Widersprüchliche Signale von der Konjunktur, eine Verschlechterung bei den «toxischen» Krediten in den Bilanzen der Banken, Inflationsangst: Nach der Hausse der letzten Wochen beginnen die Investoren jetzt, ihre Chips einzulösen. Risikoreiche Anlagen werden abgestossen. Das Kapital geht in sichere Häfen wie dem Dollar. Für die einzelnen Aktienwerte heisst das wie schon 2008: Sippenhaft. Ob Früh- oder Spätzykliker, defensive oder Finanzwerte. Jedem Stock-Picker, und sei er noch so gewieft, bleibt nicht anderes übrig als zuzuschauen.

Markteinfluss neutralisieren

Ausser es gelänge, den Einfluss des Gesamtmarktes auf einzelne Titel, im Börsenjargon unter dem Namen «Beta» bekannt, auszuschalten. Eben: Das Beta zu blocken. Was dann übrig bliebe, wäre die pure Performance des einzelnen Werts, ohne die Störgeräusche von Abertausenden anderen Anlegern. Eine schöne Vorstellung. Nur leider nicht so einfach umzusetzen. So scheitert beispielsweise schon der Versuch, am Swiss Market Index (SMI) marktneutrale Werte aufzustöbern. Kein einziger Schweizer Blue Chip weist nämlich ein Beta von 0 auf. Am tiefsten lagen 2008 noch die Aktien Synthes, Bâloise, Swisscom und Actelion.

Zielführender ist dagegen eine Kombination von Methoden. Genau dort setzen jene Anlagestrategien an, die unter dem Etikett «marktneutral» feilgeboten werden. In ihrer einfachsten Ausprägung bestehen diese jeweils aus zwei Teilen. Nämlich einerseits aus der Auswahl der «richtigen» Titel, anderseits aus Instrumenten, die gezielt den Markteinfluss aushebeln. Das tut nun eine Basisstrategie, die Thorsten Hock, Teamleiter Quantitatives Investment Research bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), für ein Zertifikat desselben Hauses entworfen hat (siehe Kasten). Hocks Team unterzieht dabei die Aktien zuerst einer vertieften quantitativen Analyse. «Ausgewählt werden jene Titel, bei denen die Analysten das beste Gewinnwachstum sehen», so Hock. Die Hoffnung ist dabei, dass solche Werte das Zeug dazu haben, den Gesamtmarkt zu schlagen.

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Anschliessend folgt der zweite Teil: «Die so ausgewählten Werte werden durch den Einsatz von Short-Positionen vom Marktrisiko befreit.» Mittels Optionen «geshortet» wird dabei der Gesamtmarkt, in diesem Fall der SMI. Der Wert dieser Position entwickelt sich in der Folge gegenläufig zum Index. Fällt die Benchmark um 1%, gewinnt der Short 1% an Wert. Der Gesamtmarkt ist neutralisiert.

Skepsis gegenüber Gesamtmarkt

Aber: Steigt der SMI um 1%, fährt die Short-Position auch dieses Mass an Verlust ein. Entwickelt sich der Index dann noch besser als die ausgewählten Aktien, muss sich der Anleger mit einer vergleichsweise geringeren Rendite zufriedengeben. Weshalb Hock auch klar unterstreicht: «Eine marktneutrale Anlagestrategie hängt ganz klar vom Investorenprofil ab. Der Anleger muss einerseits an das Potenzial von Einzelaktien glauben, anderseits aber gegenüber dem Gesamtmarkt eher skeptisch sein.»

Sicher in der Baisse, aber nicht zuvorderst dabei in der Hausse: Diesem Makel zum Trotz sind marktneutrale Strategien für GAM, die gewichtige Fonds-Tochter der Privatbank Julius Bär, derzeit das Gebot der Stunde. «GAM hat seine Equity-Long-Short-Portefeuilles zu grossen Teilen in marktneutralen Strategien angelegt und ist 2009 damit sehr gut gefahren - alle Monate waren positiv, die Gesamtrendite liegt zwischen 7 und 9%», sagt Daniel Durrer, Head of Fund Distribution Intermediary Clients. GAM kann dabei auf ein noch viel komplexeres Instrumentarium zurückgreifen: Marktneutrale Hedge-Fonds-Strategien können bei den Options-Gegengeschäften in beide Richtungen eine Überrendite erwirtschaften und auch sehr kurzfristige Marktverschiebungen ausnützen. «Marktneutrale Anlagen sind in diesem Umfeld eine wichtige Ergänzung zu den Long-Positionen, die sowieso im Portefeuille sind», so Durrer.

Verlustphasen dämpfen

Noch einen Schritt weiter geht State Street Global Advisors, ein US-Vermögensverwalter mit Niederlassung in der Schweiz. Mit der nur institutionellen Investoren zugänglichen Premia-Strategy hat er ein Produkt entwickelt, das einerseits die Performance von 10 000 Hedge-Fonds abbildet - die allesamt möglichst unabhängig vom Markt Rendite erwirtschaften wollen - und diese noch mit einem Sicherheitsnetz versehen. «Look-back straddles» heissen die dabei eingesetzten Optionen, die dafür sorgen, dass der Investor über eine bestimmte Frist die Differenz zwischen der besten und der schlechtesten Performance ausbezahlt bekommt.

«Damit lassen sich die plötzlichen Verlustphasen dämpfen, die auch bei den Hedge-Fonds immer häufiger werden», sagt Narayan Naik, Finanzprofessor an der London Business School, welcher die Grundlagen für das Produkt erarbeitet hat. Auch er kennt allerdings die Grenzen der Strategie: «Einen ‹free lunch› gibt es nicht an den Finanzmärkten. Die Absicherung nach unten geschieht immer auf Kosten des Aufwärtspotenzials.»