dann auch gleich an zwei Standorten.

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Wie entwickeln sich die Kundenzahlen im Kerngeschäft, dem Online-Banking?

Bürki: Unser Ziel von 25000 Neukunden im Geschäftsjahr 2009 werden wir problemlos erreichen. Seit Jahren beträgt der Nettoneukundenzuwachs 6000 Kunden pro Quartal. Das ist eine Konstante, ob nun Krisen oder Rallys an den Börsen stattfinden.

Können Sie den Marktanteil trotz der neuen Konkurrenten behaupten?

Bürki: Wir wollen einen Marktanteil von 55% halten. Daher ist es unser Ziel, 200 000 bis 220 000 Kunden in diesem Segment zu bedienen. Mit unseren derzeitigen Zuwachsraten haben wir das in etwa drei Jahren erreicht.

Was heisst das für Ihre Mitbewerber?

Bürki: Für die kleineren Anbieter wird es schwierig werden. Wenn wie jüngst die Handelslust nachlässt und die Volumen zurückgehen, dann bleibt man auf den Kosten sitzen. Das Online-Banking ist in erster Linie ein Massengeschäft. Es wird daher zu einer Konsolidierung in Europa und auch in der Schweiz kommen. Einzelne Anbieter sind nicht gross genug, um sich langfristig etablieren zu können.

Wird Swissquote denn selbst Konkurrenten übernehmen?

Bürki: Wir halten die Augen offen und nutzen Möglichkeiten, wenn sie sich uns bieten. Doch ist die gesamte Bankenlandschaft, nicht nur bei den Online-Banken, völlig im Umbruch. Ausgelöst durch die Finanzkrise und die Debatte um das Bankgeheimnis, wird es eine neue Bankordnung in der Schweiz geben.

Wie könnte denn die neue Bankenlandschaft aussehen?

Bürki: Es wird mehr automatisiert werden, mehr wird online stattfinden. Der Kostendruck wird zu einem verstärkten Einsatz von Technologie führen.

Was heisst das für Swissquote?

Bürki: Unsere bisherige Zielgruppe umfasst rund 400 000 Kunden. Uns stellt sich jetzt die Frage, was künftig passiert. Gibt es andere Bankkunden, die von automatisierten Dienstleistungen profitieren wollen? Wir glauben, es gibt eine Kategorie von Kunden, die etwas vom Investieren versteht, eine Affinität zum Internet hat und über mehr Geld verfügt als der normale Retailkunde, jedoch Unterstützung beim Anlegen braucht. Solche Kunden sind typischerweise bei Privatbanken zu finden. Wir werden deshalb eine E-Privatbank anbieten. Wenn wir diese Kunden mit den richtigen Tools und Dienstleistungen abholen können, sehen wir dort ein grosses Wachstumspotenzial.

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Wie viele Kunden sind das?

Bürki: Neben den bisherigen 400 000 Kunden gibt es weitere 250 000 sogenannte Validators. Das sind Kunden, die über eine Marktmeinung verfügen, aber Unterstützung bei Investment-Ideen benötigen oder Hilfe bei der Strukturierung der Strategie brauchen. Diese Kunden möchten wir abholen.

Was bedeutet das für die Zukunft von Swissquote?

Bürki: Wir möchten nicht nach Europa gehen, um reine Transaktionsdienstleistungen anzubieten. Das Ausführen einer Transaktion ist nicht lukrativ. Im Ausland müssten wir daher mit anderen Dienstleistungen auftreten. Wenn die E-Privatbank in der Schweiz funktioniert, gehen wir damit nach Europa. Die meisten Online-Banken im Ausland sind Töchter klassischer Grossbanken. Das Low-Cost-Geschäft der Online-Töchter ist keine Konkurrenz für sie, da die gewinnträchtige Beratung im Mutterhaus abgewickelt wird. Mit der E-Privatbank könnten wir eine echte Alternative bieten.

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Wann wird die Strategie umgesetzt?

Bürki: Das wird nicht im nächsten Jahr geschehen. Wir werden die neuen Dienstleistungen innerhalb der nächsten zwei Jahre ausrollen. Die neuen Konti mit elektronischer Beratung werden im 1. Halbjahr 2010 bereit sein. Wenn wir damit Erfolg haben, werden wir in einem oder zwei Jahren in den europäischen Raum vordringen.

Welche Ziele verfolgen Sie mit ihrem hauseigenen Fonds?

Bürki: Der Fonds kann zwar gezeichnet werden, ist aber eigentlich nur eine Benchmark für unser neuestes Tool. Mit diesem wollen wir dem Kunden die Möglichkeit geben, sein persönliches Anlageuniversum auszuwählen. Das kann ein Markt, ein Sektor oder eine Anlagekategorie sein. Danach kann er gewisse Einschränkungen festlegen, das System definiert das Portefeuille regelmässig neu. Das Werkzeug macht für den Anleger relevante Investments ausfindig, zusätzlich kann der Kunde persönliche Anpassungen vornehmen.

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Ihre Kunden stellen sich also ihr Produkt selbst zusammen?

Bürki: Das ist die Idee. Ich kann ein fertiges Produkt kaufen, oder ich baue es mir selber nach meinen eigenen Wünschen und unter Mithilfe des Systems.

Und was sind Ihre Wünsche? Chief Technology Officer Paolo Buzzi und Sie halten jeweils 14,5% der Aktien. Werden Sie diesen Anteil verkaufen?

Bürki: Es macht uns noch immer Spass und wir können das Unternehmen noch weiterentwickeln. Daher haben wir nicht die Absicht, zu verkaufen.

Die Swissquote-Aktie notiert derzeit bei rund 53 Fr. Wie viel Potenzial hat der Wert auf diesem Stand noch?

Bürki: Einige Fonds waren in der Krise gezwungen, ihre Anteile zu verkaufen, die Aktie sank daher auf 25 Fr. ab. Seither hat sie sich etwas erholt. Falls wir die Kundenzahl wie geplant erhöhen können und sich die Handelsvolumen normalisieren, dann sollte sich der Umsatz verdoppeln. In den neuen Segmenten Sparkonti, Fremdwährungsgeschäft und bei den vermögenden Privatkunden steckt viel Potenzial. Statt heute 100 Mio pro Jahr sollte der Umsatz dann 200 Mio Fr. betragen. Ich möchte keine Prognose abgeben, aber zwei Research-Häuser sehen, in Anbetracht des Potenzials, den Kurs bei 70 Fr.

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Wird auch die Dividende entsprechend erhöht?

Bürki: Dass die Dividende eher bescheiden ist, hat einen guten Grund. Das Obligationenportefeuille für die Sparkonti bindet Eigenkapital. Wir haben zudem über 600 Mio Fr. bei der Nationalbank hinterlegt. Wenn sich die wirtschaftliche Situation normalisiert, wird dieser Betrag reduziert. Wir wollen das Eigenkapital auf 200 Mio Fr. erhöhen. Haben wir das erreicht, wird die Dividende grosszügiger.

Wann können die Anleger damit rechnen?

Bürki: In diesem Jahr ändert sich noch nichts. Doch die 200 Mio Fr. Eigenkapital sollten wir durch unsere Gewinne Ende 2010 erreichen. Dann könnte sich auch die Dividende erhöhen.