Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautet, waren bereits Mitte Dezember 2007, einige Wochen bevor Microsoft sein unaufgefordertes Übernahmeangebot für Yahoo abgab, mehrere Manager des Softwareriesen eifrig in China, Südkorea und Japan unterwegs, um die dortigen Internetmärkte genauer zu untersuchen. Sie kamen zu einem wichtigen Schluss: Wenn ein ausländisches Unternehmen in Asien Erfolg haben will, muss es mit den lokalen Internet-Playern, die den Wettbewerb beherrschen, zusammenarbeiten.

Yahoo hat eine solche Verbindung, und Microsoft will sie haben. Der Onlinewerbemarkt in den USA weist zwar ein solides Wachstum auf. Unternehmen, die führende Stellungen auf den drei asiatischen Märkten besetzen, dürfen jedoch eine noch lukrativere Entwicklung erwarten. Diese strategische Überlegung könnte bei Microsofts Entscheidung über ein mögliches höheres Angebot eine Schlüsselrolle spielen.

Asien hat riesiges Potenzial

Asien sei ein «unterentwickelter, aber riesiger» Markt, sagt Hiroshi Kamide, Industrieanalyst bei KBC Securities in Tokio. «Da steckt im Hinblick auf eine Erhöhung des Marktanteils noch viel Potenzial drin.» Yahoo hat das früh erkannt und sich durch Investitionen in drei der grössten Internet-Player, Yahoo Japan, GMarket in Korea und die chinesische Holding Alibaba Group, sowie in deren börsennotierte Tochter Alibaba.com in der Region eine starke Position erarbeitet.

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Diese lokal geführten Unternehmen könnten auch ein entscheidender Faktor für die Bewertung von Microsofts Aktien-und-Cash-Angebot sein und mit darüber entscheiden, ob das Softwareunternehmen den Aufforderungen der Investoren zur Erhöhung des Angebots folgt. Je nach Kalkulation beläuft sich der Wert der Asien-Geschäftsfelder auf 9 bis 14 Mrd Dollar. Die Differenz könnte Microsoft als Rechtfertigung dafür dienen, weitere drei oder noch mehr Dollar auf die bisher gebotenen 31 Dollar pro Aktie draufzulegen.

In der Aufregung über das Microsoft-Angebot, das am 31. Januar 2008 abgegeben und vom Yahoo-Verwaltungsrat umgehend als zu niedrig abgelehnt wurde, haben Yahoos Holdings in Asien noch gar nicht viel Aufmerksamkeit erregt. Doch hinter den Kulissen hat Microsoft seine Hausaufgaben gemacht. Die Reise vom Dezember 2007 habe dazu beigetragen, dass eine Reihe von Optionen ausgearbeitet werden konnte, wie man dem starken Rivalen Google in Asien die Stirn bieten könne, berichten mit den Vorgängen vertraute Personen.

Yahoos Besitz in Japan sind derzeit passive Investments, die bislang nicht in der Konzernbilanz konsolidiert werden; zudem hat die Firma nur wenig Einfluss darauf. Sie hat aber einen der fünf Sitze im Board von Yahoo Japan inne, ist dort der zweitgrösste Anteilseigner und liefert die Technologie für die japanische Webseite.

Die Geschäftstrategie des Unternehmens wird allerdings fast ausschliesslich von den Verwaltungsräten von Yahoo Japan und von Softbank Corp. bestimmt. Diese ist mit 44% der grösste Anteilseigner bei Yahoo Japan und hält auch rund 30% an Alibaba. Yahoo hat auch einen Sitz im Board von Alibaba, das Unternehmen wird aber von seinem Gründer, dem ehemaligen Englischlehrer Jack Ma, geleitet.

Wie Microsoft im Falle einer erfolgreichen Übernahme den Besitz reorganisieren möchte, ist unklar. Das Unternehmen hat dazu ebenso wie Yahoo jeden Kommentar verweigert. In jedem Fall wäre Microsoft wohl auf die Unterstützung von Masayoshi Son, dem Milliardär und Gründer von Softbank, angewiesen, der auch Yahoo in Asien berät. Er hat erst vor kurzem versichert, er sei nicht daran interessiert, seinen Anteil an Yahoo Japan zu verkaufen.

Doch Microsoft könnte mit ihm zusammenarbeiten, um die Assets besser zu integrieren, sodass Yahoo Japan und Alibaba enger kooperieren könnten, vermuten Personen aus dem Umfeld. Son hat in den vergangenen Monaten die Vorstellung von einem Unternehmen mit starken Wurzeln in China angepriesen, das grossen Einfluss auf das Internet haben könnte – eine Idee, die Alibaba-Gründer Ma aufnahm. Bei der Bekanntgabe der Quartalszahlen am 7. Februar 2008 sagte Son: «Bisher war es so, dass derjenige, der die USA beherrschte, die Welt beherrschte. Doch das hat sich geändert.»

Japan ist Asiens Referenzmarkt

Son war bei Yahoos frühem Einstieg in Asien behilflich, unterstützte die Gründung von Yahoo Japan im Jahr 1996 und führte das Joint Venture dann in neue Dimensionen. Yahoo Japan ist heute bei Internetsuche und Onlineauktionen auf dem japanischen Markt Spitzenreiter. Nach Angaben von Analysten hat Yahoo einen Marktanteil von rund 25% am 4,25 Mrd Dollar grossen japanischen Onlinewerbemarkt.

Google hat versucht aufzuholen, bleibt aber mit 21,6 Mrd Usern in Japan mit grossem Abstand Zweiter hinter Yahoo (42,5 Mrd), berichtet Datenanbieter Nielsen Online. Japanische Verbraucher gehen wegen des umfangreichen Adressenverzeichnisses und der Einkaufsmöglichkeiten gern zu Yahoo und bleiben dort auch länger als bei YouTube, Amazon oder anderen Seiten. Sogar Ebay hat seine Zelte in Japan wieder abgebrochen, nachdem es nicht gelungen war, Yahoos Vorherrschaft bei Onlineauktionen zu brechen. Die MSN-Seite von Microsoft liegt auf dem achten Platz.

Alibaba hat in China keine so starke Stellung, bietet Yahoo aber in einem rasch wachsenden Markt mit 220 Mio Usern eine Plattform. Yahoo verschmolz seine chinesische Website mit Alibaba und liegt damit nach Angaben der chinesischen Marktforscher Analysys International mit grossem Abstand an dritter Stelle hinter der chinesischen Baidu.com, auf die 60% der rund 132 Mio Dollar Umsatz der Suchmaschinen entfallen.

Aber da die Aktien nicht so leicht verkauft werden, setzen Analysten und Investoren bei der Kalkulation von Yahoos Gesamtwert normalerweise nicht den Marktwert an, sondern kalkulieren mit einem Abschlag zwischen 20 und 40%. Dieser Spielraum könnte auch den Verwaltungsrat von Yahoo bei der Ablehnung des Microsoft-Angebots beeinflusst haben.

Lukrative Investitionen in Asien

In einem Brief an die Angestellten nannte Yahoo-Mitgründer Jerry Yang dabei den Besitz in Asien als einen der Gründe, warum Microsofts unaufgefordertes Angebot in Höhe von 31 Dollar pro Aktie «eindeutig zu niedrig» sei, und wies darauf hin, dass «unsere beträchtlichen unkonsolidierten Investments in China und Japan miteinbezogen werden müssen: Wir halten einen grossen Anteil an Yahoo Japan, dem Marktführer, und Alibaba, die in China – einem Markt mit enormem Wachstumspotenzial – stark positioniert ist.»