Apartments mit einer Wohnfläche von 100 bis 700 Quadratmetern zu verkaufen, prangt auf einem riesigen Plakat an einer Hochhausfassade im Einzugsgebiet von Shenzhen. Es ist nicht das einzige dieser Plakate. Viele Wohntürme werden in der Sonderwirtschaftszone hochgezogen. Mehr als 30 Häuser der Stadt sind höher als 200 Meter. Immobilien sind beliebte Investitionsobjekte – innerhalb eines Jahres sind die Preise in der Region 60 Prozent gestiegen. Das lockt Käufer an.

Shenzhen hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen Chinas. IT und Telekom haben die Stadt reich gemacht. Das ist auf den Strassen unübersehbar: Deutsche Oberklassewagen neuster Jahrgänge dominieren. Ein Ferrari-Flagship-Store ist an bester Lage in der Innenstadt domiziliert. In den Nobelrestaurants, wo die Jeunesse dorée gerne feiert, schwimmen Haifische und Quallen in Aquarien.

Wer sich umblickt, denkt nicht an ein Schwellenland

Heute leben hier 12,5 Millionen Menschen, Ende der 1970er-Jahre waren es nur 30'000. Ähnlich rasant wie Shenzhen hat sich das gesamte Land entwickelt – zur aktuell zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt. Und es ist sauber in Shenzhen. Die Elektromobilität hat Einzug gehalten, die Zweitakter verbannt. Wer sich hier umblickt, denkt nicht an ein Schwellenland.

Der zur Schau gestellte Reichtum kontrastiert mit der Wahrnehmung des Riesenreichs in Nordeuropa. Schlagzeilen machen Titel wie «China-Crash: 2016 wird noch ruppiger», «Chinas 28-Billionen-Dollar-Problem» oder «Eine harte Landung ist unvermeidlich». Star-Investor George Soros war überzeugt: «Ich erwarte keine harte Landung, ich beobachte sie.» Probleme bestehen zwar, doch Chinas Bankensystem ist nicht unter der Last von faulen Krediten kollabiert und die Wirtschaft wächst weiter.

Angst vor chinesischer Grippe ist gesunken

Die Angst vor einer Ansteckung mit der chinesischen Grippe, die in den ersten Monaten des laufenden Jahres die Händler in New York, London, Zürich oder Frankfurt irritiert hat, ist gesunken. Sausen die Aktienkurse in Schanghai, Hongkong oder eben in Shenzhen in die Tiefe wie zuletzt in der vergangenen Woche, verunsichert das die Finanzakteure im Westen nicht mehr gross.

Die Korrelation zwischen den Märkten hat markant abgenommen. Im Gegensatz zum S&P 500 und anderen Blue-Chip-Indizes, die zuletzt einen Teil der erlittenen Verluste wettmachten, notieren chinesische Aktienindizes nach wie vor tiefrot. In Franken hat der Schanghai Composite Index seit Jahresbeginn 20 Prozent verloren.

Inlandaktienmarkt bereits sehr gewichtig

Die Kursschwäche bietet Chancen: Insbesondere A-Aktien, sprich inländische Titel, die in Renminbi gehandelt werden, dürften reger nachgefragt werden. Offenbar konkretisieren sich Pläne des Indexanbieters MSCI, A-Aktien in seine Schwellenländer-Aktienindexfamilien aufzunehmen. Möglicherweise wird das bereits im Juni der Fall sein. Das wird die Marktkapitalisierung der entsprechenden Unternehmen erhöhen, weil diverse Fonds- und ETF-Anbieter diese Titel kaufen werden oder kaufen müssen.

Dabei ist der chinesische Inlandaktienmarkt bereits sehr gewichtig – in Schanghai und Shenzhen sind Gesellschaften mit einer Kapitalisierung von mehr als 6 Billionen Franken kotiert. Privatanleger können in dieses Segment direkt via ETF investieren. Entsprechende Risikofähigkeit vorausgesetzt, bietet sich der Lyxor MSCI China A Aktien ETF (ISIN FR0011720911) an, um chinesische A-Aktien ins Portfolio zu holen. Die Total Expense Ratio, kurz TER, beträgt 0,65 Prozent pro Jahr. Zu beachten ist, dass lediglich 35 Millionen Franken in den ETF investiert sind.

Brasilien ist von China abhängig

Dass China besser als befürchtet dasteht – offiziell beträgt das Wirtschaftswachstum 6,7 Prozent – und der Yuan nicht weiter abwertet, hilft den anderen Schwellenländern. Insbesondere Brasilien ist als Rohstoffexporteur abhängig von der chinesischen Nachfrage. Es erstaunt, dass vor allem ausländische Investoren erneut Vertrauen in Brasilien fassen. Denn das Land erlebt nach jahrelangem wirtschaftlichem Krebsgang (2015 schrumpfte das Bruttoinlandprodukt am Zuckerhut um beinahe 4 Prozent und damit so viel wie seit einer Generation nicht mehr) auch ein chronisches Haushaltsdefizit und eine Kaste reformunfähiger Politiker. Dennoch stieg die Börse in São Paulo respektive der Bovespa-Index (auch Ibovespa genannt) in Franken seit Jahresbeginn um mehr als 30 Prozent.

