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Interview
«Wir wollen einen Bitcoin-Bancomaten in Zürich»

Luzius Meisser: Der Präsident der Bitcoin Swiss Association hat grosse Pläne. (Bild: Keystone, ZVG)

Zwischen Enthusiasmus eines klassischen Vereins und ernsthafter Gefahr für Finanzinstitute: Die Pläne des Präsidenten des Schweizer Bitcoin-Vereins – und seine Gründe für die 10'000-Dollar-Prognose.

Von Mathias Ohanian
am 20.11.2013

Der Bitcoin hat an den Börsen in dieser Woche eine regelrechte Achterbahnfahrt hingelegt: Erst stieg der Kurs am Montag um über 40 Prozent zu, um gestern im Extrem wieder ein Drittel einzubüssen. Gegen Abend erholte sich der Kurs wieder etwas. Ist der aktuelle Preis gerechtfertigt?
Luzius Meisser: Fundamental hat sich in den vergangenen beiden Monaten nicht genug getan, um die massiven Preisanstiege der letzten Wochen rechtfertigen könnte.

Rechnen Sie wieder mit einer Erholung?
Langfristig dürfte der Preis steigen. Meine ursprüngliche Prognose von Anfang Jahr war, dass ein Bitcoin bis Ende 2015 rund 1000 Dollar kosten könnte. Nun muss ich meine Prognose nach oben korrigieren und sehe einen Wert gegen 10'000 Dollar – wenn es weitherhin keine grösseren Probleme gibt. Allerdings ist das Risiko wohl ebenso hoch, dass sich die Währung nicht wird durchsetzen können. Unter dem Strich bleibt aber eine positive Erwartung. So oder so wird es äusserst spannend sein, die weitere Entwicklung zu verfolgen.

Ihr konkretes Wertziel in Ehren: Aber warum soll das Potenzial von Bitcoin so gross sein?
Bitcoin ist eine revolutionäre Technologie – ich selbst und viele meiner Kollegen aus der Informatik haben es zuvor gar nicht für möglich gehalten, eine dezentrale Währung wie Bitcoin zu realisieren. Bitcoin eröffnet unzählige Möglichkeiten: als Zahlungssystem, als Anlage und als Technologie-Plattform. Die Tatsache, dass Bitcoin keiner zentralen Kontrolle untersteht, erlaubt es Firmen, dieses Zahlungsmittel zu nutzen, ohne sich in die Abhängigkeit anderer Firmen zu begeben. Zudem sind die Transaktionsgebühren extrem tief.

Im Umkehrschluss stellt die Währung also eine Bedrohung für Finanzinstitute dar.
Sollte Bitcoin Fuss fassen, müssen sich Zahlungsdienste wie Western Union oder Visa warm anziehen. Wenn sich der Preis einst auf einem stabileren Niveau einpendelt, beginnt Bitcoin dank starken Eigentumsrechten eine valable Alternative zu Anlagen wie Gold zu werden – vor allem in disfunktionalen Staaten. Bankkonten können beschlagnahmt werden, so wie das unlängst zum Beispiel in Zypern passiert ist. Bei Bitcoin-Guthaben ist dies nicht möglich, wenn man sie richtig schützt. Es gibt also eine ganze Reihe von Anwendungsmöglichkeiten mit grossem Potential.

Spinnen wir den Gedanken weiter: Wird Bitcoin irgendwann reales Geld als Zahlungsmittel ablösen?
Sicher nicht vollständig. So wie Computer nicht das Papier überflüssig gemacht haben, wird Bitcoin auch nicht klassisches Geld überflüssig machen. Bitcoin ist ein Zahlungssystem von vielen – und muss sich in dieser Rolle zuerst behaupten. Es wird immer Anwendungsszenarien geben, wo andere Währungen oder Systeme geeigneter als Bitcoin sind. Zum Beispiel ist Bitcoin in vielen Fällen kein geeigneter Ersatz für Bargeld. Die Geldmenge von Bitcoin – das heisst, der Wert aller sich im Umlauf befindlichen Bitcoins – beträgt bereits über 5 Milliarden Dollar, mehr als die Geldmenge von zum Beispiel Malta oder Serbien. Bis zum Schweizer Franken ist Bitcoin aber noch um den Faktor 100 entfernt.

Wie gross ist heute der Schweizer Markt?
Das ist schwer zu sagen: Grösstenteils wird vermutlich spekuliert. Neben einzelnen Webseiten, die Bitcoins akzeptieren – etwa Wordpress oder Reddit –, gibt es punktuell auch Cafés oder andere reale Geschäfte. Die Tessiner Firma Bitmine stellt auf Bitcoin-Berechnung spezialisierte Hardware her. Das Hotel-Restaurant Gotthard in Brugg akzeptiert Bitcoins, ebenso eine Käserei im Muotathal – und etwa ein Dutzend weitere Orte in der Schweiz.

Und im Ausland?
Ein Hotspot ist Berlin, wo es eine sehr starke Bitcoin-Community gibt. Die Vorteile von Bitcoin ziehen aber vor allem online. Von daher werden wir wohl zuerst dort vermehrten Einsatz sehen – etwa für Micropayments in Computerspielen oder für Sportwetten.

In Vancouver steht bereits ein Bitcoin-Bancomat – planen Sie das ebenfalls?
Eine Projektidee ist, dass wir einen Bitcoin-Bancomaten in Zürich aufstellen wollen. Das Gerät in Vancouver hatte innert einer Woche über 100'000 kanadische Dollar Umsatz. Von daher liegt es nahe, dieses Experiment auch in anderen Städten zu wagen. Noch unklar ist, wer den Automat betreiben soll und welche Bewilligungen es dafür braucht. Das wird eines der Themen unseres nächsten Meetups sein. Das Bitcoin-Meetup in Zürich findet alle zwei Wochen statt – und jeder, der sich interessiert, ist herzlich willkommen.

Sie sind Mitbegründer der kürzliche ins Leben gerufenen Bitcoin Association Switzerland. Welchen Fokus legen Sie?
Wir möchten Rechtssicherheit schaffen. Noch gibt es diverse Unklarheiten. Wie rechnet man zum Beispiel bei der Bezahlung mit Bitcoins die Mehrwertsteuer korrekt ab? Oder muss man die Aufsichtsbehörde Finma fragen, wenn man einen Bitcoin-Bancomaten aufstellen will? Gleichzeitig wollen wir das Thema Bitcoin stärker ins öffentliche Bewusstsein heben und die lokale Community pflegen. Alles in allem die klassische Vereinstätigkeit einer Gruppe grosser Enthusiasten.

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