Börsenstimmung und Zustand eines Landes korellieren oft nicht

Titel von Eisen- und Stahlerzeugern wie Siderúrgica Nacional, Metalúrgica Gerdau oder Usinas Sider Minas führen die Kursliste an. Die Beliebtheit ist der zuletzt massiv gestiegenen Stahlnachfrage aus China geschuldet. Die Aktien von Siderúrgica stiegen seit Anfang des Jahres um 235 Prozent. Lyxor bietet auf den Ibovespa einen ETF an (ISIN FR0010408799). Die TER beträgt 0,65 Prozent pro Jahr.

Der Blick auf China und Brasilien offenbart eine wichtige Erkenntnis für Anleger: Die Börse und die fundamentale Verfassung eines Landes haben oft wenig miteinander gemein.

China wächst so schnell und von so hohem Niveau aus wie kein anderer Staat, doch am Aktienmarkt haben die Bären das Sagen. Brasilien steckt in einer hartnäckigen Rezession, auf dem Börsenparkett knallen Champagnerkorken. Wer in einzelne Schwellenländer investiert, muss mit hoher Volatilität umgehen können. Aus diesem Grund ist eine breite Diversifikation bei Engagements für die meisten Anleger unerlässlich.

Flaue Performance vieler Fonds

Gemessen an der Bewertung ist der Zeitpunkt für Investitionen günstig. Nick Price von Fidelity sagt: «Das Preis-Buch-Verhältnis der im MSCI Emerging Markets enthaltenen Titel befindet sich auf dem niedrigsten Stand seit zehn Jahren, und auch das relative Kurs-Buch-Verhältnis verglichen mit dem MSCI Welt hat den tiefsten Stand seit einer Dekade erreicht.» Schwellenländeraktien werden derzeit mit einem Bewertungsabschlag von rund 30 Prozent zu internationalen Standardtiteln gehandelt.

Zugang bieten beispielsweise Fonds, die auf globale Schwellenländer setzen (siehe Tabelle):

Im ersten Quartal des laufenden Jahres konnte nur eine Minderheit der Fondsmanager eine Rendite erwirtschaften: 88 der 201 von Ifund Services untersuchten Schwellenländer-Fonds erzielten vor Kosten ein Plus. Matthias Weber, der Chef Fonds-Research & Asset Management von Ifund Services, konstatiert: «2016 brillierte, was während Jahren enttäuschte – Rohstofftitel. Die meisten Fondsmanager sind aber in Rohstoffwerten kaum investiert: Oft handelt es sich um staatsnahe, schlecht geführte Unternehmen. Zudem war die Wertentwicklung dieses Sektors während Jahren schwach.» Und ergänzt: «Viele Fondsmanager mieden zuletzt auch Rohstoffexporteure wie Russland oder Brasilien

Das erklärt die flaue Kursentwicklung aktiv gemanagter Produkte. Deutlich besser schnitten ETF auf den MSCI Emerging Markets ab. Gemessen an der Kursentwicklung und den Kosten überzeugt das Produkt von Comstage (ISIN LU0635178014). Ein Plus von 6,8 Prozent resultierte im ersten Quartal in Dollar. Die TER beträgt lediglich 0,25 Prozent pro Jahr. Mit einer TER von 0,2 Prozent ist ein entsprechender ETF von Amundi noch günstiger (ISIN FR0010959692). Das 4 Milliarden Dollar schwere Flagschiffprodukt von iShares kostet mehr, nämlich 0,75 Prozent pro Jahr (ISIN IE00B0M63177). Dafür ist die Replikationsart physisch.

China bestimmt die Leistung der Schwellenländer

Die künftige Entwicklung der meisten Schwellenländer dürfte wesentlich von China bestimmt werden. Optimistisch stimmen dabei zwei Dinge: Erstens scheint sich das taumelnde Riesenreich zu stabilisieren und auf nachhaltige Entwicklung auszurichten und zweitens steht der Yuan dank der langsamer als beabsichtigten Straffung der US-Geldpolitik und einem als Folge schwächeren Dollar nicht mehr so stark unter Abwertungsdruck wie zuletzt. Das entlastet die gesamte Region.

Der jüngste chinesische Lichtblitz zuckte an der Automesse in Peking. Nicht Elon Musk präsentierte ein «Haben muss», sondern Jia Yueting mit dem Konzeptauto LeSee. Yueting meinte stolz: «Wir bauen nicht nur ein elektrisches Fahrzeug, das smart ist, sondern ein Mobilitätskonzept der Zukunft.» Neuerdings kommen aus China echte Innovationen und nicht mehr nur gut gemachte Kopien.